Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Landsberg an der Warthe, 20. Mai 1866

Landsberg a/W den 20 Mai 1866.

Lieber Ernst!

Dein Brief vom 12ten dieses Monats hat mich als Beitrag zua den spärlicher zu uns dringenden Nachrichten über die Volksstimmung in Mitteldeutschland sehr interessirt, giebt mir aber auch zugleich einen Beweis dafür, wieb leicht man in dem Urtheil c über politische Zustände fehl greifen kann, wenn sich dasselbe nur auf die aus der Presse entnommen Nachrichten gründet, und keine Gelegenheit hat, durch die Kammern oder sonst auf andere Weise die Volksmeinung zu erkunden. Du bist der Meinung, daß der überwiegende Theil der preußischen Liberalen in Bismarck’s Lager übergegangen sei, und daß das Volk sich dazu hergeben werde, seiner absolutistischen Politik fortan zu dienen. Wenn Du diesen Schluß aus der bisherigen Haltung der Nationalzeitung ziehst, so hast Du vergessen, daß wir keine „freie“ Presse haben, die in demselben Tone über innere Zustände reden kann, in welchem || sie sich über das Verhältniß zu Österreich äußert, und daß in dem Conflikt mit letztrem das Herauskehren des preußischen Standpunktes einem jeden auch dem liberalsten Blatte natürlich ist. Du nimmest ferner an, wir trauten den anscheinend liberalen Regungen der Regierung in der deutschen Reformfrage. Daß das nicht der Fall, daß wir vor allem eine befriedigende Lösung des inneren Konflikts im liberalen Sinne verlangen u. für nothwendig erachten, bevor das Volk sich aufrichtig der Regierungspolitik anschließen kann, diese Stimmung drücken die in den letzten 8 Tagen notirten Adressen aus den größeren Städten u. nebenbei auch die Artikel der National Zeitung genugsam klar aus. Wir hoffen, daß die drohende äußere Lage und die Stimme der – freilich sehr spät gerufenen Volksvertretung die Regierung zur Umkehr und zum thatsächlichen Einlenken in die liberale Sache nöthigen u. andre Persönlichkeiten ans Ruder bringen wird. – Auf anderem Wege als durch solche || moralische Nöthigung und durch die finanzielle Klemme, in die die Regierung sonst geräth, läßt sich Nichts erreichen. Das preußische Volk hat, wie Du ja selbst aussprichst, noch nicht eine solche politische Bildung, die durch alle Schichten desselben ginge, wie es in Süddeutschland der Fall sein mag. – Siegt Preußen ohne eine Ändrung der inneren Politik, so werden doch sicherlich keine solchen Zustände eintreten, wie Du sie befürchtest. – Unterliegt es, so hoffe ich auf eine ähnliche innere Entwicklung bei uns, wie sie in Sardiniend nach dem Jahr 1849 eintrat. Doch halte ich, wie gesagt, die erstere Alternative, ohne gleichzeitige Umkehr im Innern für mehr als unwahrscheinlich. – Daß die Stimmung bei uns im Lande wahrlich nicht rosenfarben ist, davone wirst Du dich wohl jetzt auch aus den Zeitungsnachrichten überzeugtf haben. Aber Dug thust Unrecht, wenn Du jetzt schon eine Klärung der Situation bei uns verlangst, nachdem durch die Fehler der Regierung || dem Lande die Möglichkeit genommen ist, sich zur Zeit durch seine Vertreter äußern zu können. – Zu befürchten ist nur, daß die Bombe längst geplatzt u. der Kriegstanz losgegangen ist, bevor unser Landtag zusammenkommt. Und was dann? – Von dem projektirten Congresse erwarte ich, beiläufig, nichts.

– Wir haben hier in den letzten Tagen trotz der ungünstigenh äußeren Verhältnisse, nette Stunden des Familienlebens verlebt, wenn auch Petersen’s und Karl leider ausblieben. Letzterem ist der Inspektor, Gärtner, Stellmacher und 1ster Knecht eingezogen, und nun soll er selbst fort. Was wird dann aus der Wirthschaft? – Und in diesem Maaße ist unsere Militärkraft jetzt vielfach angespannt. Unser Linienmilitär (Dragoner und Leibregiment) ist schon fort, das dieser Tage zusammengezogene Landwehr-Bataillon geht nächster Tage nach Spandau. Es hat fast lauter Offiziere 2ten Aufgebots. – Ich selbst gehöre seit Jahr und Tag zum Landsturm u. bin also vor der Hand vor einer Einziehung sicher. Heinrich muß nach Stettin, sobald dort eine Landwehr-Festungs-Schwadron gebildet wird. – Frau und Kinder sind munter u. grüßen schön. Karl wird Dir nächstens schreiben || und Namens der übrigen für die Vögel und Konchilien danken. – Die Alten bleiben nuni noch 8 Tage. Schade, daß dann das nette Zusammensein wieder zu Ende geht. Am Taufabend war Vater recht munter. Sonst liest er Macaulay’sj Geschichte mit Eifer u. schreibt deshalb auch heut nicht mit. Die Zeitereignisse affiziren ihn nicht in dem Maaße, wie früher, wenn er auch dann und wann schimpft.k

Nun ade, alter Junge. Schade, daß wir nur brieflich plaudern können. Sonst würde noch Manches näher durchzudiskutiren sein.

Dein Karl.l

a korr. aus: zur; b korr. aus: einen; c gestr.: für; d gestr.: Italien, eingef.: Sardinien; e eingef.: davon; f korr. aus: Ueberzeugt; g eingef.: Du; h eingef.: ungünstigen; i mit Einfügungszeichen weiter am Rand v. S. 4: und Namens der...Alten bleiben nun; j weiter am Rand v. S. 3: noch 8 Tage...liest er Macaulay’s; k weiter am Rand v. S. 2: Geschichte mit Eifer...und wann schimpft.; l Weiter am Rand v. S. 1: Nun ade, alter...sein. Dein Karl.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
20-05-1866
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34973
ID
34973