Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 26. Dezember 1870

Potsdam den 26 Dezbr 1870.

Lieber Herzens-Bruder!

Du hättest diesen Festgruß, der nun post festum im eigentlichsten Sinne kommt, früher erhalten, wenn es mir möglich gewesen wäre, ihn Euch zu sagen, ohne die Berufung nach Wien zu berühren. Aber das ging nicht, das konnte ich nicht, u. deshalb schrieb ich lieber erst heute.

Die Nachricht, obwohl ich ja schon neulich von Dir darauf vorbereitet war, hat uns beide tief erregt, als wir sie am Heiligabend früh durch Mutter erhielten. Deine gestrigen Zeilen steigerten den Eindruck noch. Denn dadurch erfuhr ich erst, daß es eine definitive Berufung sei (den Wortlaut werde ich morgen in Berlin erfahren) und was Dir in Jena fortan geboten wird. Um gleich mit diesem Punkte, dem ökonomischen, zu beginnen, so würde ich mich an Deiner Stelle durch das höhere Gehalt nicht zum Fortgehen bestimmen lassen. Ich glaube Du kommst mit 1200 Rth. im Jahr ziemlich ebensoweit wie mit 6000 Fl. in Wien. Ich halte ferner eine spätere Berufung nach Preussen nicht für so hoffnungslos wie Du. || Ich möchte dem Mühlerschen Regiment keine andre Zukunft prophezeien, als das Lippe’sche bei uns gehabt hat. Das kann rasch sich ändern. Es bleibt also als der entscheidende Grund für Annahme des Rufes: der größere und befriedigendere Wirkungskreis; und das ist zugleich der Punkt, der bei allen solchen Anträgen ceteris paribus am meisten ins Gewicht fällt. Über diesen Punkt habe ich kein Urtheil. Das mußt Du Dir selber am besten gebildet haben, durch Deine frühere Anwesenheit in Wien. Ist die Aussicht hierauf ein gewisse, sind die Mittel, die Dir dort, und, wie Du andeutest, in Triest zu Deinen weiteren Studien geboten werden, so bedeutend ausgedehntere und umfangreichere, daß diese wissenschaftliche Seite, die Berufsfrage die Nachtheile, Unannehmlichkeiten und Entsagungen aufdringen, die Du und Agnes gleichzeitig auf sich nehmen? Das ist eben die Hauptfrage, für deren Erwägung ich nur die Gesichtspunkte hervorheben will, die dazu maßgebend sind. Ihr zieht weit || fort von der deutschen Heimath. Der Verkehr mit den nächsten Verwandten wird ein schwieriger, ein seltener sein. Ähnlich, wenn auch nicht ganz in dem Maaße, würde dies aber auch bei einem Rufe nach München oder dem Rheine der Fall sein. Schwerer fällt ins Gewicht, die geringere Verbindung in der überhaupt Österreich mit dem übrigen Deutschland steht, die katholische Atmosphäre, die Fremdartigkeit der Lebensweise, alles Umstände, die Agnes den Wechsel noch viela schwerer machen würden als Dir. Endlich die unsicheren politischen und nationalen Verhältnisse in Wien. – Wenn anzunehmen würde, daß Du nach 6-8 Jahren mit Bestimmtheit nach Deutschland in einen gleich umfassenden Wirkungskreis zurückberufen werden würdest, würde ich all das ohne Bedenken mit in den Kauf nehmen. Du mußt Dich aber doch darauf gefaßt machen, daß die Uebersiedlung für immer geschieht. Und da gilt es zu prüfen, ob Du erwarten kannst, Dein geselliges u. Familienleben Dir dort || so einrichten zu können, daß Du Dich mit Agnes dort dauernd wohl fühlst und daß Ihr die Kinder dort gern großzieht, es gilt zu überlegen, ob die geistige Atmosphäre Dir auf die Dauer dort zusagen und der Umgang mit Fachgenossen und andern Männern der Wissenschaft Dir die Entbehrung reinb deutschen Lebens, u. der Zugehörigkeit zu einem großen deutschen Staatswesen, wie es grade jetzt sich zu verwirklichen anfängt, aufwiegt. Ich kann nicht zu-, nicht abreden. Ich persönlich fühle recht schmerzlich, daß auch unser Band darunter leiden wird, während grade die weitere Zukunft uns voraussichtlich auf ein engeres Aneinanderschließen noch mehr als früher hinweisen wird. Aber die Familienrücksichten kommen bei einer solchen Entscheidung doch immer erst in zweiter Linie in Betracht, wenn der Berufskreis, der dem Manne geboten wird, ein erheblich größerer und bedeutenderer ist, wenn er darin der Wissenschaft und dem Leben Größeres zu leisten hoffen darf. – Doch ich schließe heut. Morgen fahren wir nach Berlin. Vielleicht kann ich Dir, ohne indiskret zu sein, über die Wiener sozialen Verhältnisse Näheres erfahren u.c schreiben, wenn ich den Staats Rath Bonitz spreche, der früher in Wien war. Ade. Herzl. Gruß auch von Clara an Agnes

Dein Karld

Den Heiligabend haben wir sehr nett verlebt; die Kinder e waren sehr vergnügt.

– Clara’s Neffe Gustav Boesche ist in der Gegend von Orleans leicht verwundet und kommt dieser Tage nach Perleberg zurück.f

a eingef.: viel; b eingef.: rein; c eingef.: erfahren u.; d weiter am Rand v. S. 4: ohne indiskret zu... Agnes Dein Karl; e gestr.: hab; f weiter am Rand v. S. 3: Den Heiligabend haben...nach Perleberg zurück.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
26-12-1870
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35017
ID
35017