Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Landsberg an der Warthe, 9. März 1864, mit Beischrift von Charlotte Haeckel

Landsberg a/W den 9 März 1864.

Lieber Bruder!

Mit inniger Theilnahme haben wir heut Deinen Brief aus Genf gelesen. Du hast schwere u. trübe Tage unterwegs durchmachen müssen, u. der Zufall hat Dir nun grad auch noch Leidensgefährten zugeführt, denen Du Trost zusprechen hättest mögen. Und der arme Claparède! – Ich hatte mir gedacht, Du würdest ihn im besten Wohlsein u. vollem Familienglück antreffen, u. nun er auch so nahe dem Grabe! – Hoffentlich triffst Du in Italien einen günstigeren Himmel u. in Nizza Landsleute, deren Umgang Dir wohlthuend ist, vielleicht auch Objekte zur Arbeit, die Dich fesseln u. eine bestimmte Beschäftigung Dir darbieten, die Dich zwingt, Dich stundenweis zu konzentriren, was Dir unbedingt zuträglich sein wird.

Ich habe heut im Gustav-Adolph-Frauen-Verein einen Vortrag über das Arbeitsfeld des Vereins gehalten. Bei der Vorbereitung las ich auch einen hübschen Aufsatz (Anzeige eines Buches von p. Coelestin Nitzsch über die evangelische Bewegung in Italien); solltest Du Gelegenheit haben, über die dortige Gemeinde in der Diaspora (in Nizza ist auch eine, in Genua, u. Tuzza auch Waldenser-Stationen u. neugegründete evangelisch-italienische || Vereine) selbst Beobachtungen zu machen, so theile sie mir mit. Kannst Du das Buch von Nitzsch dort bekommen, so lies es; es wird Dich interessiren.

Von Aegidi erhielt ich dieser Tage einige Zeilen warmer Theilnahme, als Antwort auf meinen Brief, den ich ihm neulich einer Sendung hiesiger Vereins-Gelder für bedrängte Schleswiger eingelegt hatte. Aegidi hat alle Hände voll zu thun für diese Sache, aber auch wenig Hoffnungen für einen befriedigenden Ausgang.

Meine Mimmi grüßt von Herzen. – Von morgen ab bin ich 8 Tage lang Schwurgerichtsbeisitzer. Heut über 14 Tage denken wir mit Kind u. Kegel nach Frankfurt zu fahren.

Ade! In alter Liebe

Dein Karl.

Es ist recht daß Du Dir von der Photographie am Geländer noch welche machen läßt. Sie ist mir die liebste.a

[Beischrift von Charlotte Haeckel]

Mein lieber Herzens Ernst!

Herzlichen Dank für Deinen lieben so sehnlich erwartteten Brief. Du kannst wohl denken, mein liebes Kind, wie wir mit Herz und Gedanken immer bei Dir sind, und ruhig werde ich erst werden, wenn ich Dich wieder bei mir haben und wir uns durch gegenseitiges Aussprechen erleichtern können und helfen tragen. Wohl hatte ich es mir gedacht, wie schwer Dir die ersten Tage sein würden; nun Gott gebe Dir immer mehr Kraft, daß Du mit männlichem Muth und Ergebenheit in Gottes uns so unbegreiflichen Wegen Dich lernst finden. Wo und wie wir dazu beitragen können, wollen wir es || mit treuer Liebe thun; und wenn Dir es so recht ist, so sprich Dich nur offen gegen uns aus, wir werden ja so gern mit Dir theilen und Dir, wie wir können, Dein Leid tragen helfen.

Bei Graf bin ich gewesen, er will versuchen, ob er die Platte noch hat; die der Visitenkartten meint er bestimmt noch zu haben. Montag soll ich wieder hinkommen; er läßt Dich schön grüßen und seiner herzlichsten Theilnahme versichern. – Ja, lieber Ernst, wenn das uns helfen könnte, daran fehlt es nicht; uns kann ja nur von Oben und nicht von Menschen Beruhigung kommen. ||

Unter Kreuzband ist aus Jena für Dich ein Schriftchen angekommen: Beobachtungen über Bildung des Insecteneies von Dr. C. Claus, Professor in Marburg. –

Schreibe uns recht oft. Gott sei mit Dir! Behalte lieb

Deine

Mutter.

a Nachschrift auf dem linken Rand von S. 1: Es ist recht … die liebste.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
09-03-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34961
ID
34961