Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 27./28. Februar 1860

Berlin 27. 2. 60.

Meine Ungeduld, die heute, wie in der Regel noch nicht befriedigt ist, etwas zu zügeln, benutze ich schon heute einen ruhigen Moment, mein lieb Herz, Dir zu schreiben, hoffe aber morgen vor Absendung dieses Briefes noch einen von Dir zu erhalten. Ich bin sehr begierig auf die Antwort des letzten Briefes, der die definitive Bestimmung Deines Alten, Paris aufzugeben, enthielt, wofür Du nur 4 Wochen bestimmt zu haben scheinst; denn am 3 Mai sollte ich Dich wieder haben und Ende März hofftest Du Deinen Forschungen ein Halt zu setzen; billigst Du nun den Plan des Alten, was ich nicht recht kann, vielleicht aus Unverstand? ich hätte Dir von Herzen Paris als Krone der schönen Reise gegönnt – so feierte das Herz doch ein doppeltes Ostern!!! ich weiß keinen Ausdruck für meine Freude und rücke sie mit Absicht in den Hintergrund, damit ich nachher in der Enttäuschung nicht betrübt bin. Unsere Harmonie wird sich auch in diesem Punkte zeigen und Dich die Ungeduld gewiß auch oft faßen – wie herrlich aber ihre Auflösung, mein lieber Schatz, drum frisch und fröhlich! Mein Brief wird diesmal einen etwas wißenschaftlichen Charakter annehmen, an dem meine Unterhaltung mit dem Präsidenten Strampf am Sonnabend Abend schuld ist, wo ich bei Jacobis zum ersten Mal wieder unter fremden Menschen war, die mir anfangs sehr unbehaglich waren, allein die verschiedenartigste Unterhaltung, fast immer über Italien, intereßirte mich sehr und befriedigt kam ich nach Haus zurück. Er fragte mich nämlich, ob Du in Messina keine Leuchtthierchen entdeckt habest, wofür mir die Jahreszeit gar nicht paßend zu || sein scheint. Er ist nämlich sehr begierig, zu erfahren, ob Müller oder Ehrenberg in diesem Punkte Recht hat, da er sich trotz der Freundschaft zu Letzterem mehr zu der Ansicht Müllers bekennt. Um mich und Dich gehörig darüber zu informieren, schickte er mir heute Morgen den Auszug aus dem Monatsbericht der Akademie der Wißenschaften, den Vortrag Ehrenbergs über das Leuchten und über neue mikroskopische Leuchtthiere des Mittelmeeres vom 8 Dezember 1859 enthaltend. Hierin gibt er erst eine kurze Übersicht der bisherigen Entdeckungen und beobachteten Erscheinungen von Homer’s bis auf die jetzigen Zeiten, und sagt, daß sich schon aus seinen 1834 gemachten Ermittelungen 505 Arten licht entwickelnder, lebender Thierformen und 27 Arten leuchtender, lebender Pflanzenformen ergaben und daß die Behauptung noch heute sich bestätige, daß das Leuchten des Meeres, nicht vereinzelte Lichtfunken, sondern das Aufblitzen und wiederholte blendende Licht großer Flächen betreffend, ein Produkt fast oder ganz unsichtbar kleiner Organismen sind und diese Lichtentwickelung mit elektrischen Entladungen verbunden ist. Er kommt nun auf die letzte Entdeckung Johannes Müller’s, die er in der Naturforschenden Gesellschaft 1854 mitgetheilt hat, nämlich daß das Haupt-Leuchtthierchen bei Messina die freie und encystirte Noctiluca miliaris sei. Ehrenberg dagegen behauptet nach Untersuchungen, die er in der Augustnacht 1858 nach einer Kahnfahrt bei Mondschein am Golf von Neapel sofort angestellt hat, daß die ganze große Erscheinung des wunderbar schön leuchtenden Meeres augenscheinlich durch unberechenbar zahlreiche mikroskopische Thierchen der Gattung Peridinium gebildet wurde. Ich fahre mit seinen Worten fort: „Zwar gab es außer diesen durcheinander rollenden Peridinien noch feinere unbewegliche Körnchen || und hier und da eine Navicula, allein die Peridinien waren offenbar überall da am maßenhaftesten, wo die Lichtentwickelung im Waßer am stärksten war. Von maßenhaften der Lichterscheinung adequaten schleimigen Stoffen war nichts zu sehen. Offenbar waren diese Peridinien auch jene Leucht-Infusorien des Meeres, von denen Delle Chiaje 1828 von Neapel berichtet hat, die er aber nicht speciell systematisch claßificirt und nicht benannt hat. Ich fand sie dem Glenodinium tabulatum höchst ähnlich, von welchem ich 1838 Abbildungen gegeben habe; zumal ich selbst, wie damals bemerkt, in Zweifel geblieben bin, ob der rothe innere Fleck des Glenodinium ein constantes Auge ist. Ich habe gleich gestaltete, gleich große, gleich getäfelte Körperchen zu verschiedenen Zeiten stets im Süßwaßer mit jenen ohne den Augenpunkt gesehen. Kein einziges der zahllosen Exemplare, welche mir in Neapel unter dem Mikroskop vor Augen kamen, hatte einen Augenpunkt. Er sieht die Neapolitanische Meeres-Form dieser als eine neue Art an und nennt sie Peridinium Splendor maris, und fährt weiter fort: „Ich darf nicht unbemerkt laßen, daß vielleicht die