Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Landsberg an der Warthe, 17. Mai 1864

Landsberg

17 Mai 1864.

Lieber Herzens-Bruder!

Wenn wir in den letzten Wochen, in denen Du in dem schönen Süden fern von der Heimath weiltest, gar manchmal Deiner in theilnehmender Liebe gedacht haben, so thun wir’s jetzt doppelt oft, wo Du in die alten Räume der traumartig verschwundenen schönen Zeit und des jüngsten schweren Leides zurückkehrst. Die schwere Aufgabe, nach einem solchen Schlage in das alltägliche, so ganz anders jetzt für Dich gestaltete Leben sich hineinzufinden, beginnt nun recht eigentlich erst für Dich. Gern möchten wir alle Dir nach Kräften helfen sie zu lösen. Doch wie wenig vermöchten wir, vermögen selbst unsre lieben, guten Aeltern dazu beizutragen! – Die Hauptaufgabe, die eigentliche Arbeit , die Dir durch die Theilnahme der Deinen nur erleichtert , || nicht abgenommen werden kann, fällt Dir zu. Sie ist: Dich als ein Mann zu zeigen auch unter dem schweren Druck, der auf Dir ruht, des Schmerzes Herr zu werden, und den Platz, an den Du in diesem Leben gestellt bist, auszufüllen; das eigne Leid zwar nicht zu vergessen, aber sich doch selbst zu überwinden, so daß man seinem Berufe, seiner Wissenschaft mit aller Kraft wieder dient und darin seine Befriedigung sucht. Freilich bedarf es dazu einer großen Selbstentsagung , die zu üben bisher Du nur selten genöthigt wurdest, und gerade sie mußt Du Dir nun zu erringen suchen. Zu dieser schweren, sauren andauernden Arbeit, die den Charakter Dir stählen und Dich erst so recht eigentlich zum festen, thatkräftigen Manne , dem die Stürme des Lebens nichts anhaben, machen wird, schenke Dir der Himmel seine Kraft und seinen Segen. Dies wünscht von Herzen

Dein treuer Bruder

Karl.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
17-05-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34966
ID
34966