Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Landsberg an der Warthe, 14.-18. Dezember 1866

Landsberg a/W 14 December 66.

Lieber Bruder!

Ich habe keine Ahnung, wann die Briefe nach den Canaren abzuschicken sind und sende daher diese Zeilen aufs gerathne Wohl in die Welt hinein; wenn sie auch so u. so lange auf spanischem Boden werden liegen bleiben müssen. Von Dir haben wir bisher immer noch rascher Nachricht bekommen, als wir erwarten konnten. Nur auf den ersten Lissaboner Brief paßte ich mit einiger Ungeduld, da die Zeitungen von vielen Stürmen in jener Zeit berichteten. Dem Himmel sei Dank, daß Du den zweitägigen Sturm auf jener Fahrt so glücklich überstanden hast, u. ebenso die strapaziöse Besteigung des Pic de Teide, von der ich den Detailbericht noch nicht in Händen habe.

In meinem Hause hat sich seit meinen letzten Zeilen nach London Nichts besondres ereignet, außer daß Hermann kürzlich 8 Tage lang wegen eines gastrischen Zustandes aus der Schule bleiben mußte u. anfangs sogar einige Tage zu Bette lag. Der Junge leidet schon seit längerer Zeit an Verdauungsstörungen, die sich zuletzt in einem ernstlicheren Unwohlsein Luft machten. – Zum 22st vorigen Monats war ich auf einige Tage in Berlin; ich fand die lieben Alten munter, auch Tante Bertha. Nur war wieder neue Trauer in der Familie um Tante Adelheid, die am selben Tage auf dem Dreifaltigkeits-Kirchhofe bestattet wurde. Das ist auch wieder ein Harter Schlag: die schwer kranke Tochter zu Hause, dabei die 2te auch noch immer krank in Bonn, u. klein Julius wieder zu Hause, weil, wie es scheint, in der bisherigen Stellung es mit ihm nicht recht gegangen ist. Der Junge will sich durchaus nicht recht entwickeln u. steckt noch immer in den Kinderschuhen, vielleicht für immer. Heinrich will, um seine || Braut bald heimführen zu können, in die Auditeur-Karriere hinein. Probeweise ist er jetzt in Posen. Wenn es nur nicht gar eine so langweilige Beschäftigung wäre! Onkel Julius fand ich den Umständen nach munter. Unser Schwager Heinrich hat um diese Zeit noch Hausarrest. Er hatte einer hartnäckigen Erkältung wegen 4 Wochen lang einsitzen und eine Schwitzkur gebrauchen müssen. Es ist ihm Aussicht gemacht, jetzt eine Stadtrichterstelle zu erhalten, da wieder 20 neue Stellen kreirt werden. – Ich selber habe mich auf Wunsch der Aeltern und Tante Bertha’s um eine vakante Stelle in Potsdam beworben, glaube aber nicht, daß ich bei der jetzigen Strömung, die im Innern immer noch die alte ist, irgend welche Aussichten habe.

Die Weihnachtszeit rückt nun nahe heran. Heute bin ich mit Frau Oberheim schon in verschiedenen Läden gewesen und habe für die Kinder eingekauft. Da mußte ich natürlich wieder viel daran denken, wie anders das noch vorm Jahre war, u. mit welcher Emsigkeit meine Mimmi um dieses Zeit des Abends für die Mädchen Puppensachen zurecht pusselte. Nun müssen sie sich bald selber dergleichen zurecht machen. Für die großen Jungen habe ich, (da ich von Mutter Minnchen und Tante Gertrud Gelder zur Verwendung für Weihnachtsgeschenke bekommen) ein kleines Mikroskop mit 3 Vergrößerungen gekauft, in der Größe des Deinigen kleinen. Nun hör ich von Mutter, daß Du den Kindern Deines hast geben wollen, vielleicht tausche ich es mir deshalb in Berlin noch um gegen einen Opernkucker, den man immer gut auf Reisen brauchen kann, auch für die Landschaftsbilder. – Mir selbst habe ich ein einfaches Stereoskop zugelegt; ich hatte ja noch Dein Geburtstagsgeld liegen. – ‒

Sonntag, den 16t Dezember Abends

Eben erhalte ich einen Brief von Mutter, wonach sie die beiden Briefe nach Madeira früher u. kürzlich nach Teneriffa geschickt hat. Hoffentlich erhältst Du wenigstens den letzteren bald u. noch eher als diesen. In der nächsten Zeit wird sie vor Weihnachtsbesorgungen wohl nicht schreiben können. ||

