Haeckel, Karl; Sethe, Wilhelmine

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Landsberg an der Warthe/Frankfurt an der Oder, 14. Februar 1863, mit Nachschrift von Wilhelmine Sethe

[Lithographie: Ansicht von Landsberg an der Warthe]

Landsberg a/W. den 14 Februar 1863

Liebster Bruder!

Zu Deinem Geburtstag meinen herzinnigen Gruß und Glückwunsch! Dieser kann ja nach allem, was man von Euch beiden hört, nur darin bestehen, daß Euch das so glücklich begonnene eheliche Leben und Dein Berufsleben in der bisherigen Weise erhalten bleibe und fortgedeihe. Was kann der Mensch mehr wünschen als häusliches Glück, Befriedigung in seinem Berufe und hinlänglich gesicherte äußeren Lebenslage? – Nur ad punctum 1. erlaube ich mir denn doch trotz Deiner abweichenden Ansichten in Eurem beiderseitigen Interesse den Wunsch auszusprechen, daß der jetzt Euch so beglückende „unproduktive“ Zustand nicht der bleibende sein, sondern ihr in den nächsten Jahren – ich will die Frist geräumig setzen – die „Guarra“ noch im Hause haben möget. So begreiflich ich es finde, daß die gegenwärtige behagliche und sorgenfreie Hausruhe Euch noch einige Zeit erhalten bleibe, so hat doch − Ihr könnt’s mir aus Erfahrung glauben – eine mit Kindern gesegnete Ehe, abgesehen von der Natürlichkeit eines solchen Verhältnisses, auf die Du ja doch so viel giebst, und von der großen Freude, die Kinder trotz allen Sorgen den Aeltern machen, den großen Segen, daß die Ältern dadurch sich gewöhnen, mehr für Andre als für sich selbst zu sorgen und damit ein gut Theil von || der menschlichen Erbsünde, dem Egoismus, verlieren. Und das könnte Euch beiden auch nichts schaden! – Doch ich will zu Deinem Festtage nicht ins alte Hofmeistern verfallen. Ich wollte, ich könnte zu Mittag oder Abend einige Stunden in Eurem häuslichen Kreise, der doch sicher mit einer kleinen Gesellschaft gefeiert wird, zubringen. Vielleicht besuche ich an dem Abend den Dr Boerner, um doch mit jemandem von Dir plaudern zu können.

Heute Nachmittag denke ich auf 24 Stunden zu Mutter Minchen herüberzurutschen, die ich in 2½ Stunden erreichen kann. Ich habe so mancherlei mit ihr zu besprechen: was ich für eine Wohnung von nächsten Michaelis ab nehme? (denn darüber muß ich mich jetzt schon entscheiden), wie ich die zu Ostern gemiethete einrichte u.s.w. Es geht Mutter nach ihrem vorgestrigen Briefe gut; O. Scheller dagegen wird wieder recht von der Grippe geplagt u. darf seit 8 Tagen gar nicht arbeiten u. Niemanden sehen. Es heißt ja, Lippe spekulire auf seine Stelle, wovor uns der Herr in Gnaden behüten möge! – Auch aus Freienwalde haben die Nachrichten, die ich, bis zum 4t zuletzt, einen Tag um den Andern erhielt, immer recht gut gelautet. Der kleine Schreihals gedeiht und Mimmi kann ihn in gewohnter Weise selbst nähren. Vorigen Montag war sie zum ersten Male aufgestanden. – Von Berlin erhielt ich vorgestern eine Sendung mit Preuß. Jahrbüchern. Im neuesten Heft (v. Januar) befindet sich der Anfang || von Vaters Aufsatz über Gneisenau. Die Alten sind munter u. leben ihr gewohntes Leben fort. Gott erhalte sie uns noch lange so. Es ist doch zu köstlich, solche Ältern zu haben. Die liebe, gut Alte überschüttete mich vor 8 Tagen förmlich mit kaltem Kalbs- und Hasenbraten, Kuchen, kaltem Fisch u. s. w. Ich mußte mir, damit die Fressalien nicht verdarben, meinen Stubennachbar den Dr. Pauli (Schlesier, im älterlichen Hause u. auch Dir bekannt, Mathematiker u. Zoologe, der an hiesigem Gymnasium sein Probejahr abmacht u. wahrscheinlich noch meine Jungen unter die Finger bekommt) zur Hülfe holen. – Von der Stadt habe ich Dir wohl schon neulich Einiges geschrieben. Das Bild, das dem Briefe voransteht, ist ganz leidlich. Es ist von jenseits der Warthe, wo sich eine ganz hübsche Vorstadt den Fluß entlang zieht, aufgenommen und stellt den Theil der eigentlichen Stadt oberhalb der Brücke dar. Das große Eckgebäude in der Nähe der hohena Schornsteine ist das prachtvolle Gymnasium, das trotz seiner Größe jetzt schon (nach 3jährigem Bestehen der Anstalt) kaum ausreicht, um die über 500 Schüler zu beherbergen. Gleich rechts dahinter das kleine gotische Haus mit Spitzchen ist das Kreisgericht. Hinter diesem, unmittelbar an dem Hügel mit den einzelnen Bäumen (einer Russenschanze aus dem letzten Kriege) liegt das Haus, das wir zu Ostern beziehen. Der Bahnhof liegt davon 10 Minuten entfernt, unterhalb der Brücke (das Empfangsgebäude ist hübscher als die Abbildung). Von dem Hügel hinter der Stadt sind hübsche Aussichten ins Bruch; nur Schatten sucht man im Sommer vergeblich. Da muß man dazu den eine Meile entfernten Wald aufsuchen. Das erinnert mich lebhaft an die Merseburger Gegend. – Mit der Geselligkeit wird sich’s auch machen. Ich finde dafür mehr hier als in Freienwalde und auch Mimmi findet eine Anzahl netter jüngerer Frauen hier. Meine Geschäfte sagen mir bis jetzt zu, u. werden es, behalte ich dasselbe Dezernat, auch auf die Dauer thun. Mit dem junkerhaften Direktor muß man sich zu stellen suchen – jede Berührung möglichst vermeiden und sich sonstb nichts gefallen lassen. Das langweilige dabei ist, seine unsinnigen politischen Rodomontaden mitunter doch anhören zu müssen. ||

