Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 1. Dezember 1868, mit Beischrift von Charlotte Haeckel

Berlin, d. 1st Decbr. 68.

Lieber Bruder!

Gestern Mittag war ich von Tante Bertha zu einer Gans eingeladen; Stadtrichters, Sethe’s (Onkel Julius Töchter; er hatte Konferenz) und Quincke’s waren da. Da bin ich bis heut früh hier geblieben und fahre um 10 Uhr wieder herüber, um meine Aktenstöße zu vermindern, die jetzt, zu Anfang, wo man sich in ein neues Dezernat einzuarbeiten hat, mir viel Zeit kosten. Unsere lieben Alten habe ich sehr matt und schwach angetroffen; er schlummert jetzt, nachdem die Beängstigungen nachgelassen haben, fast den ganzen Tag. Gestern Abend plauderte er etwas mit mir; die Sprache ist schwach; man merkt, daß ihm das Athmen schwer wird. Er spielte dann mit mir noch eine Partie Tricktrack. Quincke findet ihn besser, aber meint doch, daß es mit ihm immer so stehe, daß rasch einmal die Maschine still stehen könne. Es ist mir sehr lieb, daß Du jetzt kommest; auch Mutters wegen, die sich bei der Pflege (wie auch in früheren Fällen) offenbar übernimmt u. sehr nervös, reizbar und trüb gestimmt ist. Aber es läßt sich ihr ja nicht || beikommen in dieser Beziehung, wie Du weißt. Der Diener ist gut und willig, u. hilft, so weit es Mutter zuläßt.

Ich dachte den Donnerstag Vormittag hierherzukommen. Wenn ich aber weiß, daß Dich der Vortrag über Mittag u. Nachmittag noch in Anspruch nimmt, so komme ich erst kurz vor dem Vortrag. Was Du kannst, bereite nur dort dazu vor. Vergiß aber nicht, einen hübsch durchgearbeiteten und abgerundeten Vortrag (ohne polemische Ausfälle) zu liefern. Man kann nie wissen, welche Nachwirkungen Dein Auftreten für Dich später hat.

Recht innigen Antheil habe ich an dem Schicksal genommen, das den armen Schleicher betroffen hat. Du wirst eine schwere Vormundschaft haben. Wir wollen darüber hier das Weitere besprechen. Erkundige Dich doch dort vorläufig nach dem zur Anwendung kommenden Erbrechte u. nach dem ungefähren Stande der Vermögensverhältnisse, namentlich auch darnach, ob die Wittwe berechtigt ist, mit den Kindern ohne Theilung in der Gemeinschaft des Nachlasses bei freier Verwaltung desselben zu verbleiben. ||

Daß es Euch dreien nach dem letzten Briefe gut geht freut mich sehr. Natürlich ist mein Pathchen schon ein Ausbund von Liebenswürdigkeit.

Nun ade, liebster Bruder; grüße Agnes recht herzlich von mir. Hoffentlich auf baldiges Wiedersehen,

Dein

Karl.

Bitte um kurze Antwort auf die angestrichene Stelle, auch darüber, ob Du bis zum 22 oder 23. bleibst. Einen Tag mußt Du zu mir herüber kommen. ||

[Beischrift von Charlotte Haeckel]

Lieber Ernst!

Von Karl hast Du gehört, wie es hier steht; auf Dein Kommen freue ich mich sehr, erwartte Dich Mittwoch Abend. Bringe doch von meinen alten Pelzen mit, was Du kannst, ich kann jetzt davon gebrauchen für Vater. Dann bringe von Deinen Photographien mit. Frau Dr. Louise Lachmann kam vor einigen Tagen um eine für einen Verehrer von Dir zu bitten, sie selbst habe auch noch keine. Schönen Gruß [an] Agnes von Deiner

Mutter Lotte

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
01-12-1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34994
ID
34994