Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 6. November 1881

Potsdam 6 Novembr 81

(Sonntag)

Lieber Bruder!

Den trüben Sonntag Nachmittag – (es regnet draußen fast bei +11°R während wir noch Donnerstag früh -7° hatten und ich schleunigst Feigen u. Rosen in die Erde legen ließ) – will ich benutzen, Dir einige Zeilen aus der Heimath zu senden; wenn ich Dir auch nicht viel Neues schreiben kann, thut Dir’s, denke ich doch wohl, ein Lebenszeichen von uns zu erhalten.

Bei der auffallend rauhen Herbstwitterung war es nicht zu verwundern, wenn sich Mutter eine Erkältung zuzog. Sie begann vor c. 14 Tagen mit einem häßlichen Husten; es ging aber doch diesmal gelinder ab und jetzt hat sie nur noch etwas Schnupfen. Ich schlage mich seit über 14 Tagen mit einer Halserkältung herum, bade aber trotzdem römisch weiter und habe jetzt, bei dem mildem Wetter die Sache so ziemlich überwunden. Sonst ist’s mit der Ischias noch beim Alten. Nichts will ernstlich helfen. Ich humple zeitweise gottjämmerlich umher; zu anderen Zeiten kann ich wieder leidlich laufen.

Was in politicis passirt, wirst Du ausa der Kölner genugsam erfahren. Die Wahlen für den Reichstag haben wir, bis auf die vielen Stichwahlen, hinter uns. Sie sind im Großen und Ganzen oppositioneller ausgefallen als die früheren. Die Lage der Regierung ist keine vortheilhaftere geworden. Der Vertreter des hiesigen Kreises ist derselbe || geblieben. In der Mark Brandenburg haben mehrere Wahlkreise die Farbe gewechselt; an Stelle von Conservativen sind Liberale, anstelle von Liberalen Conservative gewählt worden. Die Betheiligung war sehr stark (80-85 % hier). Ich denke mir, der Ausfall der Wahlen wird auf Bismarck doch die Wirkung haben, daß er von einer baldigen und energischen Durchführung seiner volkswirthschaftlichen Projekte Abstand nimmt. –

Gestern war Tante Bertha mit Hedwig Bleek hier, die vor wenigen Tagen bei ihr angekommen ist. Beide lassen Dich recht herzlich grüßen. Hedwig Bleek bleibt einige Wochen in Berlin. Clason’s sind nach Bonn zurück. Mein Hermann ist seit 1½ Wochen auswärts mit Obstbaumschneiden beschäftigt; u. wird noch auf verschiedenen Gütern in der Nähe der Ostbahn, zwischen Berlin und Landsberg, bis Weihnachten zu tun haben. Nach Weihnachten geht er zu gleichem Zweck nach Pommern. Heinz repetirt zum Examen. Mir stehen für die nächsten 14 Tage des Schwurgerichts wegen häufige Sitzungen bevor. Außer in mein Herren-Lesekränzchen bWir lesen jetzt: Lazarus, Leben der Seele und zweitens eine Abhandlung über „Bildung und Wissenschaft“ und in die Literaria komme ich kaum unter Menschen. Abends gehe ich sonst gar nicht aus und nach Berlin fahre ich auch nur im allerhöchsten Nothfalle, so daß || ich Dir aus Berlin auch nichts Besondres melden kann, was nicht schon in den Zeitungen stände. Von derc Virchow-Feier wirst Du wohl gelesen haben.

Heute früh erhalte ich Prospekte des Verlegers der Rundschau, in denen Deine Reiseberichte für das Januar-Heft angekündigt werden. Der erste wird wohl von Bombay handeln, das, nach der heute von mir eingesehenen Stieler’schen Karte eine recht interessante Lage auf einer lang gestreckten Halbinsel haben muß. Wir vermuthen u. hoffen, daß Du in diesen Tagen dort ankommst. Vorigen Mittwoch sandte uns Agnes die Depesche über die glückliche Abreise des Schiffes von Aden nach Bombay, vom 31. October durch Capitän Rodanetz abgesandt. Wir waren recht froh nun Bestimmtes zu wissen, nachdem wir einige Tage zuvor Deine Briefe aus Port Said (der Cholera wegen mit Einschnitten!) – aus Jena erhalten hatten. –

Wenn dieser Brief nach Ceylon gelangt, bist Du hoffentlich schon eine Woche dort und hast Dich eingerichtet. – Mutter will noch einen Gruß dazuschreiben. Sonst hat sie nichts Neues für Dich.

Mit herzlichen Grüßen von uns allen

Dein

Karl.

d Hat die Coelner von der Garfield-Feier in Berlin berichtet? Gneist hat dazu eine ganz treffliche Rede gehalten. – Heute zum Reformationsfeste war die Kronprinzliche Familie bei Persius in der Predigt; auch Prinz Heinrich, der Seemann. –

[Beischrift von Charlotte Sethe]

Täglich wünscht Gottes Seegen ihrem lieben Sohn die alte Mutter

Lotte.

Gott sei mit Dir und Deinem Leben.

a irrtüml.: auch; b mit Einfügungszeichen eingef.: Wir lesen jetzt:...„Bildung und Wissenschaft“; c eingef.: der; d Hat die Coelner...Heinrich, der Seemann. –

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
06-11-1881
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35107
ID
35107