Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 21. März 1886

Potsdam

den 21 Maerz 1886

Vorm.

Lieber Bruder!

Heinz ist vor 8 Tagen glücklich hier angekommen, aber über seine Zukunft immer noch im Ungewissen. In Jena hat er in Bezug auf Anatomie die Brücke abgebrochen u. das wohl mit Recht. Es ging, nach dem, was passirt war, so doch nicht weiter. Mit Breslau ist es Nichts die Stelle ist schona besetzt, in Berlin ist zur Zeit auch nichts frei. Behält er die akademische Karriere in der Chirurgie als Ziel, so scheint mir das Richtige Jena mit der Assistenten Stelle bei Braun festzuhalten und das Jahr bis dahin unterzubringen: er kann in Breslau als Volontair in pathologischer Anatomie ankommen, vielleicht auch in Berlin bei Bergmann von || Michaelis ab Assistentenstelle annehmen. Nur möchte er jetzt nicht umsonst arbeiten u. da liegt ihm der alte Plan jetzt einige Reisen oder als oder Schiffsarzt zu machen, wieder im Sinn. Er würde damit 3-6 Monate unterbringen u. sich noch etwas für die b Winterzeit hinzu verdienen können. Was meinst Du dazu? – Er möchte gar zu gern ein Stückchen Welt sehen.

Nun sind aber auch wieder die alten Zweifel bei ihm aufgetaucht: ob nicht lieber praktischer Arzt werden? Er meint, mit der Akademischen sei es auch eine Glückssache, u. er stehe sich dann doch besser, wenn er als Arzt eine leidliche Einnahme habe, || als, wenn er sich als Dozent kümmerlich durchschlagen müsse. Darüber zu entscheiden, wird mir schwer. Ich habe ihm jetztc ausgerechnet, daß er vom mütterlichen und großmütterlichen Vermögen jetzt eine Rente von c. 300 M. (mehr nicht, alles gerechnet) hat. Das würde er ja immer als Zubuße u. Nothpfennig behalten. Was aber die Hauptsache, das ist doch, ob er mehr zum praktischen Arzt oder mehr zum Dozenten sich eignet. Hierüber möchte ich Dich bitten, mir Dein Urtheil zu sagen, resp. darüber Erkundigung einzuziehen. Ich bin mehr für die Dozentenkarriere, bescheide mich aber, daß es das wichtigere ist, die praktische Laufbahn vorzuziehen, sobald er dazu seiner ganzen Anlage u. Entwicklung nach sich mehr eignet. Bitte hierüber um baldige Antwort. – ||

Unser altes Mutterchen laborirt seit 8 Tagen an einer starken Erkältung und häßlichem Katarrh. Donnerstag ließ ich Heinz ihr etwas zur Erleichterung verschreiben, Freitag Ebmeier kommen. Sie hat sie hat vor dem Husten wenig Ruhe, er quält sie oft lange Zeit hintereinander ohne Unterbrechung. Tante Bertha war am Freitag Mittag bis gestern Nachmittag hier. Fieber hatte Mutter bis jetzt nicht, aber die Kräfte sind schwach u. sie kann den Schleim nicht recht herausbringen, röchelt daher viel, was sich ängstlicher anhört als es wohl ist. Für bedenklich halten Ebmeier und Heinz den Husten bis jetzt nicht. Sollte es so werden, so telegraphire ich Dir.

Mein Ernst liegt noch Brache, sucht noch nach einer Stelle. Mit der Erkältung geht es Marie u. mir besser, auch Pepo hatte es im Halse, bei dem Wetter kein Wunder. – Nun ist ja seit gestern endlich Thauwetter eingetreten, wenn auch langsames. Aber ein dschöner Maerz das! Ade herzlichen Gruß von Haus zu Haus

Dein treuer Bruder

C. Hkl.

eP.S. Mutter meint, die letzte Nacht sei doch etwas besser gewesen als die vorhergehende und läßt Dich grüßen. –

a eingef.: schon; b gestr.: Volontair; c eingef.: jetzt; d weiter am Rand v. S. 4: schöner Maerz das!…Dein treuer Bruder C. Hkl.; e weiter am Rand v. S. 1: P.S. Mutter meint…läßt Dich grüßen. –

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
21-03-1886
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35170
ID
35170