Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 15. Januar 1889

Potsdam 15 Januar 89

Abds.

Lieber Bruder!

Die letzte Nacht, von der wir annahmen, daß es zu Ende gehen können – weshalb Marie bei Fräulein [Rühs] oben blieb, war besser als die vorige. Mutter schlief meist u. hatte mehr Ruhe. Aber einen Löffel Wein wollte sie gegen Morgen ebensowenig wie andre Nahrung zu sich nehmen, sondern stieß den Löffel, den ihr Marie bot, zurück. Dabei fanstasirte sie wie jetzt meist – und doch – kommen dazwischen wieder ganz klare Augenblicke. So heut Vormittag ½9 Uhr, ehe ich aufs Gericht ging. Als ich ihr „guten Morgen“ bot, entgegnete sie: || Bist Du es mein Junge? – Ich fragte sie nur: Willst Du Kafe, es ist Zeit dazu? Da bejahte sie es. – Weiter, als ich ihr die Hand drückte, sagte sie: „Kalte Hände, warmes Herz!“ Nachdem ich gegangen hat ihr dann Marie rasch Kafé gebracht u. da sie nicht mehr selbst trinken kann, Löffelweis gegeben. Bald hat sie aber nicht mehr gewollt. Da hat Mieze das alte Mittel angewandt: „Nun noch einen Löffel für Deinen Karl!, nun einen für Deinen Ernst“ u. s. w., und das hat so weit angeschlagen, daß sie ihr eine halbe Tasse beigebracht hat. Der Doktor hat ihr Nachher den nöthigen Löffel Rizinus || schwer ankomplimentirt u. zur weitren Nahrung frisch eingekochten Fleischextrakt angeordnet.

Eben war ich, als ich von der (trotz scharfer Kälte; heut Früh -12° [Nachmittag] -8°) herrlichen Eisbahn kam, bei ihr. Sie erkannte mich freute sich daß ich einen Deskaer verlangte u. sagte vor sich hin „Was Gott schickt muß man ertragen.“ Gleich darauf fiel sie wieder in Phantasien: „ob die Fremden oben bald auszögen?“ u. s. w. – Originell ist, wie sie das Fräulein, mit der sie früher alles Leckerei freiwillig getheilt hat, behandelt. Als ich dieser den halben Deskaer abgeben wollte, sagte sie, das || hörend: „Die braucht keinen, die kann von dem anderen (Pfefferkuchen) kriegen!“ – Ueberhaupt findet sie vielfach, daß Marie u. Frl. Rühs sie schlecht behandeln und ruft dann „Hülfe“ nach „Carl“, der natürlich nicht kommt.

Sehr schwer ist es, sie trocken zu halten; die Bettlage und das Bettzeug müssen oft gewechselt werden. Aber die angeschafften Kissen thun ihr gut. Der Dr. hat heut gemeint, es könne immer noch einige Tage dauern. –

Ich muß an die Arbeit. Deine zweiblättrigen Zeilen empfing ich heut früh.

Mieze und Frl. Rühs halten sich tapfer.

Dein

Karl.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
15-01-1889
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35213
ID
35213