Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 29. Januar 1871

Potsdam d. 29. 1. 71.

Liebster Bruder!

Heute muß ich doch endlich dazu kommen, Dir auf Deine neusten Zeilen, die mir Deine definitive Entschließung auf die Wiener Berufung brachten, zu antworten. Es freut mich doch schließlich, daß die Entscheidung so gefallen ist. Mein eignes Interesse ist es nicht allein, daß [!] mich so stimmt. Ich weiß, daß diejenigen Dir dazu gerathen haben, die die Hauptsorge, was für Dich im wissenschaftlichen Interesse das Beste sei, kompetent sind zu beurtheilen; und das ist die Hauptsache. Und dann hast Du doch auch für Jena jetzt eine ganz andre Stellung erreicht als vorher. Mich aber – und Claechen mit mir, – freut vor allem, daß unser brüderliches Band, das uns so Gott will in der Zukunft immer noch || fester verbinden soll, nun nicht durch eine räumliche Trennung bedroht ist, welche doch den persönlichen Verkehr mindestens sehr vermindert hätte. Du bist doch nicht so außer der Welt für uns, wie Du in Wien es sein würdest. −

Die Kreisrichterliche Kasse reicht nicht so weit, daß ich mir Hoffnung machen könnte, Dich dort auch nur selten zu besuchen. Nach Berlin kommst Du doch immer leichter u. dann bist du auch bei uns. Du wirst mir diesen Egoismus gewiß verzeihen.

Ich schreibe Dir heut unmittelbar nach der ersten sichern Nachricht von der Kapitulation von Paris und vom Waffenstillstand. Nun sind wir hoffentlich am Anfang des Endes angelangt, welches doch allseitig recht ersehnt wird. Der Opfer sind wahrlich genug gefallen In unserm nächsten Kreise ist Geheim Rath Borsche recht hart betroffen, sein ältester Sohn, seit Ostern Baumeister an der Anhaltischen Bahn u. verlobt ist am 19t in St. Cloud beim Straßengefecht, von 2 Kugeln getroffen, gefallena und die nöthige Friedensstimmung wird, denke ich, durch den Fall von Paris auch bei den Franzosen sich bahnbrechen; es wird ein Umschlag bei den mürbe gewordenen || eintreten, wie er bei dieser leichtlebigen Nation nicht verwundern darf. Freilich sind die Bedingungen, wie sie bis jetzt nach Londoner Nachrichten lauten, für sie sehr hart; aber etwas wird man sich wohl abhandeln lassen, namentlich was die Grenzlinie betrifft. An zu viel Bevölkerung französischer Zunge kann uns nicht gelegen sein.

Auf der andern Seite muß man sich auf die Möglichkeit gefaßt machen, daß der Kriegstanz nach Ablauf des Waffenstillstandes mit dem mittleren und südlichen Frankreich aufs Neue los geht. Dann werden wir uns aber wohl auch für diesen Fall gehörig vorgesehen haben, so daß die Pause von 3 Wochen uns keinen Nachtheil bringt. –

Wenn ich Dir im Vorstehenden nur halb Vernünftiges schreibe, ist’s kein Wunder. Es ist Samstag Nachmittag und an demselben Tische sitzen die größeren Kinder mit Clara um die Hängelampe u. lesen zusammen Wallenstein’s Tod mit vertheilten Rollen. Hermann hat jetzt ein solches Lesekränzchen mit seinen Schulgenossen u. ist dadurch in Geschmack gekommen. Hermann nimmt sich jetzt || überhaupt mehr zusammen u. arbeitet strammer. Die andern sind auch munter. Klein Max, Dein Pathchen macht Dir alle Ehre. Er ist bereits 2 Fuß lang, gegelt allerliebst, und kann noch mehr als Dein Junge konnte; dieser Tage hat er mit beiden Fuß Zehen den Rand des Waschbeckens förmlich angepackt und ‒ würde es sicherlich damit in die Höhe gehoben haben, wenn ich es ihm erlaubt hätte!! – Eine solche enorme Zähen-Thätigkeit u. Zehen Geschicklichkeit ist doch unerhört! – Bei den Alten war ich vorigen Dienstag u. fand sie munter; mit Tante Bertha’s Bein geht es sehr langsam vorwärts. – Von unsrem Neffen Boesche haben wir gute Nachricht; die Besserung schreitet vor. Von Hermann Lisco, der bei den 2ten Jaegern (Greifswaldern) steht haben wir lange keine Nachricht. – Daß es bei Euch so gut geht, freut uns sehr; hoffentlich wird Agnes auch bald von dem häßlichen Krampf befreit. Clara grüßt mit mir herzlich.

Ade Dein treuer Bruder

Carl,

der sich auf Dein baldiges Kommen recht freut. Aber den 16t kommenden Monats bist Du doch in Jena? –

a mit Einfügungszeichen eingef.: In unserem nächsten...Kugeln getroffen, gefallen;

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
29-01-1871
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35023
ID
35023