Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Bochum, 10.12. Oktober 1859

Bochum 10. 10. 59.

Mein Brieftag naht wieder, mein lieber Herzenschatz; noch näher der Deinige, an dem Du mehrere Briefe von mir erhältst; morgen vermuthe ich Dich wenigstens sicherlich in Messina oder müßte ich noch länger, als acht Tage auf Deinen lieben Brief warten. Ich habe mir die Zeit inzwischen so gut wie möglich vertrieben und von alten Briefen gezehrt, über die ich mich innig gefreut habe. Gestern las ich alle aus Jena von Deinem ersten und zweiten Aufenthalt dort; da habe ich wiederholt die Frage aufgeworfen, ob nur der Erni später nach Jena kommt und ob er dann heimgekehrt aus dem schönen, farbenreichen Süden, noch so begeistert und entzückt von dem Thüringer Ländchen schreiben würde? Ja, ja verwöhnt hast Du Dein Auge, und damit Deine Ansprüche auf Schönheit, entbehrt hast Du aber auch auf der anderen Seite alle Deine Lieben, Deine Aenni, die Dich so unendlich lieb hat und Dir die Heimath wieder lieb und werth, den kalten Norden warm machen wird, die Dir die grauen Farben in das rosigste Kleid der Liebe, in frisches Hoffnungsgrün und in in [!] die tief dunkelblaue Farbe der Treue hüllen wird. Nicht daß ich mich meiner rühmen wollte – ich wüßte nicht weßhalb auch – und doch wie köstlich, daß ich mir bewußt bin, dich glücklich zu machen, wie ich in Dir das höchste Lebensglück gefunden habe, deßen der Mensch fähig ist. Du hast Dich im Anfang unseres Liebesfrühlings mit vielen Zweifeln gequält, Du wüßtest nicht Liebe und Wißenschaft zu vereinen, welcher Dualismus der Naturen gerade in wißenschaftlich gebildeten, geistig regen und tiefen a Menschenseelen die heftigsten Kämpfe verursacht, die ich ganz natürlich finde. Dagegen bin ich bevorzugt; ich habe gleich bei dem Bekenntniß unserer Liebe klar die ganze Fülle Deiner und meiner Liebe überschaut, und zu wißen, daß wir uns gegenseitig glücklich machen, daß wir Eins werden können und müßen. || Zweifel, wie sie viele andere Mädchen bei diesem wichtigen Lebensschritt durchmachen müßen, lagen mir fern, weil ich Dich kannte, achtete und liebte von dem Augenblick an, wie ich noch nie einen Menschen geliebt habe; es ist mir unbegreiflich wie man bei der Liebe überlegen und sich Tagelang bedenken kann, ist sie doch ein Gefühl, eine Seelenthätigkeit, die ihre Kraft aus sich selbst holt; warum soll denn das Weib in dem hohen Moment, wo der Mann ihr seine Liebe gesteht nicht fühlen können; ich meine sie müßte Ja oder Nein sagen, dann ist Liebe da und eher sollte kein Mann es wagen, so wird sie in diesem Augenblick klar zum Bewußtsein und darf in Worte übergehen. O was erwachen dabei für köstliche Erinnerungen an mein lieb Zimmerchen daheim, das durch den 3 Mai seine rechte Weihe erhielt. Nach der langen Abwesenheit habe ich ordentliche Sehnsucht nach dem heimischen Eckchen, doch werde ich es vor Ende Oktober nicht wiedersehen, wo Mutter von Heringsdorf, ich von Westphalen nach Berlin zurückkehre, und schwerlich werde ich es mit so herrlichen Blumen geschmückt finden, mit denen Du es im vergangenen Jahre ausgeputzt hattest, aber Deine schönen Bilder finde ich dort, alle die lieben Pflanzen und Bücher, die mich Alle willkommen heißen werden und mir die Wintermonate verkürzen. Wie Du Dich in Messina einrichtest, den Tag eintheilst und verlebst, bin ich sehr begierig; wenn Du hübsche Sachen im Meer findest oder vielmehr unter dem Mikroskop, weiß ich Dich auch zufrieden und glücklich, da es Dir nebenbei am Menschenverkehr, deßen Unerläßlichkeit im Leben Du nun auch einzusehen hast, nicht fehlen wird. Gestern habe ich hier auch den Dr. Klostermann kennen gelernt, der Onkels kleinen Ruhranfall behandelt. Er hat mir einen angenehmen Eindruck gemacht, voller Intereße für Kunst und Wißenschaft und seinem Beruf als Arzt gewachsen. || Doch vergeße ich ganz Dir von den Erlebnißen der letzten Woche zu schreiben, die Dir bis Montag Abend mein letzter Brief erzählt hat, der Dienstag seine Reise angetreten hat. Dienstag 4 trat ich mit Hermine und deren Freundin Mimi Küper eine kleine Reise an, die mir sehr gefallen hat. Um 6 Uhr 20 Minuten saßen wir Drei in einem Beiwagen der Post, in Gesellschaft des Predigers Hengstenberg von hier, den glücklicher Weise die liebliche Natur nicht auf seine orthodoxen geistlichen Anschauungen brachte, derentwegen ich ohnehin ein paarmal mit ihm in Streit gerieth. b Namentlich war ein Blick oben von der Höhe herab in das Ruhrthal mit seinen bewaldeten Bergen, das wir bald in der Nähe kennen lernen sollten, bei vollem Sonnenlicht, das kaum die aufsteigenden Nebel zertheilte, ganz prächtig und zart. In Steele verließen wir die Post und wanderten zunächst nach dem Örtchen Spillenburg an der Ruhr, wo wir unsere Reisetaschen, Schirme deponirten und nur mit einem Plaid weiter marschirten, immer an der