Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 7. Februar 1887

Potsdam 7 Februar

1887 Vorm.

in foro

Lieber Bruder!

Mit unsrer lieben Alten geht es in so fern etwas besser, als ein zweimal genommenes Abführmittel (Rhizinus) gründlich gewirkt und ihr Erleichterung verschafft hat. Es hat aber auch ihre Kräfte erheblich mitgenommen und der Appetit ist sehr mäßig. Sie ist unter Ebmeier’s Behandlung; er hält den Zustand nicht für augenblicklich bedenklich. Doch müße man immer darauf gefaßt sein, daß einmal plötzlich ein Herzschlag oder dergleichen eintrete. Ich bin täglich bei ihr ein Stündchen oben und lege ihr eine Patience u. plaudere mit ihr. Gestern Abend warena auch die || Kinder oben und spielten mit ihr Boston. Dann ist sie immer noch am meisten auf dem Zeuge.

Mit Rücksicht b auf ihren Zustand und auf die unsicheren politischen Verhältnisse bitte ich Dich nun, jedenfalls möglichst oft uns mitzutheilen, wo Du auf Deiner Reise Dich aufhältst. Passirt hier in einer der beiden Beziehungen Ungewöhnliches, so scheint mir am einfachsten und sichersten,

wenn ich die betreffende Nachricht der Direktion des Österreichischen Lloyd in Triest mittheile u. dieser überlasse, die Nachricht an Dich weiter zu befördern.

Sollte der Krieg während Deiner Reise || ausbrechen (wofür zur Zeit nach gestern in Berlin eingegangenen Nachrichten die Gefahr wieder geringer geworden ist), so suchst Du doch jedenfalls so schleunig wie möglich zurückzukommen, damit Dir der Rückweg nicht durch Truppentransporte verlegt wird.

Im Uebrigen wünsche ich Dir von Herzen eine glückliche Reise, die Du, wie ich vermuthe, doch antrittst, wenn sich die Sachlage bis zum 12t dieses Monats nicht etwa wesentlich verändert.

Bei uns geht es sonst gut. In Wannsee ist Hermann’s Frau jetzt auch wieder besser. Tante Bertha hatte gestern Mittagsgesellschaft, zu der ich || drüben war, Quinke’s sen. u. jun. (der Kaufmann), Korn’s, Herr Eichhorn, Heinrich und Helene. Tante ist leidlich munter u. denkt heute Mutter zu besuchen.

Mein Ernst geht zum 1 März definitiv nach Celle in die Schieblerische Baumschule. Ich sitze noch immer viel in Wahlwirthschaft, wir erlassen dieser Tage einen Aufruf für die Wahl von Rauchhaupt’s, den ich Dir vielleicht noch sende. Er wird auch Heinz interessiren, der doch mal selber was von sich hören lassen kann, oder spart er es sich bis nach dem 18t auf? – Er soll mir dann mal die Wahlwirthschaft in Eurem Städtchen schildern. Sein früherer Reisegefährte Herr Müller, Brauereibesitzer, hat sich bei unsern nationalliberalen Versammlungen betheiligt, gehört aber zu denen, die schwer herumzukriegen sind, für einen Conservativen primo loco zu stimmen. Wir hätten hier entschieden || bessere Wahlaussichten gehabt, wenn wir uns über einen freikonservativen Candidaten geeinigt hätten. Aber darauf glaubten die leitenden Herren der Landbevölkerung wegen nicht eingehen zu können.

– Donnerstag komme ich wieder nach Berlin, wohin mich jetzt der Wahl wegen der Weg oft geführt hat. Diesmal soll ich Freund Abegg treffen, der mich zu einem Rendezvous hinbestellt hat.

– Heute erhalte ich einen Brief von Theodor Bleek, wonach die General Versammlung für die Westphalia am Sonnabend den 26st dieses Monats stattfindet. Ich denke einige Tage vorher hinzureisen. Wie ich in Bezug auf Zubusse[!] stimme, überläßt Du wohl mir; nach den dort noch einzu-||ziehenden Erkundigungen werde ich mich entscheiden. Vorher Grundschuldbriefe zu veräußern, widerräth Theodor Bleek, da dieselben nach Bewilligung von Zubuße jedenfalls besser im Course stehen würden u. voraussichtlich ohne Kapitalverlust anzubringen seien.

Jedenfalls halte ich es aber für gerathen, sich der wenn auch gute Zinsen bringenden Grund Schuld Briefe bei guter Gelegenheit zu entledigen, um bezüglich der Kuxe nachher freie Hand zu haben.

Nochmals mit herzlichen Grüßen

Dein treuer

Karl.

Nach Triest gebe ich Dir noch Nachrichten; wohin nachher p. Brief? – ||

Nachmittag.

Mutter diktirt mir:

„sie lasse Dir von Herzen wünschen, daß es uns beiden mit unsern Kindern gut gehe; Du möchtest sie lieb behalten und in gutem Andenken. Sie bitte nur sehr daß wir immer hübsch zusammenhalten, und Du möchtest Dich in Acht nehmen.“

(Der Husten ist geringer, plagt sie aber immer noch recht, wenn er kommt: Ueber Rückenschmerzen klagt sie viel und es ist eine rechte Qual für sie, wenn Sie sich auf dem Sopha oder dem Lehnstuhl, – den sie bisher immer noch benutzt hat – eine andere Lage zu geben versucht.) –

„Du solltest Frau und Kinder von ihr schön grüßen.“

Karl. ||

P.S. Möglich, daß Du einen Assistenz-Arzt, Dr. Matz, von hier, auf Deiner Tour triffst. Er ist dieser Tage mit einem 6 wöchigen Rundreisebillet von Triest ausc nach Alexandria (Nil aufwärts), dann Beirut, Damaskus, Cypern, Rhodos, Smyrna, Athen, Triest abgereist. Er ist ein Freund von Heinrich und seine Reise auf 6 Wochen berechnet.

Hkl

a eingef.: waren; b gestr.: hi; c eingef.: Triest aus

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
07-02-1887
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35242
ID
35242