Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Hasserode, 30. Juni 1892

Hasserode den 30. Juni

1892., Mittags.

Lieber Bruder!

Hiermit zur Nachricht, daß ich schon heute Nachmittag nach Potsdam fahren will. Ich hätte gern den Keuchhusten hier gelassen, und noch lieber die mich seit Ende Februar plagenden Nachtschweiße. Aber beide sind hartnäckig. Ich hatte ja in der letzten Zeit wundervolles Sommerwetter, und habe es gestern so recht genossen, bevor am Nachmittag ein Gewitter heraufzog. Ich war früh mit dem nach Schierke gehenden Omnibus bis ohnweit der trefflich auf schöner Wiesenfläche mit Wald auf der einen und einem herrlichen Panorama von einem Theil des Südharzes auf der anderen Seite umgebenen Försterei Hohnea gefahren und sonnte mich dort oben unter dem Schutz einer einsamen Eiche bei sehr warmer, aber bewegter Luft (die von der Schwüle nichts merken ließ) || über 1 Stunde, aß dann in der Försterei gut zu Mittag und ging nach der Siesta in 2 Stunden immer Bergab und vor dem heraufkommenden Gewitter in eine Steinschlägerhütte (hier oben sind großartige Granitsteinbrüche) Schutz findend nach meinem Gasthof zurück, ohne naß geworden zu sein. Heute ist das Wetter wieder ungeschlagen (früh +9°), aber wird sich wohl wieder berappeln.

Mich treiben allerlei Gefühl zum 1 Juli dieses Jahres, die ich doch lieber selber abmachen will, nach Hause und meines Ernst’s Zustand, der seit vorigen Montag zu Hause, aber noch recht schwach ist, so daß ich Marie, die mit 2 Kindern am Sonnabend für die Ferien nach Potsdam kommen wollte, gebeten habe, dies noch 8 Tage aufzuschieben, damit Ernst noch länger Ruhe hat, die ich ihm sonst trotz des großen Quartiers in ausreichendem Maße nicht verschaffen kann.

Aber für mich ist es zweckmäßiger, || die Abreibungen, die ich gegen das Schwitzen vornehmen soll, zu Hause in aller Bequemlichkeit besorgen lassen zu können.

Seit einigen Tagen reibe ich mir nämlich kurz vorm Schlafen gehen den ganzen Körper, soweit es mir möglich, mit 2 Thl. absol. Alkohol u. 1 Thl. Kampferspiritus ein. Wenn das aber nach einigen Wochen nicht hilft, so werde ich wohl systematische Kaltwasser-Abreibungen versuchen müssen. Obwohl ich mich sonst wohl fühle, merke ich doch alle morgen die Erschlaffung durch das noch stärker gewordene Schwitzen. Wenn ich nachts gegen 1-2 Uhr das nasse Hemd abgethan habe, so bin ich in einigen Stunden, oft noch eher grad wieder soweit.

Nun, man muß Geduld haben. Die häusliche Kost wird mir, denke ich, auch wieder besseren Appetit bringen, der bei dem beständigen Wirthshausessen, wenn es auch sonst gut ist, abgenommen hat. Vor manchen Speisen, die ich sonst gern esse, habe ich ordentlichen || Widerwillen!

Doch ich habe Dir, – und dem Heinz, für den der Brief mitgeschrieben ist, genug vorgeklöhnt. Wünsche nur, daß es bei Euch gut geht.

Nächster Tage rechne ich. Schreibe mir doch wie viel Du jetzt, oder später zur Augustreise, zur Verfügung haben mußt, damit ich das Mehr anlegen kann.

Mit herzlichen Grüßen an Dein Haus

Dein treuer Bruder

C. Haeckel

a eingef.: umgebenen Försterei Hohne

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
30-06-1892
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35288
ID
35288