Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Landsberg an der Warthe, 10. Mai 1866

Landsberg a/W 10 Mai 1866.

Lieber Bruder!

Wie oft habe ich in den letzten Wochen nicht das Bedürfniß gehabt, mich mit Dir auszusprechen! Aber – erst die Feder ansetzen zu sollen, um dann einen Monolog zu halten, das gefiel mir nicht und hielt mich ab zu schreiben, was Einem so grad auf der Seele liegt. Heute will ich Dir denn aber doch trotzdem einen solchen Augenblicks-Erguß mitsenden.

− Wie sehr habe ich mich gefreut, daß die Alten jetzt hergekommen sind; ich war länger, als gewöhnlich, nicht in Berlin gewesen; da hatte ich rechte Sehnsucht nach ihnen; und habe, uma namentlich mit Muttern, über so Manches mich aussprechen können. Unsere lieben Alten findeb ich so munter, wie man es erwarten kann. Ist er auch nicht mehr so lebhaft und mittheilsam, wie noch vor 5-6 Jahren, c sod plaudert sich’s doch mit ihm über die || Tagesereignisse und über seine jeweilige Lektüre ganz nett und man freut sich der für sein hohes Alter doch immer noch merkwürdigen Geistesfrische. An den Kindern haben beide Alten eine rührende Freude, − wir Aeltern, beiläufig gesagt, nicht minder, ‒ und unsre Mimmi ist trotz der noch nicht zurückgelegten sechs Wochen wieder ganz die Alte unter der kleinen Schaar.

− Was aber jetzt den Menschen vor allem in Anspruch nimmt, sind doch die Tagesereignisse, die einander jetzt in rascher Aufeinanderfolge jagen. Ich schreibe heut unter dem ersten frischen Eindruck der Auflösung und Zusammenberufung des Landtags. Damit ist e Preußen wenigstens die Möglichkeit eröffnet, in wahrer Zusammenfassung der Kräfte des ganzen Volkes in den schweren Krieg, der jetztf unvermeidlich scheint und früher oder später mit Österreich doch ausgefochten werden muß, ein||zutreten. Freilich gehört dazu, daß die Regierung das Budgetrecht des Abgeordnetenhauses unumwunden anerkennt, die Reorganisation des Heeres nicht als gesetzlich abgeschlossen ansieht, und wegen der Vergangenheit eine Indemnitätsbill extrahirt. Werden diese Zugeständnisse gemacht, so kann man die Reform des Herrenhauses und die gesetzliche Regelung der Heerpflicht bis auf die nächsten ruhigen Zeiten aufsparen. Ich halte Bismarck für klug genug sich zu solchen Konzessionen zu bequemen; wenn ich auch an seine aufrichtige Bekehrung zu wahrhaft konstitutionellen Ansichten nie glauben würde, so geht ihm doch das Bestreben ein großes Ziel zu erreichen, über seine Parteiansichten, und g er ist fähig, den konstitutionellen Weg aus Klugheit einzuschlagen, nachdem er eingesehen, daß der absolutistische nicht zum Ziele führt. Jedenfalls will ich lieber unter || seiner entschlossenen Führung, als unter einem schwachköpfigen Reaktionsministerium (das, wenn man ihn beseitigt hätte, sicherlich gefolgt wäre) Preußen in den unvermeidlich gewordenen Krieg gehen sehen. Wir wollen abwarten, ob nicht dann die Macht der weiteren Ereignisse die preußischen Staatsleiter in andre Bahnen hineinzwingen wird. Gut, daß sich Roggenbach seinen Antezendenzien gemäß genommen hat. Ich hoffe, er wird doch noch, früher oder später, unser auswärtiger – oder deutscher Minister.

− Hast Du Twesten’s Rede in der Berliner Wahlmännerversammlung vom Anfang April cr. stenographisch gelesen? (N. 180 Nat. Ztg. Beilage) Die mußt Du lesen, und säßest Du noch tiefer in Deinem Buchschreiben drin. Uebrigens – alter lieber Junge – halte dabei doch ja Maaß u. wolle nicht eine solche große Arbeit in kürzerer Zeit vollenden wollen, als sich mit einer gesunden Lebensweise verträgt. Du könntest den Bogen überspannen, u. wozu? – Um doch vielleicht die Reise nachher nicht nach dem Plane machen zu können. Nun ade, Laß gelegentlich wieder was von Deinem glück-lichen Kleinstaate aus hören. Ueber 8 Tage taufen wir hoffentlich den kleinen „Julius“.h

Dein Karl

a eingef.: um; b irrtüml.: finden; c gestr.: und; d korr. aus: er; e gestr.: uns; f eingef.: jetzt; g gestr.: ich; h weiter am Rand v. S. 4: lichen Kleinstaate aus...den kleinen „Julius“.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
10-05-1866
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34975
ID
34975