Lieber „Ur“-Grossvater! Dank für die überraschende Kunde vom Erscheinen der Ur-Enkelin; wir haben bis zur Stunde diese frohe Botschaft aus Sachsen, wo die schönen Mädchen auf den Bäumen wachsen, noch nicht erhalten; wär’s ein Bub, hätten die Herrschaften wohl ein Telegramm dran gespendet. Vivant sequentes, dann wird auch ein Bua hoffentlich darunter erscheinen! Wie kommst Du Dir denn vor in dieser neuesten Familien-Würde? In diesen heillosen Zeiten wohl ziemlich: menschlich, allzumenschlich! Hoffentlich übersteht die junge Mutter das Wochenbett glatt und befindet sich mit ihrem Sprössling in normaler Verfassung. – Unser alter lieber Philosoph, Nachbar u. Pessimist vom Herbst 1911 im Starnberger Hof in Baden-Baden ist am 2. November in sein heiss ersehntes Nirwana eingezogen; Frau Groener teilte mir kurz die Nachricht vom Ableben des „Onkel Wagner“ mit, die ich aber schon in den Münchner Neuesten Nachrichten gelesen hatte. Näheres wusste sie auch nicht, da ihr zur Zeit in Brixen kein Auslandspass wegen der Italienoffensive u. Truppentransporte ausgestellt wird. So gehts dahin im Sauseschritt! ||
Durch Fräulein Hantzsch sind unsre Mädel Tanten, ist der kleine Mannele Onkel geworden! Ein gottvolles Verhältnis für den letzteren! Onkel Horst! – Die ersten 10 Tage meines Hierseins habe ich mit unentwegten Ablaufen von Kohlenhandlungen und den entsprechenden amtlichen Stellen hingebracht, erfreulicherweise mit Erfolg. Nun soll der Hilfsdienst noch mal sondiert werden. Die italienische Offensive ist doch fabelhaft; die Politik grausig! – Sind die Bäume schon geschlagen u. wie reagiert man auf die „Kristall-Seelen“? Hr. dafür heute dankerfüllt erhalten.b
Allerseits herzlichste Grüsse! Dein W.c
[Adresse:]
Herrn
Professor Dr. Ernst Haeckel
Jena
7 Berggasse 7
a an den Rand geschrieben: M. 8. Nv. 17; b Worte („dankerfüllt erhalten”) vertikal am rechten Rand vermerkt; c Schlußformel kopfüber notiert