Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 5. Juli 1878

Potsdam d. 5 Juli

1878, in foro!

Lieber Bruder!

Bei der interessanten Beschäftigung des Beisitzes im Schwurgerichte (heute zum 5t Tage!) weiß ich nichts Besseres zu thun, als mir die lange Weile mit einem Briefe an Dich zu vertreiben.

Zunächst die Geschäftsnotiz, daß die bewußte Generalvollmacht von Schwager Heinrich im Originale nach Bochum gesandt ist, um in den Händen des Bergraths Schulz daselbst zu verbleiben. Heinrich hat letztren generell sich substituiert und die Vollmacht nur dem Zweck, die Sethe’schen Erben in Bergwerksangelegenheiten zu legitimiren. Rath Schulz ist dera Ehemann einer Nichte von Mutter Mienchen u. auch von den anderen Bölling’schen Erben, die bei denselben Bergwerken || interessirt sind, bevollmächtigt. Unter diesen Umständen kannst Du, meine ich, wegen der Vollmacht unbesorgt sein u. sind dadurch wohl Deine früheren Bedenken gehoben. Ich denke mich noch an Ort und Stelle über diese Angelegenheiten zu unterrichten und zu diesem Zweck vom 21-29. eine Reise nach Westphalen zu machen, dann am 30st oder 31 Juli, gleich nach der Wahl, zu Dir nach Jena zu kommen. Ob ich – mit Deiner Erlaubniß – Marie mitbringe, wird sich darnach richten, ob Tante Bertha nach Thüringen (Ziegenrück) geht.

Bei uns geht es ja ganz leidlich. Mutter besucht den Garten täglich. Friedelchen ist sehr nett u. wird alle Tage netter, bockt || aber auch mitunter gründlich. Marie reist, nachdem wir dieser Tage den Mädchenwechsel glücklich überstanden haben, morgen auf 3 Wochen zu einer Freundin nach Greiffenberg in Pommern. Die beiden Jungen werden in den schon begonnenen Ferien wohl nur auf einige Tage nach Mariendorf gehen.

Ich werde bis zur Reise noch gründlich zu thun haben in diesen nächsten 14 Tagen u. mich dann recht freuen, etwas mich umschauen zu können. Auf dem Hin- oder Rückwege denke ich Hermann zu besuchen, der vom Militärdienst jetzt definitiv frei ist. Die Ober-Einsatz-Kommission hat ihn wegen des bekannten Fehlers für „dauernd dienstunbrauchbar“ erklärt – Auch in Lippstadt denke || ich mich einen Tag aufzuhalten, u. wenn das Wetter gut von Essen oder Dortmund aus die Ruhrgegend zu besuchen.

Leider werde ich den Besuch bei Euch in Folge der Theilung der Reise etwas abkürzen b müssen. Am 9t od. 10t August muß ich wieder hier sein. Doch ist es immer nett, wenn ich überhaupt auf einige Tage bei Euch sein kann.

Mutters Geburtstag haben wir recht nett verlebt. Sie wird Dir davon geschrieben haben.

Der Brief ist aus Versehen bis heute im Strafgesetzbuche liegen geblieben! – Marie ist gestern nach Pommern abgereist. Mutter grüßt

so wie

Dein | treuer Bruder

C. Hkl.

NB. Ich gehe jetzt nach Lippstadt und auf dem Rückwege (den 28st) nach Celle sowie zu Hermann, der ganz munter ist.

a korr. aus: Dir; b gestr.: zu

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
05-07-1878
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35093
ID
35093