Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 30. Dezember 1877

Potsdam

den 30 December 1877.

Lieber Bruder!

Vor dem Jahresschluß möchte ich Dir doch noch ein Lebenszeichen zukommen lassen, nachdem Du Dich uns zu Weihnachten durch Dein reiches Geschenk und durch die fette Gans, die wir am Freitag bei Großmutter verzehrten, so reell in Erinnrung gebracht hast.

Daß mir der heilige Abend schwer wurde, kannst Du Dir denken. Wir vermißten grad an diesem Fest so recht die für alle so eingehend sorgende Liebesthätigkeit meiner theuren Entschlafenen. Beim Aufbau ging es noch. Aber ehe bescheert wurde, beim Spielen und Singen des Chorals übermannte es mich und Anna und die Tränen waren nicht mehr zurückzuhalten. Wie fehlte ihre glockenhelle Stimme! – Mutter und Tante Bertha waren mit zugegen und blieben natürlich den Abend da. Tante war leidlich munter, hat sich aber seitdem wieder erkältet und ist heute so, daß sie und Mutter zu dem Herrenlesekränzchen, welches heute || außer der Tour bei mir ist, nicht erscheinen werden. Sie hat sich wahrscheinlich am 27st, als sie, um Quincke zu seinem Hochzeitstage in alter Gewohnheit zu gratuliren herüberfuhr, erkältet. –

Heute haben wir Herren den jungen Professor Hamann, der jetzt Oberlehrer in Berlin ist, als Gast unter uns. Er fehlt uns recht an unsren Leseabenden mit seinem frischen, lebendigen Wesen, seinem vielseitigen Wissen und seiner anregenden Unterhaltung. Das Lesekränzchen ist mir zu einer sehr lieben Gewohnheit geworden, und ich versäume es selbst bei vieler Arbeit in der Regel nicht. In den letzten Wochen war die Arbeit übrigens nicht so pressend. Im neuen Jahre wird es wohl wieder schärfer gehen.

In der letzten Woche war ich zweimal in Berlin, beidemale zu Verlobungsfêten für das Brautpaar im Lisco’schen Hause, Gertrud mit Civil-Ingenieur Wundt aus Württemberg. Er ist ein recht angenehmer Mann, der allen wohl gefällt, || etwa Mitte der 30r. Im März soll die Hochzeit sein. Das erste Fest war bei Lisco’s, das zweite bei Ed. Heilborn, Schwiegervater des Landrichters Lisco. Gestern habe ich bei dieser Gelegenheit auch Helene Jacobi, Großtante Sack u. Schwager Heinrich besucht. Von letztrem erfuhr ich, dass in diesem Jahre hoffentlich das ewige Zubußezahlen zu den Bergwerken aufhören wird. Wir haben im letzten Jahre aus der Erbmasse der Schwiegereltern Sethe noch über 3000 ₰ zuzahlen müssen. Auch die Westphalia wird hoffentlich mit der am 1. April kommenden Jahres fälligen zu Zubuße zufriedengestellt sein.

Daß Du glücklich um die angedrohte Operation herumgekommen bist, hat mich sehr gefreut; ich wünsche von Herzen, daß das Uebel sich nicht so bald wieder einstellen möge. –

Bei mir im Hause geht es ja so leidlich. Ernst macht mir noch immer Sorge. || Wenn auch das Kopfweh sich gelegt hat, so ist er doch immer noch gar nicht, wie er sein sollte. Hermann, der seit Mittwoch vor dem Feste hier ist, ist munter. Er geht am 2 Januar nach Celle zurück, wo er sich fortdauernd in seiner Beschäftigung wohl fühlt. Heinrich schreibt recht vergnügt aus Heidelberg. Er hat mit seinen nächsten Freunden einen Aufbau am 20st gehabt (wobei sie ihm in Marzipan „Liebig’sche Kindernahrung“ beschert haben, damit er größer werde!), ist am heiligen Abend bei Georg Quincke’s gewesen und jetzt wahrscheinlich auf einer Spritztour in Wertheim oder Pforzheim, bei Bekannten. –

Mein lieber Bruder, Dir, Frau und Kindern nun meinen herzlichen Neujahrswunsch. Möge der Himmel Euch munter erhalten und vor schwerem Leid bewahren. Dies wünscht mit unsern Kindern, die Dir bestens danken, Dein

treuer | Karl.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
30-12-1877
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35088
ID
35088