Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 6./7. Dezember 1859

Berlin 6. 12. 59.

Also mein letzter Brief war nicht so frisch, wie sonst, mein lieber Herzensschatz, desto frischer und freudiger der Deinige, der diesmal schon Sonnabend eintraf. Gewiß sind die häßlichen Blutgeschwüre an dieser Stimmung schuld, die ich freilich für mich allein auszutoben vermeinte, ohne Andere davon mitgenießen zu laßen; es scheint mir aber doch nicht gelungen zu sein, woraus ich sehe, daß meine Grundsätze in diesem Punkte noch nicht mit der Praxis harmoniren. Ich meine, es läßt sich Vieles, namentlich körperlicher Schmerz im Leben bekämpfen, bei dem es darauf ankommt, das Übergewicht und das gänzliche Durchdringen des Geistes auf den Körper geltend zu machen und nicht zu unterliegen. Etwas schuld an dem nicht ganz heiteren Ton meines Briefes mag auch sein, daß ich etwas verknurrt war. Deine Eltern hatten mir nämlich Vorwürfe gemacht, ich enthielte ihnen Vieles aus Deinen Briefen vor, die ich nämlich gleich nach der Ankunft erbreche und ihnen vorlese; trotz meiner Betheuerungen, daß ich wirklich Alles lese, was sie intereßiren kann, selbst Gefühle und Empfindungen, die die Entwickelung des Doctor Haeckels betreffen, wurden mir wiederholt Anspielungen gemacht, die mich ärgerlich machten. Wie wenig Werth ich aber im Ganzen darauf gelegt habe, weil ich mich rein weiß, siehst Du daraus, daß ich Dir nichts bisher davon geschrieben habe, was ich jetzt doch muß. Das wirst Du mir auch nicht verdenken, daß ich die lieben, herzigen Worte des liebenden Erni der Oeffentlichkeit preis geben soll, um so mehr, da sie nicht einmal Intereße für Andere haben, höchstens in den Fall kämen, lächerlich gemacht zu werden, was mir am allerwehesten thäte. Aus dem klaren Grunde zweier liebender Herzen entsprungen, können die reinen, edlen und warmen Gefühle auch nur von zwei Menschen verstanden werden, dem beßeren Ich und mir. || Schreibe Du nur immer so lieb und herzig weiter, es ist die größte Freude für Deine einsame, doch glückliche Braut. Vor Allem habe ich mich in Deinem letzten Briefe über den glücklichen Fund der Amphipode gefreut, wozu ich tausend Glück wünsche; die Krebschen scheinen doch ganz besondere Neigung für Dich zu haben oder Du zu ihnen; ist das kleine Thierchen wirklich noch nicht beschrieben, so bringt es Dir gewiß Glück, woran ich überhaupt bei dem reichen Material nicht zweifele. Setzt die Maße des Schönen und Neuen Dich auch etwas in Verwirrung, so wirst Du doch daraus zu einer hübschen Arbeit schöpfen können und der Zukunft manche Mühe und Arbeit ersparen durch die unausgesetzten, fleißigen Beobachtungen in Messina, die Dir augenblicklich reizlos erscheinen, wenn nicht jeder Blick in’s Glas mit einem Fund belohnt wird. Ja, ja, der Alte hatte schon recht; Du bist in Allem extrem, d. h. in des Wortes bester Bedeutung, darum liebe ich Dich auch so innig und nehme so warmen Antheil an Allem, was Dich und Dein Leben betrifft. Sehr neugierig bin ich, das kleine Krebschen zu sehen, und habe schon in Deinem Bücherschrank gesucht, etwas darüber zu finden. Hinterher schalt ich mich sehr dumm, denn, da es noch nicht beschrieben, also auch nicht gezeichnet ist, wird kein Buch etwas über das Thierchen wißen. Nur mußt Du mir sagen, ob es nackt ist oder eine Schale, wie die meisten Krebse hat. Also über Orange- und Ölfäßer geht Abends Dein Spaziergang, da wäre ich gern dabei, namentlich wenn der Mond Hafen und Gebirge so zauberisch beleuchtet. Herr von Bartels wünschte Nachrichten über Frau von Went zu haben, die nicht sehr zu ihrem Vortheil ausfallen. Ich kenne sie persönlich nicht, weiß aber von Frankfurt her, daß sie keinen besonderen Ruf hat, und in Folge deßen mit einem gewißen Cirkel verkehrt, dem die Eltern und unseres Gleichen nicht hätten angehören mögen. Ob das jetzt anders ist, weiß ich nicht. Zeiten ändern ja Vieles. || Du schreibst mir in Deinem Brief vom 26 sten, daß die langen Abende Dir so schwer werden; da vermuthe ich mit dem Dr. Schneider, daß Du nicht immer die Beobachtungen des Tages verarbeiten und zum nächsten Tage vorarbeiten mußt. Wäre es dann nicht beßer, anstatt Dich in Heimweh und trüben, sehnsüchtigen Gedanken zu verlieren, Klostermanns oder sonst eine von den Familien aufzusuchen, an die Du Empfehlungen hast. Du würdest dadurch gewiß auch tiefer in das Leben der dortigen Menschen eindringen, das Du so nur von der Vogelperspektive kennen lernst. Du vernachläßigst die Menschen entschieden zu Gunsten der Thiere, die natürlich Deine Hauptzeit in Anspruch nehmen. Heute habe ich mich zum ersten Mal wieder anziehen können und hoffe, die unangenehmen Gesellschafter verlaßen mich jetzt. Deine Beschreibung von Mon Reale, überhaupt dem zweiten Tag in dem schönen Palermo hat mir sehr gefallen, mehr noch der Beschluß des 14 ten, wo in Bonn heftiger Regen den Mond nicht zu mir dringen laßen wollte. Du hast ihn gewiß für mich mit gesehen und bei seinem silbernen Licht in die Zukunft geträumt, der ich mehr angehöre, als der Gegenwart, weßhalb ich oft Deine Eltern und Andere bedauere, denen meine Geistesabwesenheit auffallen muß. Die Liebe, die Liebe; sie fragt nach keinen Rücksichten, keinen Pflichten und Nothwendigkeiten; sie verfolgt unbekümmert ihr eines Ziel, auf das sie mit vollen Segeln lossteuert, den sie umgebenden Sturm nicht achtend und Sonne und Lichtglanz sieht, wo Andere sich danach sehnen. Du nennst das Herz ein eigensinniges Ding in Anbetracht der Wißenschaft, der gegenüber es schweigen sollte, ich finde es auch grausam und ungerecht in der Behandlung gegen alle anderen Menschen, außer den geliebten Gegenstand; ich glaube, auch hierin wird es versöhnlicher, wenn die Beiden Einzigen der Schöpfung ! ganz zusammen sind und nur aus sich heraus für Andere geben und wiederum von Anderen zur eigenen Doppelentwickelung empfangen. Das Leben wird es zeigen. Nun etwas || von meinem Leben, das Du in allen Details gern hörst. Der Raum ist dies Mal für mich etwas knapp, weil Tante Bertha einen Bogen geschrieben hat, der schon voriges Mal zurückgeblieben ist; sie war böse darüber und wollte ihn nun als alte Waare gar nicht mitgeschickt haben; ich meinte, Schneiders Notizen seien Dir wichtiger und risquirte das Verbrechen, das ich durch Ungehorsam noch verschlimmere, denn ich lege es doch ein.

