Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 14. Februar 1869

aeckel, Potsdam, 14. Februar 1870

Potsdam den 14 Febr 1870.

Lieber Herzens-Bruder!

Meinem herzlichen Glückwunsch zu Deinem Geburtstage, an dem ich am liebsten selber in Jena wäre, füge ich weiter keine Spezialitäten bei, als Gesundheit, Freude an Frau u. Kind u. s. w. Der Jurist sagt: legalia praesumuntur, und was das, auf Geburtstagswünsche angewendet, heißt, kannst Du Dir selber denken. Ich freue mich, oder vielmehr: wir freuen uns, über jede gute Nachricht von Euch immer wieder von Neuem, daß es Euch so gut geht, u. Du namentlich auch in Deinen Arbeiten Dich so befriedigt fühlst u. in Deiner Häuslichkeit. Gott sei Dank kann ich Dir auch Ähnliches von mir in beider Hinsicht melden. Im Hause geht es mir ja immer jetzt sehr gut, wenn auch Sorgen u. trübe Tage nicht || ausbleiben können. Aber ich freue mich doch noch besonders darüber, daß ich auch jetzt angenehmere Arbeiten habe. Ich habe mehr zu denken, und das ist mir sehr viel lieber, als die mehr mechanische Beschäftigung in der II. Abtheilung. Auch habe ich den Vortheil, mehr häusliche Arbeiten als früher abmachen u. nicht so viel auf dem Gerichte sein zu müssen. An 2 oder 3 Tagen in der Woche bleibe ich jetzt gewöhnlich den Vormittag ruhig zu Hause. Durch die erste harte Arbeit des sich Hineinarbeitens in einen neuen Geschäftskreis bin ich jetzt hindurchgedrungen u. kann mit mehr Muße das regelmäßige Pensum abmachen. – Aus sind wira nicht viel, mehr so ruckweise; so waren wir in der vorigen Woche, den Sonntag ausgenommen, nicht aus; dagegen gestern zur Taufe bei Schillbach’s (ich stand bei dem kleinen Kaetchen, das Weihnachten geboren ist, Gevatter), heute erwarten || wir Tante Bertha; morgen Nachmittag Abschiedsessen für Kollegen Ernst, der zum 1 März als Appellations Rath nach Ratibor geht, Freitag Stiftungsfest der Literaria (Festessen mit Frauen), Sonnabend Gesellschaft bei unsrem Wirth Hoffmann. Im Großen und Ganzen leben wir still.

Mit Claerchen’s Neffen, Martin Müller, geht es gar nicht sonderlich; das Hals- und Brustleiden hat sehr zugenommen bei dem kalten Wetter, das ihn ganz an seine Stube gefesselt hat. Carl’n geht es auch weniger gut. Ich habe Sonnabend mit Laehr conferirt u. wir haben beschlossen, ihn von allen Nachmittags-Stunden und von einer Anzahl häuslicher Arbeiten bis auf weiteres wieder dispensiren zu lassen. Der arme Junge ist darüber natürlich wieder recht gedrückt. Es geht gar zu wechselnd mit ihm.

Die Alten habe ich seit 14 Tagen nicht gesehen. Bei der tollen Kälte – früh gewöhnlich -13-15° u. dazu scharfer Ostwind – bin ich nicht wieder hinüberge-||kommen, denke sie aber doch nächstens aufzusuchen, wenn es gelinder bleibt. (heut früh -5°). –

Bei Herrn von Schlicht war ich neulich und holte mir die Radiolarientafeln wieder ab. Er wünscht sehr, Dich mal ordentlich hier zu sprechen. Er hat kürzlich auf eigne Kosten ein Werk über Foraminiferen − wohin gehören dieselben? Ich suche sie vergeblich in Deiner Klassikfikation des Protistenreichesb – herausgegeben, in dem er 4-500. neue Arten beschreibt. Er zeigte mir sehr hübsche Diatomeen-Präparate von Moeller. Auch mit Moosen und mit Krystallographie hat er sich eingehend beschäftigt und dazu hübsche Sammlungen.

Nun ade, altes liebes Bruderherz, seid am 16t recht fröhlich, gieb Waltern einen Kuß vom Onkel u. behalte im neuen Lebensjahre lieb

Deinen treuen Bruder C Haeckel

Ich laufe oft Schlittschuh, wenn der Wind nicht zu scharf ist die Bahnen sind dies Jahr sehr schön.c

Anbei eine von Carl gefertigte Kopie eines neuen Kladderadatsch-Kalender, die Dich hoffentlich ergötzen wird.d

[Beischrift von Clara Haeckel]

Auch meine herzlichen Glück und Segenswünsche lieber Schwager, zum neuen Jahre für Dich, Frau und Kind und Deinen ganzen Wirkungskreis. Möchtet Ihr den frohen Tag noch oft miteinander begehen können! Daß es uns sehr gut geht, weißt Du durch Karl, darum, verzeihe einer sehr beschäftigten Hausfrau den eiligen Schluß! Agnes herzlich grüßend bleibe ich Eure

C. Haeckel.

a irrtüml.: wird; b mit Einfügungszeichen eingef.: wohin gehören dieselben...Klassikfikation des Protistenreiches; c weiter am Rand v. S. 2: Ich laufe oft...Jahr sehr schön.; d weiter am Rand v. S. 1: Anbei eine von...hoffentlich ergötzen wird.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
14-02-1870
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35005
ID
35005