Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Landsberg an der Warthe, 15. April 1868

Landsberg 15/4 68.

Lieber Ernst!

Obwohl ich dicke Stöße Akten, gestern Abend zurückgekehrt, vorgefunden habe, will ich Dir doch rasch meine Meinung über die Druckbogen schreiben, deren Inhalt ich in Berlin durchgelesen habe. Im Ganzen thut mir es eigentlich Leid, daß Du Dich nicht lieber an die Reisebeschreibung gemacht hast. Ich glaube, da nun ohnehin schon die 2 Vorträge für die Virchow’sche Sammlung erscheinen, hättest Du diese Vorlesungen jetzt ungedruckt lassen können. Einmal sind dieselben – wenigstens nach den mir vorliegenden Bogen zu schließen, – im Wesentlichen doch nur eine breitere Ausführung derselben Grundgedanken, − u. da ziehe ich nach meinem Geschmack das mir zu Weihnachten von Dir Vorgelesene vor, weil es präziser u. konzinner in der Form ist. Sodann macht sich eina gesprochener Vortragb , in seinerc Breite u. Ausführlichkeit, lange nicht so gut, d wenn man ihn liest , als wenn man ihn hört . Mir scheint, als hättest Du im Gedruckten manches kürzen u. dene Hauptgedanken gang schärfer hervortreten || lassen können. Endlich gefällt mir nicht, daß Du die Wichtigkeit der Darwin‘schen Grund-Ansicht gar so sehr ausposaunest. – Dergleichen wirkt schon durch sich selbst; das braucht man den Leuten nicht erst zu sagen, sondern kann es ihrem eigenen Urtheil überlassen. ‒ Was mir im Einzelnen auffiel, habe ich beim Lesen auf dem anliegenden Bogen notirt. Lieb wär mir’s, wenn Du mir auch die späteren Probe-Druckbogen zu Kreuzband sendetest; ich kann sie ja später an Mutter geben, die sie getreulich aufbewahrt u. liest. – An der Anlage des Ganzen wird sich nun kaum ändern lassen. Aber vielleicht kannst Du die obigen Bemerkungen noch für die weitere Durcharbeitung benutzen.

Bei Reimer s habe ich Ernst nur ganz flüchtig gesprochen, dagegen ½ Stündchen bei derf Schwägerin verplaudert. Sie waren munter. Die Alten fand ich wohl, nur klagte Mutter über rheumatische Schmerzen in den Beinen u. mußte einreiben. Der Kindertrubel ist doch zu groß für sie, u. sie läßt sich ja nichts abnehmen. – Mit Carl war ich bei Quinke u. || Laehr. Beide fanden ihn besser; namentlich Laehr , der ihn seit Novem be r nicht gesehen hatte, war recht mit ihm zufrieden. Er soll nun wieder Mathematik mitnehmen u. auch dann u. wann einen leichteren deutschen Aufsatz machen. Einige Besuche habe ich noch gemacht, bin aber in kein Concert oder Theater gekommen. Es ist im Feste zu schwer, anzukommen. Dagegen habe ich eine sehr nette Aquarellen-Ausstellung gesehen, die Du in No. 165 oder 167 der Nationa l Zeitung ausführlich im Feuilleton rezensirt findest. Ich wünsche Dich recht herbei, um mit Dir es genießen zu können. Treffliche Heidebrand’sche Landschaften (Schloß Cintra, mehrere von Windsor Castle, u. Norwegische Landschaften), reizende Paul Meyerheim’sche, namen tlich Thierstücke (Marabu’s, Kamel, Nashorn p.p.) und Menzel’sche Genre-Bilder, dann Soldaten-Porträts (gefangene Österreicher) von Burger u.s.w. ‒ und reizendeg Landschaften von Graeb. – Ich habe mich sehr daran erfreut, u. eingesehen, daß ich für solche Kunstgenüsse weit empfänglicher bin als für Musik. – Sonst war mir unter meiner Freundesschaar machmal das Herz schwer: ich fühlte zu oft was ich entbehren muß, so namentlich auch in Potsdam || bei Onkel Julius, wo mich die Lücke im Hause durch Tante Adelheid’s Tod recht wehmüthig machte. Sonst war’s nett am Sonntage in Potsdam ; das scheußliche Schneegestöber vom Sonnabend hatte sich gelegt. Es war noch kalt, aber dochh so, daß wir uns nach Tische mit den Kindern im Garten tüchtig schneeballen konnten (am 12t April!!!) Leid thut mir, daß am Dienstag dort erst Marie Bleek mit den Kin de rn ankam und heute Bertha Petersen mit den Ihren in Berlin. Letztre werde ich aber wohl noch in Fran kfur t antreffen. Daß Deine Agnes wieder mehr auf dem Zuge ist, freut mich. Schone sie nur hübsch; aber tüchtig an die Luft kann sie immer, das ist ihr gewiß gut. – Mit Rücksicht auf Deine Hoffnungen interessirt Dich vielleicht die Nachricht, daß ich heute für Carl die IIt Rate des vollen Schulstipendii für Carl erhalten habe! –

Nun ade alter Junge, der Brief muß fort und ich zur Suppe und an die Akten.

Dein

Karl

Zu den Ferien werde ich vielleicht mit Carl nach Heringsdorf gehen.i Sorge nur bald, daß Du einen tüchtigen Ersatz für Eure Bertha zum 1 Juli bekommst. Die Zeit des Wechsels ist ungelegen. – j

a korr. aus: eine; b gestr.: Rede; eingef.: Vortrag; c gestr.: ihrer; eingef.: seiner; d gestr.: als; e korr. aus: die; f eingef.: der; g eingef.: reizende; h eingef.: doch; i weiter am Rand v. S. 4: Zu den Ferien...nach Heringsdorf gehen.; j weiter am Rand v. S. 1: Sorge nur bald...Wechsels ist ungelegen. –

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
15-04-1868
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34987
ID
34987