Mittwoch Mittag aß ich bei Mutter und nahm gleich nachher die erste Klavierstunde, nach der zu urtheilen, Lehrer und Unterrichtsweise mir sehr gefallen haben; es würde mir große Freude machen, noch etwas zu lernen auf diesem Gebiete, das uns Beiden so große Freude macht. Nach dem Kaffee besuchte ich Magdalene Dieckhoff, die mir einen originellen Brief von Marie Glagau aus Stettin vorlas, der Braut des Herrn Oelschläger, den Du im vergangenen Jahr bei uns sahst; die Glücklichen heirathen im Mai oder Juni, da er zweiter Direktor der Berlin – Stettiner Eisenbahn geworden ist, worüber ich mich innig gefreut habe. Der Abend verstrich wie gewöhnlich beim Forster und Goethe – Schiller-Briefwechsel, in dem wir heute einen höchst intereßanten Paßus gelesen haben: Schillers Kritik des Wilhelm Meister, bei dem er Goethe auf diese Weise sehr fördernd gewesen ist. Das schöne Werk liegt wieder klar vor mir.

Donnerstag 1 kam Frau Gottschling am Morgen an, wegen ihres Sohnes, der einige Zeit in der Augenklinik bleiben muß; sie wohnte nicht hier, war aber drei Tage fast den ganzen Tag hier, hat mir übrigens nicht sehr gefallen; ihre Grüße an Dich muß ich aber bestellen; mir war immer lauwarm in ihrer Nähe.

Freitag 2 überraschte uns, während wir noch bei Tisch saßen, Tante Bertha, die bis 6 Uhr hierblieb und sehr frisch und munter war; heute liegt sie wegen heftiger Erkältung zu Bett, die hoffentlich ihr anderes Leiden nicht wieder wachruft. Hermine ging mit ihr zu Haus; ich las während der zweistündigen Abwesenheit von Gottschlings, der Alten aus dem Forster vor, und mußte sie später beim Thee unterhalten, während der Alte bei Salzmann war. ||