klaren Ruhr entlang, die sehr schöne Ufer hat, theils an üppig grünen Wiesen, die das bunte weidende Vieh belebte, theils an schön bewaldeten im Herbstschmuck prangenden Höhen, zwischen denen die Thürme der vielen umliegenden Zechen wie Ruinen oder Burgen aussehen. Die Ruhr verlaßend, erreichten wir durch einen schönen Hochwald von Eichen und Buchen Cookshausen am Rande der schroffen Ruhrberge gelegen, wo wir nach drei Seiten die malerischste Aussicht vor uns, uns an sauerer Milch und Butterbrod erquickten. Dann verließen wir das kleine, freundliche Bauernhaus, lagerten uns im Walde an einem schönen Aussichtspunkte und nahmen Arbeit und Simrock’s Rheinsagen zur Hand. Wir waren so glücklich in der schönen Gottesnatur, wobei ich immer in seligsten Zukunftsträumen schwelge. Meine Kräfte zu Fußtouren habe ich auf dieser Reise tüchtig erprobt und hoffe, sie sollen sich auch in der Folge bewähren. || Nach einem frugalen Mittagbrod bei unseren freundlichen Bauersleuten, bestehend aus Pellkartoffeln und frischer Butter und einem Stück mitgebrachten Fleisch, traten wir den Rückweg durch denselben Wald an, ließen uns in Spillenburg mit sammt unseren Sachen auf der Ruhr übersetzen und erreichten über duftigen Wiesen hin gehend, den Bahnhof, von wo wir um 4 Uhr abfuhren und in einer Stunde in Nierenhof, dem Wohnhaus einer Freundin von Hermine: Lili Scharpenberg geborene Honigmann waren, wo wir zwei Tage unser Standquartier aufschlugen. Die Gegend behält auf der ganzen Strecke ihren lieblichen Charakter anfangs im Thal der Ruhr, dann der Deila, eines bedeutenden Wiesenbachs, die auch in Nierenhof die große Pappdeckelfabrik des Herrn Scharpenberg in Bewegung setzte. Das Nest war dort aber bis auf den kleinen Jungen von ½ Jahr ausgeflogen, und erst um 7 ½ Uhr kehrten die beiden netten, glücklichen Eheleute mit zwei allerliebsten Mädchen heim, bei denen ich mich sehr wohl und behaglich gefühlt habe. Sie wohnen aber auch in einem kleinen Paradies; das Wohnhaus und die Fabrikgebäude, alle sauber weiß gestrichen liegen an einer kleinen, saftigen Wiese, rings von ziemlich hohen Bergen eingeschloßen; Alles umher athmet Ruhe und Frieden, Einfachheit und Natürlichkeit; ich dachte soviel an das kleine Capri-Paradies und sehnte mich unendlich nach Dir an diesem lieblichen, stillen Erdenfleckchen. Wir tranken im Garten, der an der Höhe liegt, Thee und spazierten dann in der Nähe umher; bald erschien der Mond über den Bergen, der uns alle bekannten Volkslieder entlockte; bis 7 ½ Uhr unsere Wirthe erschienen und wir gemüthlich zu Abend aßen bei lebhafter, munterer Unterhaltung. Um 11 Uhr gingen wir zu Bett; wir Drei schliefen aber erst spät ein, so viel gab es zu plaudern in der schönen Mondnacht. Mittwoch 5 war ich um 5 ½ Uhr auf und machte allein eine köstliche Tour auf den Berg am Rücken des Hauses, der von oben einen schönen Blick an die Ruhr gestattete. Hermine || und Mimi Küper waren auch spazieren gewesen in der bethauten Ebene, da Scharpenbergs erst um 8 Uhr aufstehen, der einzige Uebelstand in diesem angenehmen Hause. Nach gemeinsamen Frühstück saßen wir zusammen im Walde in der Nähe des Hauses und plauderten bis 10 Uhr, wo Herr Scharpenberg mit Hermine und mir, die beiden Anderen waren zu müde, mit Madeira und Kuchen beladen die gegenüber liegenden Berge erkletterte, wo wir von der höchsten Spitze ein Bildchen, wie für Deinen Pinsel geschaffen vor uns hatten: Das c Städtchen Langenberg von Bergen eingeschloßen, meistens an den selben hinaufgebaut, und zwar meist schöne, geschmackvolle Häuser der reichen dort wohnenden Fabrikbesitzer; weiterhin ließen wir uns in dem kleinen Pavillon nieder mit hübschem Blick auf Nierenhof, Scharpenbergs besitzung [!] und darüber fort mit dem schön geformten Isenberg und Hommberg. Hier leerten wir ein Glas Madeira auf Dein Wohl, wobei ich Beiden viel von Dir vorerzählte, Du lieber Schatz. Zu Haus angelangt, kleideten wir uns rasch an und aßen Mittag; nachher suchte sich Jeder im Haus sein Ruheplätzchen; ich floh an das liebe Herz der Natur, breitete mein Plaid im Walde aus und ein Hackländersches Mährchen über das Gesicht im Mond wiegte mich in süßen Schlummer; dazu lispelte mir der sanfte Wind in den grünen Blättern immer den Namen Erni zu und die Deila zu meinen Füßen d rollte murmelnd schöne Zukunftsbilder vor mir auf. Täglich fühle ich es mehr, wie ich in der Natur Dir immer nahe bin und ine ihren Lauten Deine verwandte Seele empfinde. Das sind köstliche Stunden, an denen ich den ganzen Winter zehren werde, der mir etwas lang werden wird. Gut, daß ich Arbeit und Hülle und Fülle habe und beim Nähen für uns Beide meine Gedanken im Süden haben kann. Nach dem Kaffeetrinken brachen wir nach dem Homberg auf, leider etwas zu spät, da die Sonne schon unter war, als wir den genannten || Berg auf hübschem Wege zwischen dem Isenberg