München, 29. Juni 1913
205 Nymphenburgerstrasse
Lieber Vater,
durch Freund Haack höre ich, dass die neue Jenaer Kunstgesellschaft Dich von einem allerneuesten Künstler 1. Ranges für eine zu stiftende Galerie malen lassen will. Von den in Vorschlag gebrachten originellen ausgesprochen persönlichen Künstlern: Hodler, Corinth, Munkh, Trübner, Liebermann, Kalckreuth – jedenfalls ausgesprochene Typen unsrer Übergangszeit –: empfehle ich Dir Kalckreuth aufs wärmste. Er ist nicht mehr der wilde Naturalist wie vor 30 Jahren; im Gegensatz dazu hat er sich im letzten Jahrzehnt zu einem der ersten und besten Porträtmaler ausgebildet, malt technisch ganz dünn und zeichnet bei ausgezeichneter Charakteristik brilliant. In Hamburg, in dessen Nähe er seine Villa hat, ist er in den reichen Patrizierkreisen der beliebteste Porträtist und das will bei diesen konservativen Herrschaften viel heissen. Jedenfalls wäre es eine äusserst günstige Gelegenheit, in Deinem 80. Jahre gerade gemalt zu werden und zwar von einem unsrer besten Künstler, dem Deine bisherigen Porträtisten, Lenbach vielleicht ausgenommen, nicht das Wasser reichen können. Schade ists ja schon, dass Du Olde und Stuck seiner Zeit abgelehnt hast, derena b Bilder wären doch immer interessante physiognomische Dokumente geblieben; also Glück auf! ||
Wie gehts, wie stehts bei Euch, in besonderem mit Mutters Gesundheit? – In den letzten Wochen habe ich, teils auch mit Professor Buttersack nach einem passenden Studiennest abermals Wanderungen unternommen, leider aber das, was wir suchten: schöne Baumgruppen mit ruhig fliessendem Wasser in offener weiter, leicht bewegter Landschaft – noch nicht gefunden. Es wird von Jahr zu Jahr schwerer, da überall Sommerfrischen aufgemacht werden und die Bauern mit einer wahren Virtuosität gerade die schönsten Wälder und einzeln stehenden Baumgruppen kurz und klein schlagen. Nun wollen wir unser Glück noch einmal im Laber-Naabtal und im bayrischen Wald versuchen, denn ehe ich meine zwei grösseren Kisten mit Malutensilien in Bewegung setzen lasse, muss ich des Studienwertes sicher sein.
Josefa und die Kinder siedeln am 12. Juli nach Oberleutasch bei Seelfeld i/Tirol über, wo herrlicher Stangenfichtenwald, aber absolut keine ausgesprochen malerischen Motive sind. Wird der Sommer so heiss und trocken, wie der von 1911 – was prophezeit wird – dann ist Oberleutasch die passendste Unterkunft.
Wie gehts Emma und Meyers??
Für heute viele herzliche Grüsse von Haus zu Haus!
Immer Dein getreuer Sohn
Walther
a korr. aus: xxx; b gestr.: xxx