29. Juli 1913 Oberleutasch bei Seefeld i/Tirol.
Haus 85
Lieber Vater,
Dank für Deine Zeilen, nach denen ich mich in den ersten Septembertagen bei Euch einfinden werde, um gleich nach einigen Photos von Dir zu suchen, die für mein Buch noch in Betracht kommen, da einige andere wegfielen. Das Buch erscheint gleich nach Weihnachten, da der Verleger sich um die Zeit, nach dem überhäuften Weihnachtsbüchermarkt, mehr von seiner Einzelwirkung verspricht. Dr. de Gruyter macht mir bis jetzt einen äusserst günstigen Eindrucka als Mensch und Geschäftsmann; sehr gewandt als Verleger und dabei künstlerisch mit Geschmack ausgestattet; sehr viel wert.
Nach den ersten kalten, nassen 14 Tagen „Sommerregenfrische“ habe ich glücklich meinen alten Katarrh, Rachen-Luftröhrenb-Kehlkopf-Bronchien, in so ausgiebiger Weise erwischt und Klein-Helga angesteckt, dass ich vielleicht noch nach Reichenhall gehe, wenn ich nicht den grössern Teil August in München verbringe; seit Ende October v. J. vorigen Jahres [!] leide ich nun ununterbrochen an derartigen Rückfällen, die einem mit der Zeit ganz kribbelig und unleidlich machen; vor allem getraue ich mich überhaupt nicht bei dem kühlen Wetter im Freien zu malen, da ich durch Gehen und Last des Malgepäcks erhitzt, beim Sitzen oder Stehen vor der Arbeit sofort die Erkältungserscheinungen weg habe. Unser vortrefflicher Hausarzt Dr. Hoeber möchte mich am liebsten den Winter über ins Engadin, St. Moritz, Sils Maria schicken, da dort immer noch die gleichmässigsten Temperaturen sind, gegenüber Italien, das in den letzten Jahren ganz unberechenbar in klimatischer Beziehung geworden ist. || Wer weiss, wie lange der alte Kadaver überhaupt noch lebensfähig ist?! –
Seit einigen Tagen haben wir endlich wieder Sonne, aber zugleich Vor- und Nachmittags Gewitter und Schwüle. Über uns an der Gehrenspitze, Wettersteinausläufer, wurden gestern 5 Personen vom Blitz erschlagen. Die Waldidylle ist hier sonst sehr schön (1124 mtr.), Luft herrlich, Bauernhäus’l sauber und still, Frau und Kinder demzufolge trotz der Feuchtigkeit in beschaulicher Stimmung. Der kleine hamburger Vetter, der Anfang August wieder verduftet, fühlt sich ausgelassen wohl.
Über Breitenbachs Broschüre „Gründung u. erste Entwicklung des Monistenbundes“ wird sich ja Dr. Aigner sehr freuen; ob die Veröffentlichung gerade jetzt amc Platze war, ist wohl eher zu verneinen. Man sieht, wie schwer es ist, wenn die Persönlichkeit fehlt, die Masse unter einen Hut zu bringen.
Wie geht’s Euch? Hoffentlich wird die Hochflut der Monistenpilger nach Jena Villa Medusa nicht zu arg mitnehmen. Meyers werden wohl auch im wald- und bergumkränzten Ammerwald bei dem Wetter etwas unbehaglich sich gefühlt haben, denn da oben braucht man ganz besonders Sonne. Für heute herzlichste Grüsse von Haus zu Haus! Nun kommt der Geburtstagsmonat: 4. August: Lotte M. – 5. August: Josefa. –7. August: Madame Scholz. – 12. August: Helga H. – !!!! –
Dein Walther
a korr. aus: Xxx; b eingef.: Luftröhren; c korr. aus: oder