Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 19. November 1892

Potsdam 19 Nov. 92.

Lieber Bruder!

Besten Dank für die Uebersendung Deines Aufsatzes „Ethik u. Weltanschauung“. Derselbe verweist (S. 2)a auf einen andern im neusten Heft der „Freien Bühne“ erschienenen Aufsatz

„Die Weltanschauung der monistischen Wissenschaft.“

Hast Du davon einen Abdruck, so schicke ihn mir, falls nicht derselbe identisch ist mit Deiner Altenburger Rede, die ich schon habe.

Ich behalte mir vor Dir meine Ansicht darüber dann mitzuschreiben. Den Foerster’schen Aufsatz haben wir neulich in unserm Herren-Lesekränzchen zusammen gelesen.

Mir geht es so leidlich. Ich habe bald nach Deinem Besuche || argen Schnupfen bekommen und dieser hat einem Katarrh Platz gemacht, der jetzt in Abnahme ist, mich aber doch mahnt, den scharfen Ostwind, der nun schon über 8 Tage, vonb ziemlichem Frost begleitet, herrscht möglichst zu vermeiden.

Sonst geht es mir gut, nur daß ich lange nicht so viel thue, wie ich gern möchte. Ich muß noch lernen, die Zeitzersplitterung zu vermeiden, die noch leichter geschieht, wenn man nicht durch den Beruf an bestimmte Arbeitsstunden gebunden ist.

– Meinen Ernst werde ich noch vor Weihnachten aus dem Eichhof fortnehmen. Die Gebundenheit einer Nervenheilanstalt mit stark religiösem || Anflug taugt für ihn nichts. Ich korrespondire jetzt wegen seiner anderweiten Beschäftigung. Eine Stellung als Gartengehilfe wird jetzt schwer für ihn zu finden sein. Die Jahreszeit ist zu ungünstig. Ich werde ihn schlimmstenfalls bis zum Frühjahr in hiesiger Umgegend beschäftigen müssen.

Die anderthalb Brautpaare sind hier munter; ich sehe sie oft. Julius hat sich für März kommenden Jahres zu einem Kommissorium Behufs Anlegung von Grundbüchern im Ober Landes Gerichts Bezirk Coeln gemeldet. Er hat dann Aussicht etwa nächsten Herbst Diäten zu bekommen und wird dann wohl – heirathen! –

Georg, der arme, wartet immer noch auf eine Citation zum mündlichen Examen. Er wünscht sehr noch vor || Weihnachten dran zu kommen.

Vorigen Monat hatte ich bei mir Verlobungsfeier in engster Familie, habe Euch u. Heinz aber natürlich nicht eingeladen; Ihr konntet ja doch nicht! –

An Geselligkeit fehlt es mir nicht; alle Augenblicke ist etwas los, wenn ich auch nur wenig mitmache.

Grüße mir Frau u. Freunde, und meinen Heinz, der wohl morgen bei Euch ist.

Dein alter

Bruder.

Ist Euer Walter nach Italien? –

a eingef.: (S. 2); b gestr.: mit; eingef.: von

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
19-11-1892
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35295
ID
35295