Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 25.-26. Januar 1882

Potsdam 25 Januar

1882.

Lieber Bruder!

Seit einer Woche – seitdem Dein Brief vom 21 December cr. aus Belligamme hier anlangte – habe ich viel im Ritter, über Ceylon, gelesen u. bin nun bald durch. Besonders würde es mich nun interessiren, von Dir später zu hören, welche Veränderungen seit Ritter’s Beschreibung – die etwa mit dem Jahre 1834 abschließt, – vorgegangen sind. Verschiedenes ergiebt sich ja von selbst schon. Die Vermehrung der Communikationsmittel muß namentlich tief eingegriffen haben. Die erste große Heerstraße, von Colombo über Kandý nach Trincomali, war damals eben erst vollendet. Jetzt ist neben ihr von Colomboa bis Kandy, schon Eisenbahn fertig. Ebenso muß der Küstenweg, soweit nicht auch schon Eisenbahn geht, gute Fahrwege haben. Ferner ist doch das Innere der Insel, das alte Kandy-Territorium, jetzt gewiß bei weitem bevölkerter, die Wälder mehr gelichtet, u. ist der Boden zu Kaffee-Pflanzungen pp. mehr urbar gemacht. Den Ort Belligam fand ich einmal in der „Rundreise“ um die Insel (auf S. 188 unten bei Ritter) wo es als Fischerdorf bezeichnet wird indessen auf der Anhöhe ein stark bepilgerter Buddhatempel sei. Dann kommt er bei Aufführung der Mineralien S. 109 und 110 2mal vor. Es soll dort ein Fels von Zimmtstein sich im Dickicht finden und nach Punto de Galle zu Zirkonfelsen. Sind denn noch dort || Zimmtbaumpflanzungen? –

Wunderbar es auch die Beschreibung des Irrigationssystems u. der dazu in früheren Jahrtausenden getroffenen Veranstaltungen. Hat man den diese wieder resituiert? u. kommst Du auch noch zu den Tank’s im Norden der Insel?

Gar viele derartige Fragen möchte ich an Dich beim Lesen des Ritter thun (den Du ja wohl selber mit Dir führst.).

– Ueber das Schicksal Deiner 2 ersten Sendungen „Reisebriefe“ wird Dir Agnes wohl berichtet haben. Ich denke sie werden nun noch verbunden im Heft für Februar erscheinen. Ich habe 10 Abzüge davon nach Jena an Agnes zu senden gebeten u. 10 mir ausgebeten, für die Berliner und sonstigen Bekannten. Frau Niedner bekommt natürlich 1 Exemplar. Sie nimmt mit großem Interesse jede Nachricht von Dir entgegen. Leider hat sie rechte Trauer in der Familie. Eine Nichte, blühende junge Frau des Hofgärtners Finkelmann jun. (Bekannter von Hermann, jetzt in Marly) ist vor 8 Tagen im Kindbett am Scharlach-Fieber gestorben, u. ihr Bruder, der hiesige Inhaber der väterlichen Brauerei, soll unheilbar an Wassersucht leiden.

Mit meiner Besserung will es immer noch nicht konstant vorwärts gehen. Zwar bin ich täglich größtentheils außer Bett u. liege nur einige Stunden des Nachmittags u. Abends, aber mit den || Schmerzen ist es wechselnd: bald sind sie hier, bald da, bald schwächer bald stärker, aber immer im linken Bein, Hüfte und Rücken.

Von unserm Hermann kann ich Dir jetzt (wenn ich es nicht schon gethan) noch mittheilen, daß er zum 15 Februar eine Stellung in Wannsee bei Commerzien-Rath Conrad als Privatgärtner antritt. Ob es für ihn eine dauernde sein wird, ist sehr in Frage. Es ist eine größere Spalierobstkultur, die er dort als Hauptsache übernimmt, daneben auch noch einige Parkanlagen.

Heinrich hat am 23st dieses Monats glücklich sein Examen überstanden, und wird wohl morgen (nachdem ich ihm das nöthige Geld zum Flottmachen gesandt) über Heidelberg u. Göttingen herreisen. Ich freue mich recht auf den Jungen u. kann doch auch damit ganz zufrieden sein, daß er nun mit 23 Jahren (die er am 14 Februar wohl wird) der Hauptsache nach fertig ist.

– In Politicis setzen sich die unerquicklichen Scenen fort: auf die Kulturkampf-Debatte (Antrag Windthorst auf Aufhebung des Reichsgesetzes vom 4. Mai 1874 betreffend die Verhinderung der unbefugten Ausübung von Kirchenämtern)b ist die Aufnahme Hamburg’s in das Zollgebiet, und dieser jetzt die Debatte über den Wahlerlaß vom 4. Januar (bei der Haenel u. Bismarck scharf an einander gerathen sind) gefolgt, letztre gestern. Es ist so traurig, wenn Größen wie || Bismarck solche Wege gehen. Der Mann ist jetztc von einer ganz krankhaften Reizbarkeit.

– Alt Mütterchen lebt in alter Weise fort u. ist stets überglücklich, wenn von Dir ein Brief kommt. Dein letzter war vom 21st Dezemberer. – Tante Bertha war vorigen Freitag u. Sonnabend hier, um zu Hermann’s Verlobung zu gratuliren.

Den 26 Januar Vormittag

Eben bringt mir Mutter Deinen Brief aus Belligamma vom 30st Dezember, wonach es Dir ja dort fortdauernd gut geht. Diese Zeilen werden Dich dort schwerlich treffen. Wo aber? läßt sich aus Deinem Briefe nicht entnehmen. Ich bin sehr begierig auf die weitere Tour, die Du noch einschlägst. Hoffentlich geht es Dir auf derselben ebenso gut wie bisher.

Am 16 Februar werden wir viel an Dich denken. Um diese Zeit häufen sich jetzt recht die Geburtstage in der Familie: den 14t meine Anna, den 15t meines Hermann’s Braut Minna Neiss, den 16t Du, den 17t Theodor Bleek, den 18t mein Heinrich.

Nochmals herzliches Lebewohl u. Grüße von all’ meinen Kindern.

Immer Dein

Karl.

d Eben lese ich in der Zeitung, daß Professor Erdmannsdoerffer in Heidelberg seine Frau Anna geb. Lenz verloren hat.

a eingef.: von Colombo; b eingef. mit Einfügungszeichen: (Antrag Windthorst auf...aneinander gerathen sind); c eingef.: jetzt; d weiter am Rand v. S. 1: Eben lese ich...Lenz verloren hat.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
26-01-1882
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35123
ID
35123