Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 11. Januar 1860

Berlin den 11. 1. 60.

Da ist der Tag wieder gekommen, mein lieber, lieber Erni, wo das blaue Papier zur Hand genommen wird und die Feder Dir Allerlei vorerzählen darf. Nach langer Zeit ist dies Mal der Brief richtig am Sonnabend einpaßirt und hata mir durch die unwandelbare, treue Liebe, die frohen Zukunftsbilder, die jetzt auch in Deiner Seele feste Wurzel geschlagen zu haben scheinen, große Freude gemacht. Denke Dir ich erwachte von einem Klingeln, das mir der Postbote zu bedeuten schien und voller Ungeduld ruhten meine Blicke auf der Thür, die sich richtig aufthat und Deine Alte brachte mir den Brief. Glaube nicht, daß ich für gewöhnlich bis 9 Uhr im Bett liege, das hatte seine bestimmten Gründe. Schon mehrere Tage war mir nicht recht wohl und Freitag so häßlich zu Muthe, daß Quincke mir noch spät Abends ein Brechmittel [verabreichte], das denn auch bis 1 Uhr gründlich wirkte. Seitdem ist mir beßer, obgleich ich noch gar keinen Appetit habe, für den ich aber nicht bange bin, denn guten Magen hat die Familie Sethe immer beseßen; sei also unbesorgt und ängstige Dich weiter nicht; ich würde es Dir gar nicht geschrieben haben, wenn nicht Aufrichtigkeit mich dazu trieb. In Folge des herzigen Briefes wurde denn noch ½ Stündchen im Bette weiter gedämmert und alle möglichen Luftschlößer gebaut, was ich gar zu gern thue. Was habe ich aber an Deinem Sylvestertraum Nachts, wenn ich wach liege, für eine prächtige Unterhaltung. Du glaubst nicht, wie oft ich mir das hersage und bei jedesmaliger Wiederholung neue tiefe Gefühle und liebenswürdige Gedanken meines Herzensschatzes aus den Versen herausfühle. Wie hübsch ist Dein wißenschaftlicher Beruf in Dein Lebensverhältniß hineingeflochten, mit dem es ja innig verwachsen muß, obgleich Du es vor einem Jahr noch nicht für möglich hielt’st eine Vereinbarung dieser entgegengesetzten Pole. Wie lieblich || mir der Profeßor nach Jena in den Ohren klingt, brauche ich wohl nicht zu versichern und wäre mit ganzem Herzen mit diesem von uns Beiden gleich ersehnten Neujahrsgeschenke zufrieden. Der Gedanke hieran jagt meinen Fingern Angst ein, die noch Viel, viel [!] bis zur Hochzeit schaffen müßen und möchten. Zu Haus in meinem Stübchen denke ich wieder ordentlich zum Nähen zu kommen und tüchtig für uns Beide zu schaffen. In welch lieblicher Weise läßt Du die Thiere aller Klaßen und Deine Lieblingsblumen an unserem schönen Feste Theil nehmen, deßen ohnehin poetischen Reiz sie bedeutend erhöhen. Ja gewiß sollen Bäume, Blumen und Thiere lachen und sich mit uns freuen, wenn Du mit Deinem Frauchen am Arm in der lieben Natur umherspringst; wer mit glücklichen Augen einen Gegenstand ansieht, den sieht dieser auch wieder fröhlich und glücklich an. Bei Portäts ist mir dies schon sehr oft aufgefallen, drum sehe ich Dein Bildchen immer mit munteren Augen an, so sieht es mich auch wieder an, wie ich gern möchte. Wohl haben wir alle Ursache dem verfloßenen Jahre dankbar zu sein, denn ganz richtig bemerkt, trotz der vielen Entbehrungen und Mängel, hat es Seele und Geist großen Nutzen gebracht; ich hoffe, Du wirst mit Deiner Aenni zufrieden sein, wenn sie auch nicht solchen Umschwung erhalten hat, wie Du in dem bildenden Süden; die Liebe ist in mir mächtig gewachsen und damit das Streben, stets nur Gutes, Wahres und Schönes zu vollbringen, treu und gewißenhaft in meinen Pflichten und Dienstleistungen zu sein, wie es einer deutschen Hausfrau ziemt, daß ich mich weder vor Dir noch der übrigen Welt neben Dir verstecken brauche. Ach Liebchen, Du sollst ganz glücklich werden, wie ich es gewiß von mir hoffe. Wie dankbar bin ich aber erst im Hinblick auf das verfloßene Jahr, daß Du in jeder Beziehung so viel Glück || gehabt hast und den reichen Nutzen der schönen Reise an und in Dir selbst erfährst; Glückspilz bist Du nun einmal, denn wie Schönes kannst Du jetzt in Messina leisten; erstaunt bin ich ordentlich über die 25 neue[n] Arten Thiere, die Du in den zwei Monaten entdeckt hast; da kann ich mir Dein naturforschendes Entzücken und Jubel denken, wenn Dein Auge in das Mikroskop fällt und neue Formen, neue Lebensverhältniße und verschiedene Organisation Dir erscheinen. Den schönsten Lohn für Mühe und Arbeit trägst Du, wie jeder Mensch, an Dir selbst durch das Gefühl der Befriedigung, der momentanen Beschwichtigung des ehrgeizigen, immer vorwärts strebenden Geistes, der immer noch nicht genug weiß und den letzten Grund aller Dinge erforschen möchte. Tausend Dank für Deine rastlose Thätigkeit, die ja für mich, unnützes Ding mitgeschieht, denn auf ihr baue ich allerlei Zukunftspläne auf und stolzer denn je nenne ich Dich den Meinen, da ich Dichb als thätigen, schaffenden Mann, als scharfen, richtigen Beobachter und wesentlichen Mitarbeiter und Beförderer der Wißenschaften, der Aufklärung und der immer natürlicheren und naturwüchsigen Bildung des Menschengeschlechtes weiß. Ein schönes Gefühl für den Mann, sich nützlich und brauchbar an der großen Maschine zu wißen, wie