Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 6. Dezember 1878

Potsdam d. 6 December

1878.

Lieber Bruder!

Du lockst dem schreibfaulen Menschen wieder einige Zeilen durch das reiche Geschenk ab, das Du mir und den Kindern zu Weihnachten durch Mutter übermacht hast. Hab’ herzlichen Dank dafür. Ich werde es der Bestimmung gemäß anwenden.

Nach Deinen und Agnes’ Zeilen vermuthe ich, daß Du wieder mehr in den Arbeiten drin sitzest, als Dir gut ist. Halte doch mal Wort. Du wolltest Dich darin mäßigen. Du willst gewiß zu viel auf einmal fertig bringen.

Die Sendung aus London muß eine rechte Ueberraschung gewesen sein. Weißt Du daß Du wohl gleiche Ansprüche wegen der französischen Uebersetzung haben würdest, wenn Du sie nicht ausdrücklich aufgegeben hast? ||

Von hier wüßte ich Dir nichts Besondres aus unsrem Hause zu melden. Vor 8 Tagen war ich mit Hermann zu Aegidi’s geladen, wo ein Vetter, O. Franck, der zwischen Tilsit und Ragnit ein Gut hat, zum Besuch war. Er kennt die Verhältnisse in Althof genau, und wird für Hermann ein guter Anhalt in der Fremde sein.

Gestern war auf unserm Kiez viel Leben. Die Fischer hatten zur Vorbeifahrt des Kaisers eine Gruppe von geschmückten Kähnen mit dazwischena aufgehangenen Netzen in unsrer Bucht hergestellt, die sich recht hübsch machte. Auch die Front der neuen Kaserne war reich mit Flaggen und Grün geschmückt. Den Abend war Hermann drüben. Er meint, die Illumination sei recht schön und so allgemein gewesen, wie er sie noch nicht gesehen: viel Ausschmückungen, Erleuchtungen mit bengalischem Feuer und || elektrischem Licht.

Unser Mutterchen hat sich in der letzten Zeit mehr eingehalten. Das Wetter behagt ihr nicht. Auch hatte sie einmal einen Fall in der Stube gethan, indem sie sich statt auf, halb neben einen Stuhl setzte. Doch hat es ihr nicht ernstlich geschadet. Sie hatte nur einige Tage Kopfweh und Zerschlagenheit und blieb doch auf den Beinen. Ich hatte Ebmeier, sobald ich es erfuhr, holen lassen. Er brauchte sie jedoch zwar nicht in die Kur zu nehmen.

Nun noch einiges Geschäftliches.

b Kloenne war im Oktober einige Wochen hier und bat mich, die auf der Anlage verzeichneten Präparate, die bei einem Vetter von ihm in Berlin zu haben sind, Deinen Zuhörern u. sonst zu empfehlen. Die Verlagshandlung wird Dir vielleicht Proben zusenden, wie Klönne mir in Aussicht stellte. ||

Dann bittet mich Medizinalrath Hermann Reimer (Dresden, Zittauer Str. 9) um ein Exemplar Deines Corfu-Aufsatzes (aus der Rundschau), wenn Du noch ein solches als besondren Abdruck hast. Gleichzeitig wurde ich auch noch von andren Seiten nach diesem Aufsatz gefragt. Es ist recht Schade, daß Herr Strauss nicht gleichzeitig mit den populären naturwissenschaftlichen Aufsätzen auch ein Heft Reiseskizzen hat erscheinen lassen. Ich bin überzeugt, daß sie gern gekauft werden. Vier davon (Sizilien, Pic von Teneriffa, Brussa & Olymp u. Corfu) sind ja schon gedruckt u. machten Dir gar keine Arbeit. Rege doch diese Sache mal wieder an.

Dann habe ich Dich[!] noch zu vermelden, daß kürzlich Nachfrage nach dem Heringsdorfer Hause war. Ich habe mit Schwager Heinrich (dem es immer noch nicht sonderlich geht, ebenso wie seiner Frau) und Helene darüber conferirt. Wir haben den zu fordernden Preis auf 75 000 M gesetzt, u. wünschten, es würde was aus dem Verkauf.

Eben kommt Mutter an. Sie läßt cDich schön grüßen und sagt, sie habe eben an Dich geschrieben. Die Kinder besuchen sie öfter des Abends.

Ade, herzliche Grüße von Haus zu Haus

Dein treuer Bruder Karl.

a eingef.: dazwischen; b gestr.: Otto Stu; c weiter am Rand v. S. 4: Dich schön grüßen...treuer Bruder Karl.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
06-12-1878
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35095
ID
35095