Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Baden-Baden, 13. Mai 1892

a.) IIr Bericht.

Baden-Baden 13 Mai 1892

Das schöne Wetter ist nun seit mehreren Tagen in vollem Maße da; der Wind ist günstig; ein Streifgewitter, das vorgestern über das Thal u. alte Schloß hinwegzog, als wir grad auf letzterem waren, hat nichts geschadet, nur erfrischt, u. so hoffe ich, nächstens auf die Höhe ziehen zu können, wenn der Arzt, an den ich mich auf Empfehlung von Bruder Ernst gewendet (Medizinal Rath Dr. Oeffinger) es anrathet. Denn erst bei dauernd warmem Wetter ist es gerathen, die Höhenorte Sand (wo die wohlbeleibten niederländischen beiden Königinnen jetzt hausen – die eigentliche, jetzt 8 Jahre alt, soll wie eine 15-jährige aussehen, worauf Mulder’s stolz sein können!) – oder Ober-Plättig oder Breitenbrunn aufzusuchen. Georg soll nächstens das Terrain oben rekognosciren (oder zu Deutsch – das Gelände beaugenscheinigen!) u. dann erst soll Beschluß gefaßt werden. Georg ist nämlich als sommerlicher und winterlicher Bergwanderer in den oberen Gegenden des Schwarzwaldes wie zu Hause, kennt die Hauptsächlichen Wirthe u. namentlich aucha den „Sandwirth“ (der übrigens nicht Hofer, sondern Meyer heißt) und meint, daß man dort in der That gut aufgehoben sei, wenn nicht etwa „die 2 Königinnen“ alle 90 Zimmer mit Beschlag || belegt oder die Preise dort sehr vertheuert haben. – Dann würdenb wir nach einem der anderen Orte gehen! –

– Die bei gutem Wetter ganz entzückende Gegend Baden-Badens ist nicht leicht zu beschreiben. Die Oos, vom höheren Schwarzwald kommend, durchzieht die vom S.O. nach N.W. c gehende Thalfurche mit vielen Seitenthälern, die in den sich schlängelnden Thalgrund münden. Die 200-400. Meter über demselben sich erhebenden Höhenzüge sind gut bewaldet, theils mit hohen Tannen, theils mit Eichen u. Buchen, letztre von zweierlei Art d bestanden. Auf der Nordöstlichen Seite, also dem e rechten Ufer der Oos, sind mehrere hohe Kämme oderf Kogel; sie folgen sichg, von der Rheinebene aus gerechnet: der Hardtberg oder Battert, auf dem das alte Schloß 491m ü. Meerh und das Felsenmeer, der Mercurius oder großei Stauffenberg, der kleine Stauffenberg, der Hummelsberg. Diese Höhen bilden die Scheidewand zwischen dem Thal derj Oos und dem untren Murgthal, in welchem Gernsbach liegt, und wohin der Paß zwischen Battert u. Mercurius an der Ebersteinburg vorbei hinüber führt.

Auf dem linken Ufer der Oos erheben sich, von der Rheinebene aus gerechnet, der langgestreckte Waldrücken des Fremersberg’s (– Thurm 526m über Meer), östlich davon || der Friesenberg, an dessen Ostabhang Pension Jaeger liegt (ca. 100mtr. über der Oos und dem Conversationshause, oder Trinkhalle Baden’s), u. weiter nach S.O., die Ausläufer des Yberg u. Iberst mit ihren mehrfachen malerischen Märchenschluchten, welche in die Lichtenthaler Allee, die Hauptverkehrsader des Oosthales, münden. Einen merklicheren Abschnitt bildet dann das Thal von Geroldsau mit seinem freundlichen, in einer waldigen Seitenschlucht befindlichen Wasserfall. Hinter diesem Thalabschnitt erhebt sich dann der Steinberg u. höher hinauf die Badener Hoehe, deren Thurm, 1005mtr. ü. M. weithin sichtbar k ist u. von der westlich die beliebten hochgelegenen Luftkurorte sich befinden, nachl deren einem ich noch auf einige Wochen hinaufziehen will.