es der Frau im engen Kreise vergönnt ist. Also auch Selbstbewußtsein, das Gefühl Deiner Brauchbarkeit und Fähigkeit, Etwas zu leisten, woran Dir es vorher so mangelte, bringst Du aus dem Süden mit heim und bewahrst Dir für alle späteren Zeiten. Schon darum will ich gern die 5/4 Jahr der Trennung erfahren haben und noch ertragen, denn der Kummer der Trennung wiegt nicht auf den bedeutenden Vortheil, den Italien auf Deine ganze innere Entwickelung ausübt. Ich hoffe, Du wirst mich nicht mißverstehen und den Sinn aus der mangelhaften Ausdrucks-||weise herausfühlen. Was Deine neuste Arbeit betrifft, ob die Tafel colorirt oder mit Farbendruck ist, so halte ich es für den letzteren, bin aber meiner Sache nicht ganz gewiß; es ist eine Tafel die freilich doppelt so groß ist als das Heft und in der Mitte eingeknifft; übrigens sehr schön ausgefallen, wenigstens nach meinem Ermeßen. Herr von Richthofen bleibt noch bis Ende März hier; hofft im Stillen, daß sich die Reise noch etwas verzögert und er Dich noch hier sehen kann, was ich Euch Beiden wünschen möchte. Er wird nach 3 oder 4 Wochen auch tüchtig erzählen können; schwerlich hält er aber die Reise für seine Ausbildung so wichtig, wie Deine nach Italien, was mir auch fast so erscheinen will; wenigstens ist der Erfolg bei ihm sehr unsicher. Tante Bertha geht es sehr viel beßer und läßt Dich schön grüßen. Mutter erzählt mir eben, daß sie gestern zum ersten Mal aufgestanden sei, was ein bedeutender Schritt zur Beßerung ist. Auch geistig ist sie wieder ganz frisch und mobil und nimmt an Allem regen Antheil; dahin gehört denn auch, daß sie sich gern und oft von Dir erzählen läßt, was ich freilich sehr ungern thue. Gestern habe ich mein Buch von Dir: Alpinisches und Transalpinisches vom Buchbinder erhalten, was ich mit ihr zusammen zu lesen gedachte. Gestern kam auch ein an Karl adreßirtes Buch: Italia von Levin Schücking, wo ich gestern viel darin geblättert und viele schöne Dichtungen gefunden habe, die doppelten Reiz für mich haben, das sie alle Punkte besingen, die Du auf Deiner Reise berührt hast; namentlich sind von Rückert sehr schöne Sachen darin, von denen Du mir einige schon von Neapel aus sandtest. Was Karl damit beabsichtigt, weiß ich nicht; jedenfalls wird es hier bleiben, bis er herkommt, und bis dahin kann ich noch oftmals hineinblicken und mich in den Süden vertiefen. || Gewiß willst Du auch etwas von meinem Tagebuch wißen der letzten Zeiten und damit will ich denn gleich beginnen. Mittwoch 4 trug ich wie gewöhnlich Deinen Brief fort, aß bei der Mutter und nahm meine Klavierstunde. Dann ging ich zu Tante Bertha, wo ich bis 8 Uhr blieb und ein paar nette Stunden mit ihr verplauderte, ihr Deinen Sylvestertraum und den hübschen begleitenden Brief, sowie mehrere vorhergehende vorlas, die sie sehr intereßirten. Sie wollte mich zum Abend da behalten; ich blieb aber nicht, weil ich nicht wußte, ob es ihr gut sei und ob die Alten damit einverstanden wären, die denn auch froh waren, mich dort zu haben. Donnerstag 5 nahm ich meine Schneiderstunde wie gewöhnlich, nachdem ich vorher Frau Jacobi zu ihrem Geburtstag gratulirt hatte; als ich zu Haus kam, ging ich mit dem Alten zu Helene, wo Mittags der Geburtstag durch solennes Mittagsmahl gefeiert wurde und Frau Geheim Räthin Jacobi, nachdem sie selbst gelebt hatte, brachte Dein Wohl in Champagner aus, was mir große Freude machte. Ich hatte wenig gegeßen, aber viel Champagner getrunken, was vielleicht die Explosion am Freitag hervorgerufen hat. Abends las ich den Alten, wie seitdem tagtäglich Schiller’s Leben von Palleske vor, das freilich sehr weitschweifig und nicht so geistreich wie Lewes’ Leben Goethes geschrieben ist, jedenfalls sehr intereßante Aufschlüße über Schillers Jugend und seine ganze Entwickelung zum großen Dramatiker gibt, die sehr viel bisher Unbekanntes und Neues enthalten. Freitag 6 war mir schlecht; trotzdem folgte ich Louis Jacobi’s Aufforderung um 1 Uhr, mit ihm zusammen die schon länger ausgestellten beiden Nilpferde zu sehen; mehr um etwas Luft zu schnappen ging ich mit, doch freue ich mich noch heute darüber, so unschön und widerlich die ganz fleischfarbenen Thiere sind. Der Kopf hat mehr Ähnlichkeit mit einer Kuh, wie mit einem Pferde; vorne breites Maul, das tief eingeschlitzt ist, so daß sie es sehr weit aufreißen können. Diese beiden jungen Thiere 14 und 15 Monate alt sind schon sehr coloßal, doch soll die Haut 4 Zoll dick sein und die Fettschicht auch sehr stark sein, so daß das Fleisch verhältnismäßig nicht solch großes Volumen einnimmt, wie man nach dem Äußeren urtheilen würde. Die Beine sind sehr kurz und die Füße endigen in 4 Klauen, von denen zwei durch eine Schwimmhaut verbunden [sin]d.c Die Hautfarbe ist bei diesen jüngeren Thieren noch fleischfarben, erlangt aber bei den [Ält]erend (sie können 200 Jahr alt werden) die dunkle Farbe der Elephanten. Ein Steppenhund [vo]me Kap der guten Hoffnung, ganz hyänenartig und drei Zybethkatzen aus Abeßynien waren in ihrer Begleitung zu sehen, letztere vielmehr zu riechen.

