Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Sand bei Bühl, 26. Mai 1892

Sand bei Bühl

den 26 Mai 1892.

Lieber Bruder!

Auf Deine Zeilen vom 23st dieses Monats kann ich Dir zur Zeit noch keine bestimmte Antwort geben. Ich hoffe, wenn das Wetter sich einigermaßen hält, über 8 Tage so weit zu sein, dass ich die Zelte hier abbrechen u. am 4. Juni (Sonnabend) bei Euch eintreffen kann. Als ich hierher kam, trat am folgenden Tage wieder kältere u. unbeständige Witterung ein, die mich wieder ein Stück zurückbrachte. Aber seit vorigen Sonnabend (d. 21st) ist das Wetter wieder günstiger geworden. Der Sonntag (22st) war ausgesucht schön, u. die letzten Tage hier oben so warm, daß einem die Hitze fast lästig wurde. In Baden unten ist es in den kalten Tagen auch nicht besser gewesen. Mit regelmäßigem Heizen kommen wir hier ebenso gut durch wie unten in Badena, wo wir das Anfang Mai, nach Eurem Besuch, auch thun mußten. ||

In den warmen Tagen in Baden hatte ich das kurze Hüsteln fast ganz verloren; hier bin ich jetzt wieder ebenso weit. Nur die Schwäche der Stimme, bei längerem Sprechen u. die mehr unbequemen, als angreifenden Nachtschweiße, die ich überhaupt seit der Krankheit noch gar nicht los geworden bin, sind geblieben. Dabei kann ich ohne Anstrengung längere Zeit gehen u. mache täglich 2-3 Spaziergänge von zusammen ca. 6 Stunden. Bergauf muß ich recht langsam gehen u. werde mir das überhaupt für die Zukunft zur Regel machen müssen.

– Finde ich mich dagegen Mitte der folgenden Woche noch nicht frisch genug und das Bedürfniß noch länger hier zu bleiben u. ist das Wetter dazu günstig, so würde ich mein Retourbillet dran geben u. bis etwa d. 18 Juni hier bleiben, und erst mit Ablauf meines Urlaubs direkt nach Hause fahren. ||

Doch, wie gesagt, ich hoffe, daß ich zu Pfingsten bei Euch sein kann.

Hier ist es jetzt im Walde und auf der Höhe herrlich, auch oben, auf dem (½ Std. entfernten) Mehliskopf (1000m ü. M.), der grade gegenüber meinen Fenstern sich erhebt, u. auf der Badener Höhe, wo ich gestern mit Georg, war, 1004m. üb. M., bei solchem Wetter, u. Windstille zu jeder Zeit zum Sitzen warm genug. Schnee findest Du hier in der Nähe gar nicht mehr. Nur am Nordabhang der Hornisgrinde (2½ Std. von hier) zeigt sich noch ein Schneefleck (so wie im Riesengebirge im Sommer bei den Teichen). Die Wirkung des Clima’s kann daher bei gutem Wetter nur eine günstige sein. Bei ungünstigem nimmt man die guten Stunden wahr und sucht geschützte Wege im hohen Tannenwalde auf! – ||

Ich kann es hiernach nicht bereuen, vor 10 Tagen hier hinaufgegangen zu sein.

– Die Hohen Herrschaften aus Holland verlassen und Sonnabend, – dann wird das große Haus wohl bald von Sommergästen besetzt werden.

Heute strömen die Himmelsfahrtsausflüger über das Gebirge.

– Hrn. Meyer senior habe ich in Baden vergeblich 3mal aufgesucht u. er mich auch verfehlt. Thut mir leid, aber wir hatten gleiche Lebensweise: den Tag über viel umherzustreifen.

Viel Grüße den Deinen u. meinem Heinrich

von Deinem treuen Bruder

C. Haeckel

a eingef.: in Baden

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
26-05-1892
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35286
ID
35286