Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 4.-5. Januar 1882

Potsdam 4 Januar 1882.

Lieber Bruder!

Gestern erhielt Mutter Deine am 12 Dezember aus Bellegamme (Poststempel Weilgama) abgesandte Postkarte, der hoffentlich in den nächsten Tagen ein ausführlicher Brief über Jena nachfolgt. Wir freuen uns Deines Wohlseins u. Deiner guten Aufnahme. Vermuthlich ist Dein jetziger Aufenthalt der wesentlichste Theil Deiner Reise zu Seethier-Studien. Nach dema wirst Du wohl wieder nur der schönen Natur des innren Landes Dich erfreuen. Wir sind sehr gespannt auf die eigentlichen Reisebriefe von denen bis dato noch nichts zu sehen ist. Ich hatte Dir in einer Postkarte gerathen, die Berichte für die Rundschau direkt an die Redaktion zu senden u. wiederholte diese Bitte im Einverständniß von Agnes, die vor 8 Tagen hier war. Wir bekommen ja doch bald die „Rundschau“ in die Hand und lesen es dann gedruckt. Für den Verleger ist die direkte Zusendung jedenfalls erwünschter. Sollte der erste Bericht verloren sein, − wie wir fast fürchten müssen, so schreibe ihn nur bald nochmals. Es ist wohl eine Beschreibung von Bombay?

Bei uns ist das Leben in alter Weise weiter ge-||gangen. Tante Bertha war das Fest über hier u. ist noch hier. Die ganze Familie ist gewöhnlich Abends nach dem Essen um mein Bett versammelt u. wir lesen dann gemeinschaftlich, erst den Roland von Berlin, dann Marda von Ebers, jetzt Geschichtlich-Biographische Sachen aus den Preußischen Jahrbüchern. Mit meinem Ischias-Bein bessert es sich nur sehr allmählig. Ganz werde ich dies Uebel wohl erst zum Frühjahr in irgend einem Bade loswerden. Inzwischen lese ich viel und genieße das Zusammensein mit der Familie recht gründlich. Sie pflegen mich alle so liebevoll, daß mir das das lange Liegen recht erleichtert.

Potsdam 5 Januar

Wie erwartet kam schon heute Dein ausführlicher Brief an Agnes von 12ten vorigen Monats. Ich sende in Folge dessen heute die 1000 Mk an Capitän Radonetz nach Triest b. Die Zahlungen machen sich so am einfachsten. Die Anwesenheit der Deinigen hat uns rechte Freude gemacht. Agnes sowohl wie die Kinder waren ja recht munter und letztere wieder noch mehr heraus gewachsen. Es würde Dich recht amüsirt haben, unsern || Friedel mit der Emma spielen zu sehen, um welche er beständig herum war.

Jetzt ist es wieder stiller bei uns; seit dem 2t ist Ernst wieder nach Berlin, Hermann auf einem Guthe, Bäume zu beschneiden. Hermann hat Aussicht auf eine feste Stelle zu Ostern, in 8 Tagen wird er sich wohl entscheiden. Heinrich wird sein Examen hoffentlich in diesem oder dem nächsten Monat absolviren und denkt zum 1 April cr. eine Assistentenstelle bei der geburtshülflichen Klinik anzutreten. Tante Bertha geht morgen wieder nach Berlin.

Mit dem Wunsche, daß es Dir ferner gut gehen möge,

Dein

treuer Bruder

Karl

Alle grüßen bestens.

a korr. aus: der; b gestr.: abgesendet

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
04-01-1882
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35121
ID
35121