Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Den Haag, 29. August 1884

Haag 29. August

1884.

Lieber Bruder!

Aus dem Eldorado des behaglichen u. ruhigen Lebens, in dem ich mich hier in dem Hause unsrer lieben Mulder’s befinde, will Dir doch in der Mitte meiner Urlaubszeit ein Lebenszeichen zugehen lassen, damit Du weißt, wie gut mir diese Ausspannung bekommt.

Ich sitze, nach flüchtigem Aufenthalt bei Theodor Bleeka, seit dem 15t dieses Monats Abends hier, bade fast täglich in Scheweningen und athme die vielfachen neuen Eindrücke ein, die mir der Aufenthalt in den mir bisher ganz unbekannten Niederlanden bietet. Die schöne Muße, die ich hier habe, läßt mich das neu Gesehene allmählig auch geistig verdauen, wie wohl ich mir öfters, wenn ich wieder eine Gemäldesammlung oder dergleichen gesehen, wie eine boa constrictor vorkomme u. meine Nerven sich erst eine Weile wieder ausruhen müssen in der Stille meiner netten Logierstube, bevor ich an eine Wiedergabe des Gesehenen, in Briefen nach Hause, || gehen kann. Darin merke ich doch die mit Macht herannahenden 60er Jahre, daß ich, wenn auch wohl mit den Muskeln im Gehen, Baden pp., so doch nicht mit den Nerven die Menge desb Neuen auf solcher Reise überwältigen kann. Die Kunstschätze, die doch grade auch hier in Holland sich in so reicher Menge bieten u. die ich doch pflichtmäßig sehen möchte, strengen durch die Reichhaltigkeit den Beschauer so an, daß ich länger als höchstens 2 Stunden im Tage mich damit czu beschäftigen nicht im Stande bin. Ich habe bis jetzt das hiesige Museum mit Rembrandt’s Anatomie und Anderen, das Amsterdamer Trippenhuis mit der Nachtwache u. den „Saalmeester’s“, das dortige Museum, v. d. Hoop gesehen, außerdem in Amsterdam, wo ich Dienstag u. Mittwoch war, der Eröffnung der internationalen Landbouw teatoonstelling und dem brillanten abendlichen Empfangsfeste im paleis voor Volksvlyt, mit Conzert, Theatervorstellung und großartigem Feuerwerke auf der Amstel, beigewohnt, und noch Delft besuchtd, wohin ich, um die Physiognomie des Landes gründlich kennen zu lernen, zu Fuß mit Walter Christian Sethe (Major a. D., Bruder der Louise S.) wan-||derte. Dazwischen hörte ich noch einige Vorträge in den öffentlichen Sitzungen des vom 21-27st dieses Monats hier tagenden Hygieine-Congresses, von Cohn-Breslau über Messung der Helligkeit von Schulräumen pp., sehr lehrreich!) u. von Finkelburg-Bonn über die Fortschritte der Bekämpfung von Infektionskeimen. Das Nette ist bei Mulder’s, daß man leben kann wie man will, und fühlt, daß man nicht geniert.

Erst wollte ich eine Woche meines Urlaubs noch auf den Besuch der Belgischen Städte verwenden. Aber ich bin in meinem Entschluß wankend geworden. Ich fürchte, mich wenn ich Gent, Brügge, Brüssel und Antwerpen besuche, zu sehr anzustrengen, oder doch nur einen sehr flüchtigen Blick in diese schönen Städte thun zu können. Dazu kommt, daß ich Anfang der neuen Woche auch auf einige Tage meinen Ernst hier erwarte. Er will seine 3 Wochen Ferien (vom 1. September ab) in Westphalen bei gärtnerischen Freunden u. Verwandten zubringen. Da habe ich ihm vorgeschlagen, vorher einen Abstecher hirher zu machen. Einmal kann ich dann einige Tage mit ihm zusammen sein, u. dann habe ich || bei den Exkursionen nach Haarlem, Utrecht und Leiden, die ich noch vorhabe, einen Gesellschafter, was mir sehr angenehm sein wird. Ich treibe mich in großen Städten nicht gern allein herum. Endlich will Ernst sich doch mal gern auch für sein Fach in Holland orientiren, da bietet sich grade jetzt so günstige Gelegenheit dazu. eDas Reisegeld reicht voraussichtlich vollkommen aus, da mir der hiesige lange Aufenthalt die Ausgaben sehr vermindert. – Am 15. September f muß ich wieder in Potsdam sein, hoffe aber doch auf dem Rückwege Bonn besuchen zu können.

Nun möchte ich Dich fragen: ist es Dir Recht, wenn ich dort mit Herrn Strauss über die Herausgabe eines Bändchens Reiseskizzen von Dir (Besteigung des Vesuv, Aetna, Olymp, Pic von Teneriffa und Anderes) vorläufig konferire? – Ich möchte gern, daß Du dies todt daliegende Kapital verwerthetest, und glaube im kommenden Winter wohl die Zeit zu haben, eine solche Zusammenstellung für Dich zu redigiren, natürlich g vorbehaltlich Deiner Durchsicht. – Es kann, meine ich, nicht schaden, wenn ich mit Strauss den Plan bespreche. Oder würdest Du einen andren Verleger vorziehen.

Schreibe mir doch bald hirher Antwort. Bis gegen 8. September bleibe ich wohl jedenfalls hier. Da ich nicht weiß, ubi terrarum Du jetzt bist, so sende ich diese Zeilen an Agnes. Von Hause habe ich im Allgemeinen gute Nachrichten; mit Anna könnte es wohl besser gehen. Ade, ich wünsche von Herzen daß Dich die Reise recht er-hquicken möge. Alter schützt doch vor Thorheit nicht. Du hast Dich in den letzten Monaten doch wohl sehr angestrengt bei Deinen Arbeiten. iDenke Dir, bei einem der vielen vor dem Museum v. d. Hoop ihre Tische haltenden jüdischen Antiquare fielen mir sofort die französischen Ausgaben von Deiner Schöpfungsgeschichte (3t Auflage) und den Reiseberichten in die Augen! –

Mulder’s lassen beide herzlich grüßen. – Heinz hat doch noch von Frankfurt aus zum Manöver ausrücken müssen, aber in Vertretung eines Stabsarztes! –

a irrtüml.: Bleeck; b eingef.: des; c gestr.: auf; d eingef.: besucht; e mit Einfügungszeichen eingef.: Das Reisegeld reicht…Ausgaben sehr vermindert. –; f gestr.: schon; g gestr.: noch; h weiter am Rand v. S. 3: hquicken möge. Alter…bei Deinen Arbeiten.; i weiter am Rand v. S. 2: iDenke Dir, bei…in die Augen! –; j weiter am Rand v. S. 1: Mulder’s lassen beide…Vertretung eines Stabsarztes! –

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
29-08-1884
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35148
ID
35148