− Die Villa, jetzt Pension Jaeger, ist ein solid gebautes, 2 stöckiges Landhaus ursprünglich für eine Familie recht solid u. geräumig gebaut, aber doch, wenn auch in 10-15 Minuten von Unten, vom Conversationshause aus im starken Anstieg oder auf bequemerem Fahrweg erreichbar, doch vor 5 Jahren noch so abgelegen, daß nach dem || Tode des letzten Besitzers, sie niemand erst kaufen wollte u. so Jaeger’s das Besitzthum von ca. [ ] billig erwerben konnten (für 80.000 Mk.). Vor dem Hause hinab u. hinter demselben hinauf ist der Berg steil, aber mit hübschen Garten- u. parkartigen Anlagen versehen. Auf dem höchsten Punkt haben Jaeger’s dann vor 2 Jahren ein Nebenhaus, Schweizerhaus in leichterem Styl, errichtet. Aus demselben habe ich mit der Aussicht nach Süden, über dem alten Hause hinweg eine herrliche Aussicht über die linke Thalseite der Oos u. in die m abschließenden Waldberge hinein. Mein Zimmer liegt 1 Treppe hoch ist klein aber freundlich; Georg wohnt im östlichen Giebel, in einer geräumigernn Balkonstube, eine Treppe höher, hat weniger Aussicht, weil das massige, burgartig gebaute Schloß Solms (-Braunfels) mit seinen hohen es theilweis umgebenden Tannen grad davor liegt. Aber wir haben in den kalten Tagen, in dem behaglichen geheitzten Stübchen, gern Vormittags u. Abends gelesen u. geschrieben. Jetzt sitze ich in der breiten Vorhalle des alten Hauses auf dem unteren Balkon, durch eine große Markise gegen die Vormittagssonne geschützt. In den beideno Ecken des wohl 4 Meter vorspringenden Balkons blühende herrliche Rhododendron’s, weiß, dunkel- u. hellroth in großer Fülle. Sie überwintern hier uneingedeckt u. haben viel frischeres u. kräftigeres Aussehn, als im sizilianischen Garten von Sans-souci. ||

b.) I.

Vor dem Balkon u. Hause zieht sich eine breite mit Kies bedeckte Promenade entlangb, die in den, den Berg hinauf führenden aber durch Gebüsch verdeckten Fahrweg mündet. Dieser letztere geht theils nach der noch höher gelegenen Villa Hohenstein, theils links abschwenkend, u. oben weg gehend, weiter nach der Thalschlucht in der die Hotels u. Pensionen „Kaiserin Elisabeth“ u., weiterhin der „Korbmattfelsenhof“ (ein schrecklicher Name, den ich erst gar nicht behalten konnte) liegen. In letztrem, ½ Stunde von hier, haben wir p öfters Kafe getrunken. Gestern sind wir auf den dahinter gelegenen steilen Berg mit dem Korbmattfelsen, aber auf ganz bequemem Promenadenwege, gestiegen, wie man sie fast auf jedem der Berge hier findet; u. hatten einen freundlichen Blick in die Rheinebene nach Steinbach zu, einer Station der Karlsruhe-Freiburger Bahn.

Außerdem habe ich in der letzten Woche das alte Schloß (hinauf fahrend, hinab gehend), den Geroldsauer Wasserfall (außerorts fahrend) u. den sog. „Drei-Burgen-||Aussicht“, − einen Aussichtspunkt am südl. Abhange des Hardtberges, von dem aus man die Ebersteinburg, das alte Schloß und die Yburg erblickt u. unter sich die Stadt hingelagert, hinter derselben 4-5 Höhenzüge in malerischen Windungen hintereinander sich gruppirend, mit der Badener Höhe u. den Württemberger Bergzügen im Hintergrunde.

Den Mercurius und den Fremersberg habe ich mir noch aufgespart, aber das Jagdhaus am Abhang des Fremersberges mit weiter Aussicht über die Rheinebene hinweg, im Hintergrunde das Straßburger Münster, die Vogesen u. die Hardtberge habe ich auch noch q besucht.

Kurz – an Abwechslung in den Spazierwegen fehlt es nicht, und für langsames Gehen u. Schweigen beim Bergauf sorgt Georg in strengster Weise! –

Aber auch Gesellschaft haben wir genug. Komisch; ich bin wie vor 3 Jahren in Ragatz, wieder in eine theologische streng-lutherische Sphäre hineingerathen. Aber es sind brave, gute Leute, die Jaegers, und daß sie in jeder Gast- und Logirstuber statt eines Bildes || einen wohl eingerahmten Spruch aus der Bibel aufgehängt haben, ist wahrlich nicht störend. Wenn Georg dadurch orientirt wird, in Geduld auf seine 2te Arbeit zu harren, so ist das grad recht!

