Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 21. März 1877

Potsdam d. 21 Maerz

1877.

Lieber Bruder!

Wir haben uns recht gefreut, daß Du glücklich nach deinem Corfu übergekommen bist und wünschen Dir dort guten Erfolg der Fischerei u. gutes Wetter.

Bei uns ist Heinz seit vorigen Mittwoch (d. 14t) eingerückt und hat sich nach reiflicher Ueberlegung entschlossen, umzusatteln und – Mediziner zu werden! – Wenn auch sein in Leipzig gewählter Umgangskreis dazu nicht wenig beigetragen haben mag, so ist doch schließlich das nicht das Bestimmende gewesen, sondern die eigne Lust u. Liebe zur Sache die ihn im Laufe des Semesters, durch Hören der Chemie u. Hospitiren in medicinischen Kollegien aufgegangen ist. Ich denke ihn nun zunächst auf c. 1 Jahr nach Süddeutschland zu schicken u. schwanke zwischen Heidelberg und Tübingen. Heinz hat sich zur Auswahl in den Katalogen umgesehen. ||

für Heidelberg:

Anatomie des Menschen 2r Theil, Gegenbaur

Osteologie und Syndesmologie}

Anatomie des Menschen 1r Theil} Huhn

Osteologie und SyndesmologieFürbringer

Organische Experimentalchemie:Delffs

Experimental-PhysikQuincke

Experimental ChemieBunsen

Organische Experimental ChemieLossen

Allgemeine BotanikPfitzer

für Tübingen:

Experimental Physik:v. Reusch

Experimental Chemie:Lothar Meyer

Zoologie:Eimer

Systematische Anatomie:Henke

spezielle Botanik:Dr. Hegelmeier

Die Hauptsache wird nun sein, ob er, wenn er noch jetzt Osteologie treibt (wie bereits seit 2 Monaten) das Gegenbaur’sche Colleg, 2r Theil der Anatomie, mit Nutzen schon hören kann.

Bitte schreibe mir Deine Ansicht. – Der Junge ist munter u. scheint recht bei der Sache zu sein.

Sonst haben wir am vergangenena Sonntag in der || Einsegnung unsrer Marie ein schönes Familienfest gehabt. Ritter hielt eine sehr gute Rede. Tante Bertha war hier und wir fuhren mit den beiden Alten Nachmittags nach Templin, bei recht wechselndem Aprilwetter. Wie es überhaupt dieser Tage ist: heuteb früh c alles frisch beschneit u. jetzt zu Mittag wieder trocken.

Denke Dir Ernst Naumann hat sich verlobt mit einer Opernsängerin in Frankfurt Frl. Virginie Gungl (von dem bekannten Musiker eine Tochter) Sie soll ein durchaus recht braves und dabei nettes Mädchen sein (28 Jahr alt – er 40 Jahre). Er hat aber deshalb den Abschied nehmen müssen! – resp. genommen. Sie bleibt noch 2 Jahre beim Theater, aber sie heirathen zum Juli schon. –

Unser Hermann geht nun in 8 Tagen an der Gärtner-Lehranstalt ab u. zunächst nach Celle in eine größere Baumschule.

Mutter ist munter, nur etwas erkältet. Sie klagt über das kalte Quartier u. will vielleicht ausziehen. – Bei uns geht es unverändert. – Mit herzlichem Gruß

Dein treuer Bruder

Karl.

a eingef.: vergangenen; b eingef.: heute; c eingef.: noch

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
21-03-1877
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35084
ID
35084