Sonnabend 7 machte Dein herziger Brief Alles gut, was mein Magen sonst in meiner Stimmung verdorben hätte. Sonntag 8 bekam ich Krankenbesuch (mir Gesunden höchst lächerlich) von Helene und den beiden Kindern; später Nachmittags von Louis Jacobi, der Abends zum Thee sich wieder einfand, der außerdem Mutter und Heinrich und Herrn von Richthofen hier vereinigte. Mutter kam früher und ließ sich von mir die letzten Briefe vorlesen, die nun in Freienwalde sind. Herr von Richthofen ließ sich Deine Adreße sagen, da er an Dich zu schreiben wünschte. Er aquarellirt aus Zufall nicht bei Biermann, sondern bei deßen Schüler, bei dem Frau Bayrich auch Unterricht hat; der Name ist mir entfallen. Er freut sich sehr auf die Seefahrt und meint, sie würde das Beste von der ganzen Reise sein. Montag 9 ging ich Vormittags nach dem Hafenplatz heraus; da ich Mutter nicht zu Haus fand, übte ich mit dem schönen Flügel und erfreute mich namentlich an dem reizenden Mendelssohnschen Frühlingsliede, das ich natürlich mit ganz besonderen Empfindungen spiele. Dann besuchte ich Tante Bertha, um ihr aus Deinem sicilischen Tagebuch vorzulesen; allein ich traf mit Theodor und Heinrich zusammen, und so wurde denn gescherzt und geplaudert, wozu die Drei Bonner braune Kuchen verzehrten und mein Magen dankte. Dienstag 10 ging ich bei schönem Sonnenschein mit der Alten im Garten spazieren und sprach von Wem? Nachdem Quincke fort war, besuchte mich Mutter, der es auch nicht zum Besten geht. Denke Dir, meine Strafe, die Quincke mir auferlegt hat; um 9 Uhr muß ich schon zu Bett gehen und liege in Folge deßen desto länger wach und sage mir alle Deine poetischen Grüße aus dem fernen Süden her. Richter, der hier gegeßen hat und gestern beinahe in der Kammer gewählt worden wäre, gegen den Kriegsminister Roon durchgefallen ist, grüßt Dich und Deine Aenni küßt Dich viel tausendmal. ||

[Adresse um 90 Grad nach links gedreht]

Al Signore Dottore Ernesto Haeckel

p. ad: Signore Mueller

Victoria Hotel

Messina (Sicile)

via Marseille

a eingef.: hat; b eingef.: Dich; c Siegelausriss; Text sinngemäß ergänzt; d Siegelausriss; Text sinngemäß ergänzt; e Siegelausriss; Text sinngemäß ergänzt

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
11-01-1860
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Messina
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34484
ID
34484