von Johannes Müller 1854 und 1855 für encystirte Noctiluken gehaltenen und erklärten Leuchtthierchen bei Messina jedoch auch nur diese Peridinien gewesen sein könnten, indem die kleinen gräulichen, braunen oder gelblichen Thierkörper sich in ihren crystallenen Schaalen frei bewegen und beim Druck durch Platzen der Schaalen aus diesen unbeschädigt frei hervortreten können, wie in Cysten eingeschloßene Thiere; die crystallhellen getäfelten Schaalen sind überaus durchsichtig, scheinen zwar, da sie brüchig und durch Säure nicht zerstörbar sind, aus Kieselerde zu bestehen, könnten aber doch als häutige Hüllen betrachtet und unrichtig beurtheilt worden sein. – Auf Ischia hat Ehrenberg leuchtende Anneliden || beobachtet, ist aber zu keiner Abzeichnung und genaueren Bestimmung der species gekommen. Im Hafen von Triest überzeugt er sich, daß stets in dem Waßer, worin Lichtfunken vorkamen, auch das Peridinium Tripos, deßen Leuchten Dr. Michaelis in Kiel entdeckt hat, genau in derselben Ehrenberg durch zahllose Formen bekannten Größe und Gestalt vorkam, wie er es 1838 in dem Infusorien-Werk charakterisirt hat. Ich denke, Du wirst aus meinem Geschreibsel klug, und solltest Du das Meer noch leuchten sehen, den Wißensdurst des Präsidenten Strampff und vieler anderer Naturfreunde dahin befriedigen, ob das Meeresleuchten nach Mueller den Noctiluken oder nach Ehrenberg den Peridinien zuzuschreiben sei. Nach Deinem letzten Brief, hast Du durch Schnupfen und Zahnschmerzen einige unangenehme Tage zugebracht; ich freue mich, daß sie vorüber sind und hoffe, daß Du ferner gesund und munter bleibst und ebenso heimkehrst; Deine Aenni ist seit Freitag von Quincke auch freigegeben worden, nur muß ich noch Diät halten, a nicht zu spät schlafen gehen, was Deinem munteren Thierchen vor 11 Uhr recht schwer wird und noch einige Zeit all um den andern Tag baden. Jetzt, wo ich wieder ganz gesund bin, hat er mir gestanden, daß er sehr den Typhus gefürchtet habe und darum mich so streng gehalten. Du bist gewiß mit mir ganz einverstanden, daß daraus nichts geworden ist. Deinen Alten geht es gut, ich habe sie wegen eines Gerstenkorns mehrere Tage nicht gesehen. Karl war vom Donnerstag Abend bis heute Morgen hier. Deine Eltern haben mit Adolph Schubert wieder eine schwere Zeit durchgemacht, da er sich endlich gegen Ottilie Lampert erklärt hatte und ehe er eine bestimmte Antwort erhielt, wieder in einen sehr bedenklichen aufgeregten Zustand gerathen ist. Jetzt sind sie glücklich verlobt, doch || für die Welt noch nicht; morgen (ich schreibe schon heute am Dienstag) reisen sie beide nach Hirschberg zur silbernen Hochzeit von Ottiliens Eltern, an welchem Tage die Verlobung veröffentlicht werden soll, und kommen nach ein paar Tagen zurück. Für ihn kann ich mich nur freuen, da er durch dieses Verhältniß dem Leben, dem er entfremdet war, wiedergegeben wird; allein ob ich sie glücklich preise, ist eine andere Frage. Einen Vergleich mit unserem Verhältniße, hält das ihrige freilich gar nicht aus, doch hoffe ich, sie werden glücklich. Während bei uns kleine Dienstleistungen, Opfer etc. aus dem innersten Trieb, aus heiliger geschehen werden, [!] werden diese bei ihnen zur Pflicht werden; so warm und innig, ja poetisch kann das Verhältniß also nicht sein. Ebenb erhalte ich nach langer Zeit einen sehr ausführlichen Brief von meiner lieben Anna Triest aus Meran, über den ich mich sehr gefreut habe und Du Dir schon eine kleine Pause gefallen laßen mußt. Als er mir hereingebracht wurde, glaubte ich, er sei von Dir und war wie der Wind vom Stuhl auf, kehrte aber merkwürdig ruhig wieder darauf zurück, als ich den Brief freilich auch aus dem Süden in Händen hatte. Anna ist seit September wieder in Meran und bleibt auch bis Ende Mai dort. Der Aufenthalt in der schönen, milden Gebirgsluft hat ihr vortrefflich gethan, so daß ihr Arzt dort, den sie als gescheiten, liebenswürdigen Mann sehr achtet, ihre Lunge für ganz gesund erklärt hat und sie sehrc über ihre Zukunft beruhigt hat, der sie denn voller Glückseligkeit entgegensieht und ich mit ihr. Ihr Bräutigam Baumeister Funk in Breslau, hat dort schon eine sehr niedliche Wohnung mit einem Gärtchen gemiethet. Anna wünscht Dich dringend als Profeßor nach Breslau, obgleich sie Dir den Zug nach Thüringen nicht verargen kann. Kurz nach ihrer Rückkehr, Ende Juni oder Anfang Juli || wird sie heirathen. Die Glückliche, so nahe dem Ziel, das sie sich freilich durch 7 schwere Brautjahre erkämpft hat. Sie grüßt Dich herzlich und kann sich lebhaft in unseren Frühlingstaumel hineinversetzen. Nun sollst Du von mir hören, wie ich in den letzten acht Tagen gelebt habe.