Wie anders wird das Wetter, das Du hast, von unserem jetzigen sein. Ich mußte heute Nachmittag lebhaft Deiner gedenken und mit einem gewissen Neide; denn ich habe trotz tüchtigem Heizen in meiner nach Abend liegenden und dem Winde sehr ausgesetzten Arbeitsstube nicht mehr als + 11° R und habe mir deshalb soeben die Pulswärmer angezogen, um nur an Dich schreiben zu können. Bis jetzt hatten wir nur sehr veränderliches meist weiches Wetter, bis auf einige wenige kalte Tage in der 2ten Hälfte des Novembers; sonst viel Regen in den letzten 14 Tagen, was auch recht Noth that. Seit 3 Tagen ist aber das Wetter scharf umgeschlagen. Vorgestern schneite es tüchtig u. der Schnee fing bald an zu quietschen. Gestern früh war -9°, heute etwas weniger aber sehr trüber Himmel u. wieder starkes Schneegestöber. Behalten wir es kalt, so werden wir recht prächtige Schlittenbahn haben. Und Du sitzest indeß am Strande von Lanzarote und fahndest – gewiß beim herrlichsten Sommerwetter, auf neue Medusen! – Ich lasse mir aber unsere klimatischen Zustände nicht schelten; sind sie auch unbehaglicher, so bedingen sie doch sicherlicher unsern energischeren Volkscharakter und unsre gründlichre Bildung. Solche Winterszeit fordert unwillkührlich zu eingehenderen Studien in den vier Wänden auf. Wenn mir nur die amtlichen Arbeiten dazu noch Zeit ließen! Im Sommer geht es; aber im Winter u. nun ganz besonders in dem jetzigen ista in meiner jetzigen Stellung viel mehr der Arbeit, weil dann die Schiffer und die vielen Erndtearbeiter nach Hause kommen und ihre Familienangelegenheiten reguliren, kaufen und verkaufen pp. Diesmal habe ich deshalb noch mehr zu thun, weil die vielen Todesfälle, im Kriege, u. noch mehr durch die Cholera, die Zahl der Nachlaßregulirungen erheblich vermehrt haben. Ich komme daneben || fast nur noch zum Spazierengehen (wobei mich mein Carl jetzt gern begleitet) u. zum Zeitungslesen. Letzteres nimmt seit Mitte November wieder stärker in Anspruch wegen unserer Kammerverhandlungen. Das Abgeordneten Haus ist recht fleißig gewesen. Es hat den Etat pro 1867 im Plenum vorberathen (ohne vorherigen Commisions Bericht) und ist damit jetzt fertig. Nächstens findet die Schlußberathung statt und dann geht das Etatgesetz an das Herrenhaus. Wir hoffen diesmal die Publikation desselben noch vor Beginne des Etatsjahres erwarten zu können. Einige kritische Posten sind mit schwacher Majorität gestrichen, andre mit ebenso schwacher durchgegangen. Das Militärbudget wurde mit großer Majorität in Pausch und Bogen bewilligt. Es ist ein Unglück, daß die beiden Hauptparteien sich numerisch ziemlich die Wage halten, namentlich, wenn, wie öfters die c. 20 Altliberalen mit den Conservativen stimmen. Aus der Fortschrittspartei u. dem linken Centrum hat sich eine neue Fraktion der National-Liberalen ausgeschieden, die in den auswärtigen Fragen die Politik Bismarck’s principiell unterstützt, und aber ihre Opposition in den Fragen der inneren Politik beibehält. Zu ihr gehören Twesten, v. Unruh, Michaelis, Lette, Lasker, u. auch Richter, der bei einer Nachwahl Anfang November für den ersten Wahlbezirk von Berlin gewählt ist. Bis jetzt hat diese Partei ihre schwierige Aufgabe nicht grade mit sehr vielem Geschick ausgeführt. Graf zu Eulenburg, der die Regierung in Bismarck’s Abwesenheit in den Budgetdebatten meist vertrat, wo es sich um die allgemeine Politik des Ministerii handelte, zeigte sich gewannt, wenn auch oft sophistisch. Die Angriffe der Opposition waren öfters etwas plump u. sie schlugen namentlich dadurch fehl, daß man der neuen nationalen Fraktion, die dabei oft das Wort b nahm, immer entgegenhalten konnte: wenn sie Bismarck’s auswärtige und deutsche Politik unterstützen wollten, müßten sie schon manches andre mit in den Kauf nehmen, was nun einmal doch nicht werde geändert werden. Wenn Du auch, wie ich vermuthe, deutsche Zeitungen nur stoßweise dorthin erhältst, so mußt Du doch diese Budgetverhandlungen zu durchfliegen nicht versäumen. Graf Bismarck ist nun wieder von Puttbus zurück, scheint || aber noch immer leidend zu sein. Er wird den in diesen Tagen beginnenden Konferenzen der norddeutschen Regierungen zur Feststellung der Vorlage über die Verfassung des Norddeutschen Bundes präsidiren. Das Parlament soll etwa Ende Januar zusammen kommen. Die Wahlagitationen beginnen schon. Es ist aber diese Wahlart ein rechtes Tappen ins Ungewisse und das Resultat wird vielfach vom Zufall abhängen. In vielen Gegenden wird die Regierung weit mehr Chancen dadurch haben, als die Liberalen, weil sie auf die kommandirbaren Massen durch die Landräthe, Gutsbesitzer, Beamten weit mehr Einfluß hat. Es kann leicht kommen, daß Graf Bismarck ein Parlament erhält, dessen Majorität durch ihre Gefügigkeit u. die Unbedeutendheit einer großen Zahl ihrer Mitglieder ihm unbequemer u. hinderlicher in seinen Plänen ist, als eine Opposition mit hervorragenden Persönlichkeiten und wahrhaft nationaler, selbständiger Richtung. Hier ist am Montag die erste Vorversammlung der Liberalen. Vermuthlich werden sie v. Vaerst (nicht Aegidi) aufstellen, die Gegner aber den Landrath (oder vielmehr er wird sich seiner Partei als Kandidaten aufdrängen).

