Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 13. Juni 1886

Potsdam 13 Juni

1886, Pfingstag

Lieber Bruder!

Einen herzlichen Festgruß will ich Dir u. den Deinen, wenn auch verspätet, doch noch senden. Ihr werdet vermutlich einen Ausflug bei dem schönen Sommerwetter gemacht haben, wenn Euch auch vielleicht ein Gewitter überrascht hat. Hier ist es nach vielen schönen, zum Theil auch recht angenehmen u. nicht zu heißen Tagen grade seit heute etwas umgeschlagen und gewitterhaft geworden. Potsdam ist an solchem Tage so || überschwemmt von Fremden, daß man am liebsten zu Hause respektive im Garten bleibt.

Von den Jungen ist Ernst u. Julius heute hier. Morgen haben wir Besuch von einer Frau Direktor Kromeyer aus Weißenburg (Schwestertochter von Frau Boesche). Am Donnerstag war ich in der Ausstellung zum ersten Male; sie ist doch ganz großartig, auch in der Ausstattung der Hauptsääle. Das Panorama habe ich noch nicht einmal gesehen.

– Mit meinem Ernst sprach ich heute wegen seines weiteren Fortkommens. Er stimmt doch nach den eignen Erkundigungen darin überein, daß es für ihn (grade in der botanischen Branche) erwünscht sei einige Zeit in dem großen || botanischen Kew-Garten bei London zu konditionieren. Ich habe das Bedenken dagegen, daß der etwas unbehülfliche Junge sich dort in der großen Stadt zu sehr allein überlassen sei, fallen lassen, nachdem ich erfahren, daß die Jungen Leute dort stets in einer Familie Wohnung u. Kost haben und doch einige Meilen von London entfernt sind.

Nur muß man sich aber sehr zeitig zu solchen Stellen melden u. es gehört Fürsprache dazu, um anzukommen. Kennst Du den jetzigen Direktor des Kew-Gartens? Es soll nicht mehr Mr. Hooker, sondern ein Mr. Baxton sein. Oder hast Du nicht || sonst Verbindung, um für Ernst ein Wort einzulegen? Sein Zeugniß über die Geisenheimer Zeit mit kurzem Lebenslauf kann ich Dir einsenden.

Der Junge möchte auch deswegen gern bald darüber Gewißheit haben, da er sich dann noch mehr mit dem Englischen (dessen Anfangsgründe er durchmachte) beschäftigen will. Vor April kommenden Jahres will er nicht hin; das Frühjahr ist doch die passende Einarbeitungszeit. Ernst ist übrigens munter und hat hübsch Zeit noch neben seinen Arbeiten zu botanisiren.

Mit Anna geht es sehr mäßig; sie hat sich vor 8 Tagen noch erkältet; und heute sprach ich den Arzt, der recht besorgt ist, da sie sehr mager ist u. ajetzt auch Fieber hat. Mutter läßt grüßen. Von Heinz bhatte ich Post Karte aus Lissabon, vom 4 Juni. Er geht nur bis Santos (nicht Montevideo) und wird in Rio nicht ans Land ckommen wegen des gelben Fiebers.

Mit herzlichem Gruß Dein

treuer Bruder

NB. Ernst ist mit dem neuen botanischen Gärtner Rettig in dem Berliner botanischen Garten schon gewesen.

Dodel-Port, Conrad Deubler, Tagebücher, Biographie u. Briefwechsel 2 Theile. Leipzig, Fleischer.

Kennst Du wohl? Habe es zur Ansicht in Händen gehabt! –

a weiter am Rand v. S. 4: jetzt auch Fieber…grüßen. Von Heinz; b weiter am Rand v. S. 3: hatte ich Post…nicht ans Land; c weiter am Rand v. S. 2: kommen wegen des…Dein treuer Bruder; d weiter am Rand v. S. 1: NB. Ernst ist mit…Garten schon gewesen. e weiter unter auf S. 1: Dodel-Port, Conrad…in Händen gehabt! –

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
13-06-1886
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35173
ID
35173