und Feldern hin erreichten. Er erhebt sich steil über der Ruhr, die man in vielfachen Windungen zwischen den Höhen und Wiesen sehen kann, ähnlich dem Blick in’s Saalthal von der Moosbank in Altenbeuthen. Statt des nöthigen Sonnenlichtes, warf der Mond seine Silberstrahlen auf die Landschaft, die uns Alle sehr entzückte. Auf dem Rückweg mußte ich bei hellem Mondschein, unserer besten Verbindungsbrücke, auf Herminens Wunsch das hübsche Gedicht „Der Spaziergang auf Capri“ recitiren, das mich so lebhaft Theil nehmen läßt an Deinen und Allmers Hochgenüßen auf dem reizenden Capri. Wir kehrten erst spät heim und ließen uns von der hellen, zarten Sopranstimme der Frau Scharpenberg, nachdem wir beim Abendbrot Dich im 37 hatten leben laßen, Lieder vorsingen, die Du auch gern hast, unter anderen die drei Liebchen von Speyer mit dem tragischen Schluß. Um 11 Uhr ging die ganze Gesellschaft zu Bett, ich erst um 12 ½ Uhr, da ich noch einen lang verschuldeten Brief an Hedwig Bleek schrieb, die vielleicht jetzt schon in Frankreich ist; ich bin recht gespannt auf die neusten Nachrichten von dort. Donnerstag 6 wanderte ich früh ganz allein auf den 1 ½ Stunden entfernten Isenberg, der bei klarem Wetter köstliche Blicke in’s Ruhrthal bieten soll, leider nahm der starke Nebel so zu, daß ich kaum eine Hand vor Augen sehen konnte, mein Ziel auf steinigem, verwachsenem Wege erreichte und unverrichteter Sache bis in die Knie durchnäßt, die Folge des starken Niederschlags, heimkehrte, nur kühle Luft eingeathmet und tüchtigen Appetit auf eine Taße Kaffee mitbringend. Von Müdigkeit oder Erschlaffung fühle ich nichts, selbst bei den stärksten Touren, wenn ich einen ordentlichen Schritt gehe und die Sonne nicht gar zu heiß brennt. Nach dem Kaffee besahen wir uns die ganze Fabrik und [ich] ließ mir Alles genau von Herrn Scharpenberg erklären, von dem ersten Aus-||suchen der Laugen bis zur Packkammer, wo die schöngeplätteten Pappen aller Größe und Farben, die hauptsächlich zu Jaquardswebereien und zum Glätten der Seidenzeuge gebraucht werden, nach Österreich, Rußland, Schweden und Dänemark verpackt würden. Bei dieser Gelegenheit habe ich mir auch genau eine Dampfmaschine angesehen, die seit einigen Jahren das Waßerrad in der Thätigkeit unterstützen muß. Im Garten aß ich zum ersten Mal Lacryme Christae Trauben, deren blutrother Saft mir vortrefflich mundete und mir von Neuem die schrecklichen Bilder Deiner letzten Vesuvexcursion vor die Seele riefen. Nach Tisch wurde etwas Siesta gehalten und nachf dem Kaffee traten wir unseren Rückweg an, auf dem uns der anhaltende Nebel recht lästig wurde. Als wir das freundliche Thal im Rücken hatten, rollten sich neue lohnende Bilder vor und hinter uns auf die Ruhr und Berge auf, bis wir um 4 Uhr in Hattingen waren, unser Gepäck auf die Post brachten, die Ruhr überschritten und jenseits den Winzerberg erstiegen. Hier hatten wir die Ruhr wieder dicht zu unseren Füßen in schönen Biegungen sich zwischen den Bergen hindurchschlängelnd, den Isenberg, Homberg, an den Ufern der Ruhr das freundliche Städtchen Hattingen mit der malerischen Ruine Cliff, diesseits die Hochöfen in voller Thätigkeit, von vielen Zechen umgeben. Wir sagten jubelnd bei untergehender Sonne der schönen Gegend Lebewohl und bestiegen an der Brücke den Postwagen, der uns um 6 Uhr nach Bochum beförderte. Hier fand ich einen lang erwarteten Brief von Mutter vor, der es in Heringsdorf gut geht; ich freue mich daß sie noch angenehme Gesellschaft im Haus hat, die aber schwerlich so lange wie sie, bis Ende Oktober aushalten wird; eher kehre ich auch nicht nach Berlin zurück, da mich die lieben Berckens durchaus nicht fortlaßen wollen, doch gehe ich vorher noch acht Tage nach Hamm zu Onkel Jacobi, die ich auch 13 Jahre nicht gesehen habe. Mutter badet mit großer Paßion || und gutem Erfolg in der See, worum ich sie ordentlich beneide. So sollte ich also doch nicht Heringsdorf ohne Dich sehen; wie grün wird es uns Beide da im nächsten Jahr begrüßen und Willkommen heißen. Wir erzählten unsere Erlebniße am Donnerstag Abend und ließen uns von hier erzählen; dann mußten wir uns schleunig anziehen, um ein musikalisches Kränzchen mitzumachen, auf welchem ein Herr Ritter mit prächtigem vollem Baß und eine Frau von der Beck, ein heller glockenreiner Sopran sehr schöne Sachen vortrugen, die mich ihres Liebesinhalts wegen besonders ansprachen; namentlich sang Herr Ritter ein Frühlingslied, das schließt: „Sie ist Dein, sie ist Dein“ von Schumann so herrlich, daß er es dreimal wiederholen mußte. Nicht minder schön spielte Herr Krüger, der hiesige Musiklehrer auf dem Klavier, das sonst von mehreren Damen recht schlecht behandelt wurde. Nach dem Eßen bekam man sogar Lust zum Tanzen; ich tanzte auch zwei Mal herum und hörte nachher noch zwei schöne Lieder: Ich grolle nicht, auch von Schumann.

