Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 17. Mai 1886

Potsdam 17 Mai

1886.

Lieber Bruder!

Du hast unserem Mutterchen – das sich mehr u. mehr erholt u. schon einige Male unten war, durch Deine letzte Sendung eine große Freude bereitet, ebenso aber auch mir. Wir freuen uns mit Dir über die großartige Schenkung, die in Folge Deiner literarischen u. akademischen Thätigkeit dem bedürftigen Jena durch Herrn von Ritter zu Theil geworden, und können uns denken, wie sehr Dich die Frage nach der passendsten Anwendung dieser Schenkung beschäftigt hat. Daß Du gleichzeitig Dein 25-jähriges Dozentenjubiläum in der Stille gefeiert hast, erfahren wir auf diese Weise erst. Du schändlicher Mensch hattest uns hier hinter’s Licht geführt u. behauptet, dasselbe habe schon voriges Jahr stattgefunden. || Nun nimm meine Gratulation dazu nachträglich hiermit in Empfang. Du hast die Genugtuung, auf eine an Wirksamkeit reiche, der Förderung der Wissenschaft in großartiger Weise dienende Epoche Deines Lebens zurückblicken und dir sagen zu können, daß Du nicht umsonst gewirkt, gelehrt und geschrieben hast. Die C. Sternische Biographie haben Mutter und ich gestern gelesen (um nicht zu sagen verschlungen); einige Unrichtigkeiten in der Auffassung Deiner Jugendzeit abgerechnet giebt sie ein volles und übersichtliches Bild Deiner Entwicklung und Produktion. Möge das neue Werk in seinem allgemeinen Theil sich würdig den früheren anschließen und dies anerkannt werden. – –

– Du fragst nach Heinz. Ich sende Dir seinen einzigen Brief aus New York, und kann leider noch nichts || über seine Rückkehr nach Bremen melden. Ich harre täglich auf Nachricht und falle mit Gier über die telegraphischen Nachrichten her, die die Ankunft von Bremer Schiffen in England oder Bremerhafen melden.

Im Uebrigen drücken mich auch andre Sorgen. Meine Schwiegermutter in Wannsee ist in gleichem Zustand wie Anna, leidet aber an Blutungen, die zu großer Ruhe u. Vorsicht mahnen. Anna ist schrecklich mager, sonst im Befinden unverändert. Da sie Ende Juli respektive Anfang August die Entbindung erwarten, so bleibe ich erste Hälfte Ferien jedenfalls hier u. habe den Besuch des Heidelberger Festes aufgegeben. Ob ich in der 2t Hälfte (15/8-15/9), für die ich Urlaub erbeten, von demselben Gebrauch mache, wird von Anna’s Befinden abhängen. Ernst ist seit 8 Tagen auf Pfaueninsel als Gehülfe u. heute endlich bei der || Superrevision definitiv frei vom Militärdienst geworden: was mir eine große Beruhigung ist. Hauswirtschaftlich haben Mutter sowohl als ich das Unangenehme uns zum 1 Juli neue Mädchen suchen zu müssen. Mutter’s will bald heirathen u. die Minna war zu lange bei uns, es ging in mancher Hinsicht nicht mehr.

Sonst sind wir munter, mein Haus bekommt ein neues Kleid, mußte nothwendig abgeputzt werden, u. ich habe deshalb seit 8 Tagen ein groß Gerüste vor der Front nach der Straße zu stehen.

Nun leb wohl altes Bruderherz; es schließt mit vielen Grüßen von Haus zu Haus

Dein treuer Bruder

Karl.

a Mein alter Freund Heun ist am 6 Mai entschlafen, ein mir recht nahe gehender Todesfall. Er war ein grundbraver u. echt deutscher Mann! –

a weiter am Rand v. S. 4: Mein alter Freund…echt deutscher Mann! –

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
17-05-1886
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35172
ID
35172