Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 14. Februar 1878

Potsdam d. 14 Febr

1878.

Lieber Bruder!

Zu Deinem Geburtstage meinen herzlichen Glückwunsch. Der Himmel erhalte Dir und den Deinen frisch und munter im neuen Lebensjahre. [!] Mit der Aussicht auf Heidelberg war es Nichts, wie ich aus dem Gegenbaur’schen Briefe ersah, dessen sonstige Mittheilungen mich sehr interessirten. Darnach wirst Du doch wohl in Jena fest sitzen bleiben. Was er über deine Vorträge schreibt, scheint mir sehr einleuchtend. Hoffentlich handelst Du auch darnach. Man muß das Publikum so nehmen, wie es sich bietet, u. nach dessen Verständniß sprechen.

Jetzt dreht sich bei uns alles wesentlich um unsre liebe Mutter. Der Verlauf der Krankheit, von der ich Dir im einzelnen berichtet || habe, ist ja nach Ebmeier’s Ausspruch ein günstiger. Das Fieber ist jedoch Nachmittags immer etwas stärker. Ich komme so eben (um 7 Uhr) von Mutter u. habe leider Ebmeier, den ich heute früh sprach, verfehlt. Doch hat er nichts besondres angeordnet. Heute Vormittag war Tante Bertha auf einige Stunden da; sie will Sonnabend wiederkommen. Sie hat jetzt Gustchen Post zum Besuche drüben seit Dienstag, die c. 3 Wochen bleiben will.

Morgen denke ich wenn nichts dazwischen kommt, Nachmittag nach Berlin [zu gehen] mit meinem Ernst, um ihn Dr. Zinn vorzustellen. Ich habe ihn seit 14 Tagen beim Hofgärtner (denselben, wo früher Hermann war). Das behagt ihm sehr und gefällt ihm besser als beim Mechanikus. Wahrscheinlich lasse ich ihn jedenfalls den Sommer über dort. Der Zustand des Jungen ist doch ein frischerer, die || Kopfweh eigentlich ganz fort. Nur die Lustigkeit im Handeln ist noch, wenn auch in geringerem Maße, vorhanden.

Morgen will ich dann noch in einen Pfleiderer’schen Vortrag über die neure Theologie seit Schleiermacher. Die Berliner Unionsfreunde sind ja ganz entzückt von der Frische und Gediegenheit des Vortrags des Predigers Dr. Kirms aus Jena. Kennt den denn Deine Frau? Der Mann muß doch auch als Prediger tüchtig sein.

– Ich lege Dir, da Du die Wolff’sche Muse noch nicht kennst, eine seiner Dichtungen (die Clara früher mit Interesse gelesen) bei. Vielleicht ist es Dir eine angenehme Lektüre bei Deiner Frühjahrsexkursion. Möge Dir es ein kleines Zeichen meiner treuen brüderlichen Anhänglichkeit sein.

Die Kinder (Anna feiert heute ihre Großjährigkeit) lassen alle schön || grüßen. Mit herzlichen Grüßen an Dich, Frau und Kinder

Dein treuer

Bruder

Karl.

Von den auswärtigen Jungen habe ich gute Nachricht, bis auf Carl, der wieder schwerer zu behandeln ist.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
14-02-1878
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35090
ID
35090