Freitag 7 schrieb ich früh einen Brief an Karl und machte dann einige Besorgungen. Nachmittag tranken wir bei Küpers Kaffee mit zwei Fräulein Pilgrim zusammen, einer Tante und Cousine von Quincke; um 6 Uhr machten Hermine und ich mit dem Onkel bei köstlichem Mondschein einen weiten Spaziergang, nach welchem wir uns Abends bei Christs durch Kartoffel-Puffer stärkten.

Sonnabend 8 saßen wir fleißig beisammen arbeiten; gleich nach Tisch ging Onkel nach der Jagd, von der er bald krank zurückkehrte; da die Ruhr hier herrscht, ließ Tante gleich den Dr. Klostermann kommen, den ich bei dieser Gelegenheit kennen gelernt habe; glücklicher Weise ist Onkel wieder ganz frisch. Wir lasen ihm einen sehr hübschen Vortrag über Sternkunde vor; um 5 Uhr ging ich dann mit Mimi Küper spazieren; bei Glockengeläut und sanftem Mondenschein traten wir den Rückweg an; da war ich denn oft für meine Begleiterin Null, weil Deine Augen aus dem Mond mich gar zu lieb ansahen, um wieder fortsehen und Dich loswerden zu können. Nach dem Eßen spielten Hermine und ich den Onkel durch quatre-main-Spiel in den Schlaf – alte Erinnerungen wurden auch da wach. ||

