Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 5. Januar 1879

Potsdam

5 Januar 1879.

Lieber Bruder!

Ich glaube ich habe Dir noch nicht gedankt für das Extrageschenk, welches Du mir mit Deinem Konterfei gemacht hast. Ich habe es gestern zum Einrahmen gegeben, wonächst es in meiner Stube über dem Göthekopf aufgehängt werden soll. Ich bin mit demselben recht zufrieden.

Mit diesem Danke verbinde ich nochmals meine besten Wünsche für’s neue Jahr für Dich und Deine Familie, und bitte Dich gleichzeitig, mir oder Mutter ein kurzes Lebenszeichen per Postkarte baldigst zukommen zu lassen, da davon die Erhebung der Rente bei der Rentenanstalt für Dich abhängig ist. Ehe wir nichta ein solches Scriptum haben, kann Herr Stöpel Dir gewissenhafterweise Dein Leben am 1 Januar cr. nicht attestiren.

‒ Die Zeiten der Festtagsunruhe sind nun vorüber. Sie sind wie gewöhnlich ziemlich rasch verlaufen, da ich zwischendurch genug zu thun hatte. Ich habe grad in Criminalsachen mehr als sonst vor; einmal steht mir eine größere Verhandlung wegen Betrügereien u. Unter-||schlagungen gegen einen hiesigen Concursifex bevor; dann haben wir es mit einem sogenannten Medizinalpfuscher oder Naturdoktor zu thun, der sich in Werder niedergelassen hat und wegen wiederholter fahrlässiger Tödtung unter Anklage steht. So segle ich mit voller Arbeit in das neue Jahr hinein. Hoffentlich entscheidet es sich bis 1 April, was aus einem jeden von uns Richtern bei der bevorstehenden Justizreorganisation werden wird. Ich hoffe noch, in dem hiesigen Landgericht unterzukommen. Die Gehälter sollen, wie es heißt, verbessert werden, so daß ich wohl auf einige 100₰ Zulage hoffen kann – bei den jetzigen Zeiten, wo man für die Westphalia zuzahlen muß, doppelt erwünscht.

− Zu Mutter Mienchen’s Nachlasse gehört leider eine nach den Versicherungen der Sachverständigen sonst gute Aussichten bietende Kohlengrube, die in einem Jahre, bei der starken Betheiligung unsrer Masse, eine Zubusse von über 4000 M erheischen wird; also ist da auch auf keine Einnahme zu rechnen, wenn wir nicht gar noch einen Theil der Zubuße aus eignen Mitteln aufbringen müssen! –

Von Heinrich in Berlin lauten die Nachrichten immer noch nicht günstig. Herzlichen Gruß an Frau u. Kinder von

Deinem

Karl.

NB. Meinem Carl in Eberswalde geht es jetzt leidlicher, er ist wieder stiller u. eher schwermüthig; doch schreibt er. –

a eingef.: nicht

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
05-01-1879
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35097
ID
35097