Bisher war nun auch ein Stuttgarter Notariats-Assistent, H. Daur, als Gast da. Er hat sich von Ueberarbeiten und damit verbundener Schlaflosigkeit hier erholt und ist gestern nach 5wöchigem Aufenthalt abgereist. Durch ihn kamen wir in die Gesellschaft von verschiedenen Württemberger Geistlichen, aus Stuttgart, Ludwigsburg u. Umgegend u. s. w. Der Eine, Pfarrer Keeser aus Kirchheim unter Teck entpuppt sich als Studiengenosse und Freund vom Pfarrer Eitel in Calw, ein frischer unbefangener Mann, mit dem ich viel Berührungspunkte hatte. Dieser ist gestern nach Quadt fort. Abends würde ich die noch hier weilenden, Stadtdiakon R. Weitbrecht aus Stuttgart, u. Ladiker aus der Ludwigsburger Gegend leicht in einem der Bairisch-Echtes schenkenden Häuser treffen – denn auch diese Herren suchen als echte Süddeutsche des Abends ihren Schoppen im Wirtshause, sie „gehen zu Bier“, − aber das behagt mir nicht; || ich lese dann gern oder lasse mir von Georg vorlesen, da ich nicht zu viel sprechen soll.

Gleichwohl hat es an Durchreisenden, die wir zufällig trafen, nicht gefehlt: erst Commerzien Rath H. Delbrück-Stettin, den wir gleich am ersten Tage hier fanden – er hat von der Riviera kommend, hier ca. 10 Tage sich aufgehalten u. mit uns nach dem Gunzenbacher Hof einen Spazier Gang gemacht – dann Regierungs Rath Giessel aus Gumbinnen, Sohn der verwitweten Frau Giessel-Berlin – er kam an Neurasthenie schwer leidend u. seit Dezember vorigen Jahres beurlaubt aus einer Nassauer Wasseranstalt hierher, aber das Klima war ihm zu warm und er ist auf Anrathen der Ärzte gestern nach dem Titisee (Station der Freiburger Bahn) abgereist – und nun sind H. Heilborn, Schwiegervater von Hermann Lisco, und H. Hermann Meyer, Schwiegervater der Lisbeth angekommen, denen einen Besuch zu machen ich veranlaßt bin. So geht dann die Zeit rasch genug mit Herumschleichen, Lesen u. Gesellschaft rasch genug vorüber, wenn auch die Sehnsucht nach Hause dann u. wann recht lebhaft sich geltend macht. Man kommt sich doch immer als Schlaraffe bei solcher Lebensweise vor.

NB Bitte diese Bogen der Sonntagsgesellschaft in Potsdam mitzutheilen u. dann nach Crossen – Naundorf – Jena weitergehen zu lassen! Um rasche Weitersendung bitte ich!s

Mit herzlichen Grüßen

C. Haeckel

t Hiermit zugleich herzlichen Dank für die Briefe von Julius und Richard, auch für den dürftigen von Ernst u. die Karte von Hermann, die ich nicht alle einzeln beantworten kann, u. für Onkel Ernsts Brief, den ich an Tante Bertha weiter sandte. Herzliche Grüße von Georg und mir an alle Lieben!

u Herzliche Grüße von Hermann. 21/5 92 weiter an Ernst und Heinz.

a eingef.: auch; b gestr.: gehen; eingef.: würden; c gestr.: sich; d gestr.: besetzt; e gestr.: link; f eingef.: Kämme oder; g eingef: sie folgen sich; h eingef.: 491m ü. Meer; i gestr.: obere; eingef.: große; j eingef.: Thal der; k gestr.: zu; l eingef.: nach; m gestr.: hier; n eingef.: geräumigern; o eingef.: beiden; q gestr.: geseh; r eingef.: - und Logir; s weiter am Rand v. S. 8: Um rasche Weitersendung bitte ich!; t weiter am Rand v. S. 7: Hiermit zugleich herzlichen…an alle Lieben!; u weiter am Rand v. S. 1: Herzliche Grüße von…Ernst und Heinz.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
13.05.1892
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35284
ID
35284