Frankfurt a/O den 14 Fbr. 63.

Den Schluß erhältst Du von hier aus. Ich habe eben meine officiellen Visiten bei Simson u. Rath Langerhans gemacht und war außerdem bei Esmarch’s und Scheller’s. Letzterer war doch wieder zu sprechen, ist aber noch ziemlich herunter. Abend rutsche ich wieder nach Landsberg. Vivat die Eisenbahn! – Wißt Ihr übrigens, daß gestern meine Anna 6 Jahr alt geworden ist? Der Putt wächst auch recht heran u. ist in Folge dessen etwas mager geworden. Nun lebt recht wohl. Mutter Mienchen habe ich recht frisch gefunden. Dr Boerner war gestern auf der Bahn u. läßt sich Dir, lieber Ernst, empfehlen. Mit herzlichem Gruße

Euer Karl.

[Beischrift von Wilhelmine Sethe]

Mein lieber Ernst!

Karl erlaubt mir, eine freie Stelle zu benutzen, und will Dir doch gern meinen herzlichen Glückwunsch selbst sagen. Möge der liebe Gott Euch glücklichen Leuten das Glück und die Freudigkeit so ungetrübt erhalten, wie ihr es besitzt, wie ihr es lobt und preiset. Ja lieber Ernst das wünsche ich Dir so recht von ganzer Seele, denn es giebt nichts köstlicheres auf Erden als ein glücklich, innig, häuslich Leben. Und heute ist nun ein so ganz besonderer Geburtstag, der erste in der Ehe!!! Da ihr nun auf der Universität lebtc und noch so halbe Studenten mit seid, denke ich, muß auch das Studentenfutter nicht fehlen. Seid recht vergnügt und seid meiner Theilnahme und Gegenwart in Gedanken gewiß. –

Anna, der lieben Hausfrau meinen besten Gruß. Hoffentlich schreibt sie bald. Ade, liebe Kinder, seid recht vergnügt. Eure treue Mutter.

Ich bin nicht sicher, liebe Anna, ob ich letzt geschrieben, daß Du 3–4 Marquisen bekommen kannst. Wann und wie schicke ich sie am besten, da die Eisenbahn nicht bis hier geht.

Ich habe rechte Freude, daß Karl hier ist und daß es in Freienwalde so gut geht. Sonst weis noch keiner, wo ich geblieben bin, und es ist doch so nett hier, und gemüthlich.d

a eingef.: hohen; b eingef.: sonst; c eingef.: lebt; d Text weiter auf dem linken und oberen Seitenrand: Ich bin nicht sicher … und gemüthlich.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
14-02-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34954
ID
34954