Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 4. April 1892, mit Beischrift von Heinrich Haeckel

Potsdam 4 April | 1892.

Lieber Bruder!

Recht überrascht hat mich Deine Karte aus Frankfurt; ich glaubte nach Deinem letzten Briefe (der den 10 Exemplaren Deines Herzensergusses btr. V. S. 9.a beilagb, für den ich Dir herzlich danke) Dich kaum noch auf einer Frühjahrsreise. Wenn das Wetter so schön ist an der c Riviera, wie bei uns jetzt in den letzten 8 Tagen, und mit der nöthigen wärmeren Temperatur (denn an der fehlt es hier noch), so muß es ja dort ganz herrlich sein und wird Agnes gewiß recht gut thun, was ich von Herzen wünsche.

Ich habe mich an einigen kalten Tagen eher zu sehr heraus gewagt; es war doch um Mittag u. in der Sonned rauh u. ich sehr empfindlich; da habe ich wieder einen Flock zurückstecken müssen u. gehe höchstens auf ¼ Stunde um Mittag in den Garten. Sonst bin ich von 7 Uhr früh bis 8 oder 9 Uhr Abends außer Bett u. lege mich nur öfters || auf das Sopha, um warme Füße zu behalten. Ich vertreibe mir die Zeit mit Privatarbeiten (habe viel gerechnet, u. muß jetzt erschrecklich mehr Steuern zahlen u. zu dem plus der 40 Million mit beitragen) u. mit Lektüre von allerlei leichteren e Zeugs als: Familie Buchholz, Heinrich Seydel kleine Erzählungen u. A. Abends nach Tischef lese ich auch [mit] Frl. Kniebe u. Siegfried einige Kapitel aus Reuter‘s Stromtied; Frl. Kniebe liest das Plattdeutsche gut vor u. wir erquicken uns recht an dem trefflichen Humor u. der gesunden deutschen Luft, die durch Reuter’s Werke weht.

Zu der Arbeitszeit, – Vormittags, habe ich manche alte Briefschuld abgemacht u. lese Rechtsgeschichtliches; Stoelzel’s Vorträge über Preussische Rechts- u. Staatsgeschichte, die mich dann auch zum Nachschlagen in anderen geschichtlichen Werken veranlassen. Das beständige Lesen von reiner Unterhaltungslektüre bekommt man auf die Dauer satt; und doch darf ich vor Ostern nicht an die amtliche Thätigkeit denken. Der Arzt sprach sogar davon, mich auf einige Wocheng Anfang Mai in ein || wärmeres Klima (etwa Taunus oder Südbaden) zu schicken, damit die reizbaren Athmungsorgane ordentlich auskurirt werden; doch ist das hoffentlich nicht nöthig.

Aus unsrer Familie kann ich Dir melden, daß Tante Bertha am Sonnabend, den 2t glücklich in ihr unteres Quartier heruntergezogen ist u. Hahn’s heute in die Lichterfelder Dienstwohnung einziehen. Der kleine Walter, ein strammer Bengel, hat seinen ersten Zahn bekommen.

Friedel wird heute nach Ober Secunda versetzt u. ist fast so groß wie ich.

Mulders haben sich zum 21st dieses Monats bei Tante Bertha in Berlin angemeldet.

Mein Ernst kommt zum Osterfest her, um am 3t Feiertag dann in Nauendorf bei Annaburg die neue Stellung anzutreten. Von Hermann habe ich befriedigenden Nachrichten. Er fängt nächstens seinen 2t Sommer-Kursus an.

– Was Deine Finanzen anlangt, so sind die Vorschüsse, die ich gemacht, durch die Einnahme pro 1 April wieder gedeckt u. ein Bestand von 885 Mk. vorhanden, || der Dir zur Verfügung steht.

Nun lebt recht wohl; ich sende diese Zeilen über Jena (Heinz), damit er noch etwas hinzuschreiben kann.

Mit herzlichen Grüßen an Euch beide

Dein treuer Bruder

C. Haeckel.

[Beischrift von Heinrich Haeckel]

Lieber Onkel!

Die wichtigste Thatsache, welche seit Deiner Abreise sich ereignet, dürfte die Ernennung Fuerbringers zum sachsen-meiningenschen Hofrath sein. Der Herzog von Meiningen hat einen größeren Ordenssegen zu gleicher Zeit über die Universität fließen lassen, Stahl, Eucken, Leichenmüller sind decorirt worden. – Das Wetter ist hier andauernd ganz herrlich. Sonntag machte ich einen Gang aufs Luftschiff; sonst bin ich ziemlich fleißig, wofür die gegenwärtig nicht allzu große Zahl der Patienten günstig ist. Tante Clara traf ich kürzlich im Theater beim Gastspiel von Frl. Basté aus Dresden; sie läßt bestens grüßen. – Tante wünsche ich recht volle Erholung, damit „Frieden und Glück in der schwergeprüften Familie wieder einziehe“.

Herzlichste Grüße Dein treuer Heinz

a eingef.. betr. V. S. 9.; b korr. aus: beilage; c gestr.: Levante; d eingef.: u. in der Sonne; e gestr.: Zeuge; f eingef.: nach Tische; g eingef.: auf einige Wochen;

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
04-04-1892
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35280
ID
35280