Graf Bismarck soll mit dem Gange der Politik während seiner Krankheit, namentlich mit den noch fortdauernden Untersuchungen gegen Beamte wegen früherer politischer Äußerungen u. Wahlagitationen, nicht zufrieden sein und vor ca. 3 Wochen seinen Abschied gefordert, aber nicht erhalten haben. Er hätte, wie er sagt, gern einen andern Justiz Minister u. Minister des Innern, aber soll damit beim König nicht durchdringen können, der nun einmal durchaus nicht welche von den Ministern fallen lassen will, die ihm während der Konfliktsjahre gedient haben. Es ist sehr zu wünschen, daß Graf Bismarck sich hält u. seine Pläne glücklich durchsetzt. Sonst wird in der nächsten Zeit viel verderben, sowohl in den annektirten Provinzen als in dem Verhältniß zu den übrigen norddeutschen Staaten. Im Innern sieht es sehr verschieden aus: am ungernsten fügen sich die Hannoveraner, das Landvolk soll immer noch des || Glaubens leben, ihr König Georg werde mit einer Schaar seiner getreuen sein Land wiedererobern! ‒ Dazu sind die Ritter und Beamte zum Theil sehr störrisch und deshalb auch die Zustände für unser Militär, namentlich in der Stadt Hannover, sehr unbehaglich. Der Gouverneur v. Voigt-Reetz ist in der letzten Zeit gegen die offenbar renitenten u. z. B. die Soldaten vom Eintritt in das preußische Heer abmahnenden energisch eingeschritten u. durch Königliche Ordre ermächtigt, solche ohne Weiteres nach der Festung zu schicken. In Kassel u. Nassau sieht es besser aus. In Frankfurt a/M dagegen kann man die alte Herrlichkeit der freien Reichsstadt u. die österreichischen Sympathien noch nicht vergessen, v. Patowc soll dort nicht der geeignete Mann sein, einmal zu gefügig u. dort durch seine Familienverbindungen (seine Frau ist eine Frankfurter Patriciertochter) in eine schiefe Stellung gerathen; v. Moeller in Cassel viel geschickter u. deshalb auch recht beliebt. In Schleswig–Holstein werden immer noch Stümper von der Regierung gemacht: so neuerlich wieder Verwarnungen an nationalliberale Blätter, wegen ihrer milden Kritik von Stellenbesetzungen. Man stößt grade die vor den Kopf, die am eifrigsten für die Einfügung des Landes in den in das preußische Wesen arbeiten. In allen annektirten Landen beginnen jetzt die Aushebungen nach dem preußischen Wehrpflichtsprincip.