Sonnabend 3 war Festtag durch Deinen Brief, den ich bisher gewohnt war, erst am Sonntag zu erwarten; eine Überraschung ist immer angenehm, diese aber doppelt willkommen und schon beim Erbrechen des Siegels bereute ich, mich damals, als er erst am Donnerstag, wie ich jetzt weiß durch Sturm, hereinkam, bei Dir beklagt zua haben und war frappirt, beim Lesen Deine selbe Meinung darüber zu hören. Du hast einmal eine ungeduldige, nicht leidenschaftslose Anna, die in dieser Beziehung ganz besonders an sich arbeiten muß. Ach mit einem Brief von Dir in Händen, faße ich immer die herrlichsten Vorsätze, und bin dann noch einmal so gut, wie im gewöhnlichen Leben, das die Fehler und Schwächen des Menschen recht klar hervortreten läßt; nicht zu seinem Nachtheil, denn hierin liegt eben das Veredelnde, Bildende des Lebens, wenn der Mensch so weit gereift ist, sich diesem Einfluße nicht zu entziehen, daß es den Menschen klar macht über das, was ihm fehlt und ihm dadurch halb schon das Mangelnde gibt. Kein Verhältniß im Leben, es sei immer wiederholt, entwickelt Geist und Gemüth in so kräftiger und natürlicher Weise, als die Ehe, wenn das auch nicht der Bund zwischen zwei harmonirenden Seelen, und zwar Mann und Weib, die Beide an Wahrheit und Liebe der Gesinnung, im Streben nach Höherem und Edeln, sich nichts vorzuwerfen haben und einem gemeinsamen Ziele entgegen eilen, das Jedes für sich nur durch schwere Kämpfe und Entbehrungen der theilenden Liebe erreicht. Wie ich gewiß bin, daß Du mich nie vom guten Wege abbringen, wohl aber oft vom falschen auf den richtigen weisen wirst, so sei Du überzeugt, nie werde ich Deinem idealen Streben nach dem Guten und Schönen, Deiner Religion (wie der meinigen nicht ohne Hülfe des Glaubens) entgegen sein, und wenn Du ihm auf dem Gebiete des Gefühls untreu werden solltest, in der Wißenschaft und Kunst ist es Dir unmöglich, so mag das weibliche Gemüth auf Dich wirken, das von früh an fühlen gelernt hat, mehr als überlegen, begreifen, verstehen nach bestimmten Weltgesetzen und eine gewiße Subtilität der Empfindungen besitzt, die dem Mann auch nicht fremd sind. ||

Sonnabend Nachmittag nach dem Kaffee verabschiedete sich Frau Gottschling; Hermine und ich gingen um 6 Uhr zur Mutter, wo statt Freitag Nathan der Weise gelesen wurde; ich den Klosterbruder, außer den gewöhnlichen Theilnehmern, las Magdalene Dieckhoff mit. Diese zu Haus zu begleiten, machten Hermine und ich unter Louis Jacobi’s Schutz, noch einen späten Spaziergang durch den Thiergarten. Sonntag schrieb ich einen Geburtstagsbrief an Marie Glagau, die gestern auch 24 Jahr geworden ist. Mittags wünschte ich Dich aus materiellen Rücksichten her, eine schöne Gans mit uns zu verzehren; es war Niemand da, der mir die Kastanien aus dem Gefüllsel herausfischte! Allmählich fanden sich die verschiedensten Leute ein, so daß sich beim Thee ein großer Kreis gebildet hatte, bestehend aus Mutter, Heinrich, Tante Gertrud (wie es scheint unser stetes Sonntagsvergnügen), August und Helene, und was Dich am meisten intereßiren wird: Herr von Richthofen, der nun seine Neugierde, mich kennen zu lernen, auch befriedigt hat. Er hat mir recht gut gefallen und mir wiederholt herzliche Grüße für Dich aufgetragen und die Bitte, ihm einmal zu schreiben. Er ist noch nicht ganz gewiß, ob er an der Japan-Expedition Theil nehmen soll oder nicht, doch scheint mir das letztere der Fall zu sein, er fürchtet eine Kaperung der Schiffe bei den kriegerischen Aussichten, wofür ihm 3 Jahre zu viel Zeitverschwendung sind und ihn möglicher Weise um die beste, angenehmste Stelle in Wien bringen könnte, die er in kurzer Zeit bestimmt zu erhalten meint. Gestern spielte ich nach Tisch etwas quatre-main mit Theodor und wurde Abends nebst Hermine und Heinrich von August und Helene in ein hübsches Concert im Mäderschen Saal mitgenommen, wo ich mit doppelten Ohren dem reizenden Volksliede: Mädle, ruck, ruck, das sehr niedlich vorgetragen wurde von einer Fräulein Härtnig, und der Melodie des schönen Tyroler Liedes: „Von meinen Bergen muß ich scheiden“ zuhörte, das sehr zart und wohlklingend auf der Zither vorgetragen wurde. Mir wars, als stände ich auf hoher Alpe und hörte das Lied jodeln. Kalt genug ist mir augenblicklich auch dazu, woran 1 Uhr des Nachts schuld ist. Ich glaube kaum, daß ich mehr in dies Blättchen schreiben darf, drum gute Nacht und Lebewohl auf acht Tage, finde schöne Sachen und denk dabei Deiner treuen Aenni.

a eingef.: zu

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
07-12-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34479
ID
34479