Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 26. Juni 1870

Potsdam den 26 | Juni 70.

Lieber Ernst!

Da ich lange nichts direkt von mir habe hören lassen, so sollt Ihr doch heut ein Paar Sonntagszeilen von mir erhalten.

Es freut uns, daß bei Euch alles so gut geht u. der Prinz so gut gedeiht. Gern hätte ich Euch auf der Rücktour aus Baden heimgesucht, u. ich habe auch daran gedacht; aber die Zeit war zu knapp gemessen und, was ich davon auf Baden verwenden konnte, that ich, da ich einmal so weit fort war.

Von Carl lauteten die Nachrichten anfangs wider Erwarten gut. Jetzt ist wieder eine stärkere Melancholie eingetreten u. ganz der Zustand, wie hier in den letzten Wochen. Die Beurtheilung und Beobachtung des Arztes ist ganz richtig u. sorgfältig, u. das giebt uns wenigstens die Beruhigung, daß er in richtigen Händen ist. Seine eignen Briefe, vor 14 Tagen, waren vernünftig.

Wir leben hier abwechselnd still u. unruhig, gewöhnlich das erstere; wenn aber mal stoßweise Besuch kommt, in letzterer Weise. So waren neulich bald hinter einander Prediger Rütenik und Richter’s hier. Beidemale waren wir in Sacrow, rsp. auf der Pfaueninsel per Dampfschiff. Ein andres Mal mit Justiz-Rath Stoepel’s, die uns mit allen Kindern eingeladen, nach || Baumgartenbrück per Wagen. Viel fahren wird jetzt Claerchen nicht mehr; aber etwas geht sie alle Tage aus, wenn es ihr auch sauer wird. –

Die Aeltern sah ich zuletzt vor 8 Tagen. Beide waren noch etwas erkältet. Wir wünschen, daß sie zum 1 Juli herüberkommen, wenn es irgend geht. – In den Ferien bleibe ich diesmal ruhig zu Hause und denke nur kleine Fußtouren in der Nähe zu machen. Von den Kindern geht außer Hermann, den ich vielleicht in den Harz oder das Riesengebirge auf Fußreise schicke, niemand fort.

Deine neue Ausgabe der Schöpfungs Geschichte sah ich neulich bei Mutter. Das mir versprochene Exemplar habe ich noch nicht zu sehen bekommen (Hast Du wohl an den alten Schlicht gedacht? vergiß ihn nicht!). Die Ausstattung ist hübsch u. die neuen Tafeln zieren das Buch recht, namentlich auch das Titelkupfer. Hast Du wohl die Bemerkungen im Centralblatt über ein aus Deiner Schöpfungs Geschichte fabrizirtes Buch gelesen? Ich glaube es war in No. 19 d. J.

Grüße diea Frau recht von mir u. Clara, u. küsse das Walterchen, dem ich einen netten (oder eine nette) Gespielen(in)b wünsche!

Immer Dein treuer Bruder

C Haeckel.

a eingef.: die; b eingef.: (in)

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
26-06-1870
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35009
ID
35009