Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Anna und Ernst Haeckel, Landsberg an der Warthe, 21. Dezember 1863

Landsberg a/W d. 21/12 63.

Ihr lieben Jenenser!

Morgen soll das leichtbeflügelte Kistchen abgehen das Euch ein Liebeszeichen von uns zum bevorstehenden Feste bringt. Schade, daß die Haeckelei in Berlin, Jena und Landsberg in den nächsten Tagen nicht rasch an einander gerückt werden kann, um dies wahrhafte Familienfest miteinander zu begehen! – So müssen wir uns mit dem Denken an unsre Lieben in der Ferne behelfen. Man wird sich durch die harmlose Freude der Kinder, die schon ganz im Vorjubel begriffen sind, hoffentlich etwas aus der traurigen u. jämmerlichen deutschen Gegenwart herausreißen. Ich weiß keine Zeit seit den 1849/50er Jahren, wo ich so tiefen Schmerz über unsre staatlichen Zustände empfunden hätte. Ich sehe trüb in die Zukunft. Es wird nichts Gescheidtes aus der Schleswig-Holsteiner Sache werden, sondern sie wird noch jämmerlicher als nach dem Jahr 1851/9 auslaufen. Und wie könnte es jetzt stehen, wenn man an maßgebender Stelle darüber anders dächte. Ich wollte gern die Stagnation u. Reaktion unsrer inneren Landesentwicklung noch um einige Jahre dafür verlängert wissen, wenn nur an der einen wunden Stelle das aller nöthigste geschähe, wozu grade nur jetzt die günstige Gelegenheit sich bietet. Aber man ist ja oben mit Blind-||heit geschlagen u. es ist kaum glaublich, was für Gespenster sich der gutmüthige Theil der Conservativen in Gestalt verschiedener Mächte des Auslandes heraufbeschwört, um damit den Kleinmuth u. die Zaghaftigkeit in dieser wahrhaft nationalen Sache zu bemänteln. Ich wollte, die Dänen träten ihnen so unverschämt entgegen, daß sie mit den Haaren in die Aufgabe der 1852er Convention hineingezogen würden. Aber das schlaue kleine Inselvolk wird sich hüten. Es wird ihnen wieder wie damals Brei um den Mund schmieren u. später es ärger den zuvor mit dem armen Dänemark machen. Unsre Conservativen sollten sich doch in dieser Sache ein Beispiel an der Einigkeit aller Parteien in Süddeutschland nehmen. Aber mit diesem spezifischen Preußenthum ist ja kein Hund hinterm Ofen vorzulocken; selbst zahme Blätter wie Onkel Spener gerathen darüber in Harnisch.

Nun laßt Euch das Fest dadurch nicht verbittern. Hofft mit uns auf eine bessere Zukunft für unsere Jugend. Geht es so fort, so werden wir so bald noch nichts davon zu sehen bekommen.

– Mein Geschenk, mit dem ich Euch gleichzeitig für jetzt und zum 16t Februar bedacht habe, erhaltet Ihr über Berlin u. träumt Euch vielleicht bei dessen Lektüre aus der traurigen Gegenwart etwas hinaus.

Ade, in alter Treue

Euer

Karl.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
21-12-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34956
ID
34956