Es ist Mittwoch Morgen geworden, mein lieber Erni, ehe ich den Brief vollendet habe, der heute auf die Post muß; ach wäre doch auch einer von Dir unterwegs, wonach mich sehr bangt, Deine Alten nicht weniger, vom denen ich eben einen Brief gehabt habe; zu meiner großen Freude erholt sich Deine Mutter merklich; Bertha Karo ist bei ihnen, ich folge in ihre Fußstapfen. Mutter hat Deinen Eltern gern die Bitte gewährt, bei ihnen zu sein und die Wirtschaftssorgen zu übernehmen; was ich mit Freuden thue. Daß Ottilie Lampert im Januar wieder meine Stelle ersetzen wird, ist mir sehr lieb, denn ungern ließe ich Mutter den ganzen Winter allein. Vielleicht laßen Dich die Eltern dann anfangs auch öfter nach dem Hafenplatz No 4, wenn sie nicht allein sind. Ach Erni, wüßtest Du, wie selig ich bin, wie Alles in mir jauchzt bei dem Gedanken an Wiedersehen, Heimkehr etc. Doch still davon; Du mußt noch von meiner neusten Gegenwart hören, sollte sie Dich selbst langweilen; das thut sie aber nicht, weil Du mich lieb hast und Dich für mein Leben intereßirst.

