Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 15. Februar 1875

Potsdam den 15 Februar

1875

Lieber Ernst!

Mitten in einer wichtigen Schwurgerichts-Verhandlung will icha, da ich gestern nicht dazu gekommen bin, Dir doch noch einige herzliche Grüße zu Deinem Geburtstage von uns senden. Ich wünsche von Herzen, daß Deine nahe bevorstehende Reise gut verlaufen u. Du bei Deiner Rückkehr Frau und Kinder gesund antreffen mögest. Hast Du denn besondre Empfehlungen nach Corsika? und ist dort ein besonders günstiger Untersuchungsort? – Sieh Dich nur vor, daß Du mit der hitzköpfigen Bevölkerung nicht zusammenrennst. –

Gern hätte ich Dir irgend ein kleines Angebinde gesandt, aber es fiel mir bei dem besten Willen nichts Passendes ein. Du hast mich um Weihnachten so reichlich beschenkt, daß ich mich ordentlich schäme. Namentlich hat uns beide, Clara und mich, noch das Buch von Fitger „fahrendes Volk“ || erfreut, in dem ganz prächtige Gedichte enthalten sind. Insbesondre haben wir uns an „König Drosselbart“ u. dann an dem alliterirenden Königliede ergötzt.

In den letzten Wochen haben wir, ebenso wie viele andere Häuser, viel mit Unpäßlichkeiten in Folge des raschen Witterungswechsels zu thun gehabt. Fast alle Kinder haben nacheinander solche Attaquen durchgemacht, am ernstlichen Julius. Auch Clara selbst laborirt noch jetzt an einem entzündlichenb Halse. Doch ging es mit allen so, daß gestern zu Anna’s Geburts Tag einige Bekannte von uns und von ihr bei uns sein konnten.

Heinrich hat sich den Fuß vertreten und wird einige Zeit mit gewickeltem Fuße liegen müssen.

Mit Mutter geht es so leidlich; wiewohl sie manchen Tag recht kümmerlich sich befindet, besucht sie uns doch beinahe täglich. In der letzten Zeit hat sie Tante Bleek’s Leiden recht bewegt. Nun hat ja nach den neuesten || Nachrichten diec d arme Tante endlich von ihren Leiden erlöst. Man kann dafür Gott nur danken, daß sie sich nicht noch länger gequält und endlich ein noch sanftes Ende gehabt hat. Ihre Lage war nach allene Mittheilungen einef solche, daß man ihr nichts andres wünschen konnte.

Nun, ade lieber Bruder; Nimm mit diesen Sitzungs-Aphorismen − wir haben grade eine interessante Todschlagssache vor, – vorlieb und denke manchmal

an Deinen treuen

Bruder.

NB. Wie es scheint, wird sich’s noch in dieser Sitzung des Abgeordneten Hauses entscheiden, ob die richterliche Stelle bei dem Verwaltungsgerichte eine definitive wird und ob dies Gericht hier in Potsdam verbleibt. Ich wollte, diese Entscheidung bliebe nicht zu lange aus. Das Arbeiten bei beiden Gerichtshöfen wird doch oft lästig, wenn ich auch in der letzten Zeit nicht so viel wie vor- || [Briefschluss fehlt]

a eingef.: ich; b eingef.: entzündlichen; c korr. aus: der; d gestr.: Himmel; e korr. aus: allein; f korr. aus: jene

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
15-02-1875
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35068
ID
35068