Dienstag 21, nachdem ich Deinen Brief expedirt und geübt hatte, ging ich zu Tante Bertha herüber, während Mutter und Sophie in einer musikalischen Gesellschaft beim Dr. Leo [?] waren. Ich las Tante Bertha Deinen letzten Brief vor und plauderte Allesmögliche mit ihr durch; Fastnacht zu Ehren traktirte sie mich auf Pfannkuchen. Sie las mir sehr hübsche Briefe von Tante Auguste vor, die ich seit meinem Aufenthalt in Bonn noch viel lieber gewonnen habe.

Mittwoch 22 machten Sophie und ich nach dem gewöhnlichen Tageslauf, der für mich mit Lesen beginnt, dann Frühstück, Üben, Anziehen, einen Spaziergang; wir begleiteten ihren Bruder Louis bis zur Universität, schlenderten dann die Linden herunter, wobei ich bei Lola [?] zwei wunderschöne Kupferstiche von Newton und Shakespeare sah, Beide im Alter von 12 Jahren. Geist und Verstand leuchtet aus den jugendlichen Gesichtern und die wundervollen großen dunkeln Augen des ersteren feßelten mich mächtig. Durch den Thiergarten kehrten wir nach Haus zurück, wo wir von 2 – 4 Jede unsere Klavierstunde hatten. Gegen Abend, während Mutter aus war, besuchte uns Tante Julchen, die uns empörender Weise bei der Lektüre des Faust fand, zu dem Sophie leider an demselben Abend kein Billet mehr bekommen hatte. Mutter brachte Frau von Ammon mit, die nebst ihrem Sohn bei uns Thee trank. Die angenehme Frau besitzt außer ihren liebenswürdigen Eigenschaften auch sehr großes Intereße für Natur und Naturwißenschaften und hat daher mit mir manchen Anknüpfungspunkt, der selten bei unserem gegenseitigen Sehen unberührt bleibt. ||

Donnerstag 23 ging ich nach langer Zeit zum ersten Mal in die Schneiderstunde, wo ich von Ohrtmanns mit großem Jubel empfangen wurde, und die mir auch sehr gut bekommen ist. Müde mußte sie mich oder die Frühlingsluft aber doch gemacht haben, denn nach dem Eßen schlief ich auf meinem Sopha ein und träumte von Dir so lieb, daß ich sehr vergnügt aufwachte. Merkwürdiger Weise lief ich in einem schönen Garten umher, Du hinter mir her, ohne mich greifen zu können; dabei hattest Du mir aber sehr viel erzählt. Abends fanden sich zum Thee Frau Thym [?] geborene Karbe und Jacobis ein.

