Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 22. Juli 1884

Potsdam 22 Juli 1884.

Lieber Bruder!

Da Mutter grad einen Brief abgehen läßt, will [Ich] doch die Gelegenheit benutzen, Dir mein Beileid über Häusliche Leiden auszusprechen, die sich mal wieder bei Euch eingestellt hat. [!] Hoffentlich ist Agnes bald wieder auf den Beinen. Aber wird sie nicht mal eine ordentliche Kur gegen ihr Nierenleiden brauchen müssen? u. ist dazu nicht grade jetzt Jahreszeit geeignet.

Bei uns geht es im Ganzen gut; nur, daß doch Anna oft recht hustet u. an Stichen leidet. Um eine auswärtige Winterkur werden wir doch nicht wohl herum kommen. – Heinrich’s angenehme Gesellschaft werden wir bald entbehren, da er die 6wöchige Reserve-Uebung nicht hier abmachen kann. aBeim Gardekorps ist das nicht zulässig. Wahrscheinlich geht er nach Frankfurt a/O. Marie’s Stellvertreterin, Frieda Herms, bleibt noch einige Tage hier, wenn auch Marie schon morgen aus Heringsdorf zurückkommt, wohin sie auf 14 Tage war. Es war ihr diese Ausspannung zu gönnen. Unserm Mutterchen geht es in alter Weise, aber woandershin als || in den Garten kommt sie nicht; sie ist noch nicht mit uns Wasser gefahren in diesem Sommer. [!] Richard hat sich 10 Tage im Harz (Lauterberg u. Umgegend) erholt. Ich selbst trinke täglich einige Glas Kissinger u. schlendre dabei viel umher seit 4-5 Tagen hat die tolle Hitze uns verlassen u. man lebt wieder menschlich.

Vor 8 Tagen hatten wir den wahrscheinlichen künftigen Missionar nach Japan für den neu gebildeten „allgemeinen protestantischen Missionsverein“ hier, einen Pfarrer Horn aus Marisfeld bei Themar, Sohn eines Superintendenten in Eisfeld, einen ernsten dabei frischen Mann von 30 Jahren, der mit Frau und Kind auf eine Reihe von Jahren, zur Sammlung der Deutschen in Tokio und vor allem zur Mitbegründung einer Freisinnig-Christlichen Erziehungsanstalt für junge Japaner, im nächsten Sommer nach Japan zu gehen gedenkt. Er hat sich dem für das Unternehmen begeisterten japanischenb Gesandten Aoki in Berlin (der selbst eine Christin geheirathet u. dann Christ geworden ist) vorgestellt. Auch hat der Großherzog von Weimar, veranlaßt durch die rege Theilnahme || für die Sache, die sie in Thüringen gefunden,c das Protektorat des neuen Vereins übernommen, u. die Großherzogin die sich lebhaft für diese zugleich kulturelle Mission interessirt, soll einen namhaften Beitrag zur Inswerksetzung der ersten Sendung (von womöglich 2 Missionaren zur Gründung eines Gymnasiums) zuzubringen im Begriff sein. Wir hoffen noch Prediger Kind in Jena dafür zu gewinnen, wie wohl er es bisher abgelehnt hat. (Fesselt ihn etwa noch Anderes, als sein Amt, in Jena?) Lipsius u. Nippold in Jena, und Hesse in Weimar, wirken eifrig für die Sache. Horn erzählte mir, daß er als Student mit Eifer Entwicklungsgeschichte bei Dir gehört habe, u. auf dem Sprunge gewesen sei umzusatteln. Ich theile Dir das alles mit, weil ich mich sehr freuen würde, wenn Du aus Interesse für Deinen alten Zuhörer u. für die wahrhaft kulturelle Aufgabe, die unsrer Missionare dort wartet, (sie sollen als wissenschaftlich durchgebildete Christen den strebsamen Japanern im Christenthum den sittlichen Halt für ihr Volks- und || Familienleben bringen, dessen sie bedürftig sind) auch einen Beitrag (an einen der Jenenser Herren) und zwar einen anständigen, leistetest. Es ist das in der That ein schönes, großartiges Ziel diesem Aufstrebenden Volke Ostasiens dazu zu verhelfen, sich sittlich emporzuschwingen, und ihrem Staatsleben dasjenige Format zu geben, welches demselben, wie sie selbst fühlen, noch mangelt. Deine Kasse ist so gut bestellt, daß Du das dreist kannst. Wir brauchen, um den verheiratethen Missionar (der, wie wir hoffen dürfen, später in Japan angestellt wird) hinzusenden undd drei Jahr lang zu unterhalten 30.000 M. u. für den unverheiratheten 12.000 M. Hier in Potsdam hat Ritter so lebhaft dafür gewirkt, daß wir doch über 1000 M. zusammen bekommen haben, obwohl man hier für Vereinsangelegenheiten sehr in Anspruch genommen wird. – Willst Du dort nicht geben, – was doch am nächsten liegt – so gieb es ane unsern hiesigen Zweigverein! –

Mir geht es sonst gut ich erwarte Herms, der nach dem so schweren Trauerfall (sein 2tes Töchterchen von 7 Jahren ist dieser Tage am St. Veitstanz gestorben) mit der Familie nach der Schweiz ist, fhabe aber noch Zeit, mich zu der Reise nach dem Haag zu rüsten, die Du mich machen läßt. Mitte August denke ich sie anzutreten. Wie viel darf ich mir dazu aus der Kasse gnehmen? Ist 300 M. zu viel)? Unter das fürchte ich nicht auszukommen, werde mich aber möglichst einrichten. Auf den Rückweg durch Belgien rechne ich 8 Tage, auf den Aufenthalt bei Louis Mulder 14 Tage, den Rest auf die Hin- und Rückreise. –

Ade, Gruß an All die Deinen von

Deinem treuen Bruder

C. Haeckel

a mit Einfügungszeichen eingef.: Beim Gardekorps ist das nicht zulässig.; b eingef.: japanischen; c die sie in Thüringen gefunden,; d eingef.: hinzusenden und; e gestr.: durch; eingef.: an; f weiter am Rand v. S. 4: habe aber noch…aus der Kasse; g weiter am Rand v. S. 3: nehmen? Ist 300 M…Hin- und Rückreise. –; h weiter am Rand v. S. 1: Ade, Gruß an…Bruder C. Haeckel

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
22-07-1884
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35147
ID
35147