Sonntag 9 blieb der Onkel zu Bett; Hermine und ich gingen zur Kirche, leider um eine schlechte, dürre Predigt zu hören. Erstere machte noch einen Besuch; ich ging zu Haus, wo ich zu meiner Verwunderung den Onkel auf fand und ihm Gesellschaft leistete durch Munterkeit, die beste Arzenei, nicht wahr mein lieber Doktor? Mittags aßen wie gewöhnlich Christs hier. Nachmittag machten Hermine, Mathilde und ich bei heftigem, mir sehr angenehmem Wind einen Spaziergang, nach dem eine warme Tasse Thee in gemüthlichem Kreise vortreffliche Dienste leistete. Der Dr. Klostermann blieb nach Erfüllung seiner ärztlichen Pflichten eine Stunde bei uns; ich gab später Deine Briefe über die Vesuvexcursionen zum Besten, die ich schon bald auswendig kenne, und doch kann ich nicht müde werden, die lieben Zeilen immer wieder zur Hand zu nehmen und Deiner warmen Seele Eindrücke zu theilen. Nacht Tisch bereiteten wir der Tante ein Sonntagsvergnügen durch eine Partie Whi[st]g bei dem ich trotz zerstreuten, schlechten Spiels immer geduldet werde.

Montag 10 schrieb ich früh an Dich, später an Mutter, der ich eine Partie Erdbeerpflanzen hier aus dem Garten zuschickte, für unsere Anlagen in Heringsdorf, in denen Mutter jetzt tüchtig umherarbeitet. Sie schreibt sehr froh über das Wachsen der schönen Blumen, fühlt sich bei dem schönen Wetter, dem augenblicklichen, prächtigen Mondschein und dem Kaminfeuerchen am Abend, um das sich ihre Mitbewohner versammeln, sehr behaglich und glücklich, wie Berlin sie leider niemals sieht. Nachmittag tobten Hermine und ich [uns] mit zwei Bekannten im Rechener Wäldchen, aus Eichen bestehend aus, vom Mond zu Haus geleuchtet. Abends sahen wir im Theater die Schule der Verliebten, die mir gar nicht gefallen hat: lauter Liebesverhältniße, die mit den Haaren herbeigezogen werden; da lobe ich mir unsere Waßerexplosion, unser freies Hingeben aneinander ohne Einwirkung von Außen.

Dienstag 11 schrieb ich ganz früh wieder etwas an Dich; gleich nach dem Frühstück half ich Eierkringel backen, die gut gelungen sind. Nach Tisch half ich Apfelkuchen backen, Tante Berckens Hauptfarce, der uns am Abend herrlich schmeckte. Dann spielte ich lange Klavier und las ein neues Buch: Elisabeth von der Nathusius, das mir in einem schroff religiösen Ton geschrieben zu sein scheint. Um 5 Uhr machten wir Beide mit dem Onkel den ersten weiten Spaziergang wieder durch schöne Waldpartien, sahen Sonnenunter- und Mondaufgang, der gestern Abend in seiner ganzen vollen Pracht strahlte und Dir gewiß meine Grüße bestellt hat. Abends waren Frau von der Beck, Frau Braßert, später auch deren Mann, Christs hier; die Beiden Ersteren sangen uns viel Schönes vor, das mir immer so große Freude macht und Sehnsucht zu gleicher Beschäftigung erweckt. Ich war so kühn, ihnen ein Lied ohne Worte vorzuspielen, das III aus dem II Heft, mein Liebling. Ich war noch spät auf, schaute unseren lieben Freund an und träumte mich weit weg, wo ich jetzt gewaltsam wieder fort muß. Berckens grüßen Dich herzlich und wollen, daß ich Dir sage, daß sie mich sehr lieb haben. Das kannst Du Dir gewiß gar nicht denken, Du kalter Bräutigam (!) Siehst Du, Schelm bin ich immer noch, trotz Deiner Abwesenheit; grüße Allmers von Deinem Strick und laß Dich innig küßen von Deiner treuen Aenni. ||

[Adresse um 90 Grad nach links gedreht]

Al Signore Dottore Ernesto Haeckel di Berlino

p. ad: Signore Mueller

Hotel Victoria

Messina (Sicile).

via Marseille

a gestr.: Nat; b gestr.: In; c gestr.: Dörfchen; eingef.: Städtchen; d gestr.: murmelte; e eingef.: in; f eingef.: nach; g Papierausriss; Text sinngemäß ergänzt

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
12-10-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Messina
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34471
ID
34471