Freitag 24 machten Sophie und ich allerlei Besorgungen in der Stadt; dann ließ ich sie allein zu Haus gehen und ich ging zu den Alten, mit denen ich zusammen aß. Deine Mutter erzählte mir Ottiliens Verlobung, und ich sprach mit mit [!] dieser darüber aus, doch durfte Schubert nicht wißen, daß ich davon wußte und in Folge deßen fielen sehr drollige Geschichten vor. Zu meiner Freude sah ich auch Schwager Karl, der Abends vorher angekommen war und mit dem Eßen nachexerciren mußte, weil er einer langen Kammerdebatte über die Grundsteuer beigewohnt hatte, die heute zur Abstimmung kommt. Nach den vorhergehenden Verhandlungen zu schließen, wird das Gesetz gewiß von der Kammer angenommen, um wahrscheinlich wie das Ehegesetz vom Herrenhaus verworfen zu werden. Nach dem Kaffee gingen Karl und ich zuerst zu Jacobis, dann brachte er mich zu Mutter, die Abends bei Tante Gertrud Thee trank, während Sophie und ich mit Tante Bertha die Elektra von Sophokles lasen, deren wunderschöne Sprache und plastische Zeichnung der Charaktere, so unweiblich nach unseren Begriffen und Anschauungen auch die Elektra geschildert wird, mir tiefen, bleibenden Eindruck gemacht hat; das verhängnißvolle Schicksal der Pelopiden ist wahrhaft grausig. ||

Sonnabend 25 holten Sophie und ich schon um 11 Uhr Frau von Ammon ab und besuchten gemeinschaftlich die Museen, und hielten uns am längsten in den Statuensäälen des alten auf, wo ich alle Deine und meine Lieblinge nach langer Zeit wiedersah. Der schöne Appolo im Kuppelsaal sah mich ordentlich vorwurfsvoll an; doch soll nicht wieder so lange Zeit vergehen, bis ich mich wieder an der göttlichen Gestalt erfreue. Die reizende schöne Polyhymnia, in den Schleier gehüllt, das feine zarte Gesicht des Meleager, die schöne, kühne Diana, der vortreffliche, Handlung und Leben athmende Bogenschütze, der geneigte Kopf des Antinous, des Meisters der Schönheit, belebten sich alle vor meinen Blicken; ich gedachte der glücklichen, naturwüchsigen Zeiten, wo diese schönen Gestalten, unsere jetzigen Kunstideale, Fleisch und Blut waren, und träumte mich in eine goldene Zukunft hinein, der vielleicht noch eine ähnliche Stufe der Entwickelung blüht. Wie immer faßte mich auch heute der gewaltige Kontrast zwischen dem griechischen und römischen Saal, hier alle Köpfe Materialismus, wenn auch bedeutenden Verstand ausprägend, wie der Cäsar, Hadrian, Augustus etc; während die griechischen zarte Gefühle, moralisch – humanistische Principien, wenn auch unbewußt, und feiner Geist characterisiren; ich möchte sie Poesie im Gegensatz zu den Römern – der Prosa nennen. Die Statue von Napoleon von Chaudet, sowie die reizende Hebe von Canova gefielen auch meinen Begleiterinnen sehr. Durch das neue Museum gingen wir nur flüchtig durch; länger hielt ich mich bei den schönen Fresken im griechischen Saal, Athen, Agora, Syrakus etc. vorstellend [auf], welches letztere ich mit besonderem Intereße betrachtete und nach Deinem ausführlichen Reisebericht mich vortrefflich in der schönen Stadt orientiren konnte, deren antiker Theil natürlich auch dargestellt ist. || Den ganzen übrigen Tag sah ich noch die schönen Statuen vor mir, schrieb Abends noch einen Brief an Tante Auguste, die gestern einen wehmüthigen Tag, den Sterbetag von Onkel Bleek erlebt hat. Abends war ich, wie schon erwähnt bei Helene in Gesellschaft, wo auch Herr Kolbe, Direktor der königlichen Porzellanmanufactur, schon in Frankfurt a/O mit uns bekannt, mich lange über Italien unterhielt, das er gründlich bereits’t hat. Mit kummervollem Gesicht erzählte er mir, daß er als Knabe große Paßion zu den Naturwißenschaften gehabt habe, von seinen Eltern aber zur Juristerei bestimmt sei, der er nun als Direktor der Porzellanfabrik wieder ungetreu geworden ist. Das neue junge Ehepaar: Legationsrath Eichmann mit seiner Frau, sah ich hier auch zum ersten Mal; sie mußte mir als Stettinerin viel von meiner früheren Heimath erzählen; sie ist jetzt noch harmlos und unbefangen, was sie wohl in den diplomatischen Kreisen, namentlich durch den intimen Verkehrt mit ihrem Mann, dem Diplomaten in des Wortes verwegenster Bedeutung bald verlernen wird. Das erste Glas Wein nach langer Zeit leerte ich auf Dein Wohl.