Was nun aber die erzwungenen Bundesgenossen betrifft, so sind die Zustände in Sachsen nach allem, was man liest u. hört, höchst ungehaglich und von der Art, daß es auf die Dauer so nicht fortgehen kann. Der sächsische Partikularismus regt sich mächtig u. geht zum Theil Hand in Hand mit den aeltren Demokraten; die Nationalen sind selbst in Leipzig bei den Gemeinde Wahlen unterlegen. Die Aussichten für die Parlamentswahlen sind der nationalen Sache dort wenig || günstig. Ähnlich in Hessen-Darmstadt.

Den 18 Dezember.

Nun muß ich doch endlich den Brief zu Ende bringen. Heute hatte ich mal einen geringeren Aktenstoß und habe deshalb schon Weihnachtsbriefe nach Schloetenitz u. Ziegenort geschrieben. Morgen sollen die Sendungen dorthin u. nach Berlin abgehen. – Dir habe ich ja noch nicht für die Zusendung Deines Buches gedankt. Die Widmung und Vorrede habe ich mit vielem Interesse gelesen (namentlich die Stellen über Dein Verhältniß zu Deinem Freunde Gegenbaur und über das offizielle u. geheime Herbarium Deiner Jugendzeit) auch sonst drin geblättert, es dann aber zunächst an Dr. Gercke gegeben, der jetzt grade gelegene Zeit hatte, es durchzusehen. Später sollen es noch einige meiner naturwissenschaftlichen Bekannten von mir erhalten, damit sich desselben doch auch die Fachmänner hier erfreuen. Deine brüderliche Fürsorge für andre Winterlektüre hat mich wahrhaft gerührt. Aber was denkst Du Dir denn, welche Muße ein bepackter Aktenmensch habe, daß Du mir solchen Stoß gesendet hast. In meinem Hoffmann habe ich übrigens schon über die Kanaren nachgelesen u. dazu die trefflichen Kartenskizzen der Inseln im Berghaus’schen Atlas verglichen.

− Nun noch von den Kindern Einiges. Der kleine Julius ist ein allerliebstes, freundliches u. lebendiges Kind, der sich auch schon das Herz von Frau Oberheim ganz erobert hat. Er sitzt schon sehr niedlich stramm auf der Decken und langt u. lächelt nach jedem, der sich mit ihm abgiebt. Wie oft muß ich grad bei seinem Anblick der liebenden Mutter gedenken; was würde die jetzt an ihm für Freude haben! || Georg wird oder ist vielmehrd ein prächtiger derber Bengel, nur noch sehr sprechfaul und dabei des Nachts noch gräßlich unreinlich. Er spielt meist mit Ernst, wird aber bei den nicht ausbleibenden kleineren Zänkereien wohl bald die Oberhand über den, wenn auch älteren, doch viel zarteren Bruder behalten. Die 5 älteren gehen nun schon sämmtlich in die Schule. Mieze entwickelt sich dabei recht zu ihrem Vortheil. Heinz ist ein durchtriebener Strick, Anna noch das alte Nöllieschen, aber trotzdem lieb u. munter. Die beiden Großen haben nur oft zu viel auf und ich bin mit unserem ganzen Erziehungssystem auf unseren Gymnasien nicht zufrieden. Zu körperlicher und Charakterentwicklung bleibt unsrer deutschen Jugend nicht die nöthige Zeit, das rächt sich im späteren Leben. Aber was hilft’s! Was kann der Einzelne dagegen thun, Carl werde ich wohl im nächsten Sommer ordentlich ausspannen.

Nun ade, mein altes Liebes Bruderherz. Ich sage Dir zum Weihnachtsfest u. zum Neujahr meinen besten Gruß. Denke Du meiner, wie ich Deiner gedenke. Das Gefühl der innigen Theilnahme, die Du mir schenkst, thut mir auch in der Ferne wohl.

Immer Dein

Karl.

Um doch etwas zum Fest für Dich zu haben, lege ich Dir ein Bildchen von Mimmi bei, das nach einem jetzt über meinem Schreibtisch hängenden größeren Bilde gemacht ist, es ist etwas zu schwarz und schief, aber mir doch sehr lieb.

a gestr.: sind; eingef.: ist; b gestr.: führte; c korr. aus: Pathow; d eingef.: oder ist vielmehr

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
18-12-1866
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34983
ID
34983