Sonntag 26 schrieb ich meinen Brief an Tante Auguste fertig und war den übrigen Tag ziemlich faul, weil ein Gerstenkorn am rechten Auge in voller Blüthe war. Sophie ging mit Mutter und Tante Gertrud spazieren beim köstlichsten Sonnenschein, der mir das Aushalten im Zimmer sehr erschwerte. Ich hatte unterdeß Besuch von Schwager Karl, dem ich die beiden letzten Briefe vorlas, auch Dein reizendes Frühlingsgedicht, das ich am 16 erhielt – das war reicher Ersatz für das Wandern zwischen kahlen Bäumen, schmutzigen Straßen und mir gleichgültigen Menschen. Auf einen Stoß war ich auch drüben bei Tante Bertha, wo ich mit Quincke zusammentraf, [der]d mich wie immer neckte und als er mein Gerstenkorn sah, in höchst mitleidigem Tone sagte: „Die schönen Augen!“ und sehen Sie nicht wieder hin, wo Sie nicht hinsehen sollen; da hatte er ohne zu wißen recht, denn die kleine Schrift Deiner Briefe war mir gewiß nicht sehr zuträglich, ist mir aber gut bekommen, denn heute ist es schon ganz verschwunden. Gegen Abend spielte ich mit Sophie noch etwas Quatre-main, nachdem ich gründlich in der Italia geschwelgt hatte und aß abends recht guten Kalbsbraten bei Untzers mit Mutter, Heinrich, Sophie, Louis, Schwager Karl, Präsident Bodelschwing und Frau und Tante Gertrud zusammen; weiter ließe sich nichts von dieser Gesellschaft erzählen, dafür sagte ich mir im Bett das letzte Gedicht her und schlief zufrieden ein, und verschlief mich so, daß ich gegen alle Gewohnheit erst um 7 Uhr aufstand.

Montag 27 arbeiteten Sophie und ich fleißig um die Wette, erstere sehr erkältet und etwas verstimmt, woraus sie Nachmittags durch Briefe von Haus gerißen wurde, die ihr Bruder Louis ihr brachte. Ich übte nach dem Kaffeee f und während Sophie das Gleiche that, fing ich diesen Brief an, an dem mich eben der Alte unterbrochen hat, mir Grüße auftrug, denen Mutter und Sophie sich anschließen und mir zwei dänische Zeitungen: Hospitals-Tidende: Optegnelser af practisk Laegekunst fra Ind- og Udlandet und eine Broschüre betitelt: Contributions to a Monography of the Genus Fiona, Hanc. by Rud. Bergh (with 2 plates) brachte, die der Verfaßer Dir unter Kreuzband zugeschickt hat. Wiederum ist die Zeit vorbei, wo ich einen Brief von Dir erwarten konnte; ich muß diesen also abschicken, ohne einen von Dir in Händen zu haben, und hoffe nun auf morgen; hat der vapore freilich solchen Sturm gehabt, wie er heute gegen mein Fenster heult, so darf ich mich über Verspätung nicht wundern. Heute habe ich auch dem Profeßor Peters Deine Adreße aufschreiben müßen, von dem Du also einen Brief erhalten wirst.

Innigsten Kuß von Deiner treuen Aenni. ||

[Adresse um 90 Grad nach links gedreht]

Al Signore Dottore Ernesto Haeckel.

p. adr. Signore Mueller

Victoria Hotel

Messina (Sicile).

via Marseille

a gestr.: und; b korr. aus: Eeben; c korr. aus: sehr sie; d Siegelausriss; Text sinngemäß ergänzt; d eingef.: nach dem Kaffee; f gestr.: erst

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
28-02-1860
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Messina
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34491
ID
34491