Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Bonn, 7./8. September 1859

Bonn 7. 9. 59.

Trotzdem Du mir verboten hast, im September zu schreiben, mein lieber Herzensschatz, muß ich dies Verbot noch einmal übertreten, nachdem ich es ohne zu wißen schon einmal verletzt habe, als ich Sonntag Morgen den letzten Brief von Köln abschickte, denn ich bin zu entzückt von den beiden letzten Tagen, die ich an der wild – romantischen Aar zugebracht habe, um es so lange für mich allein zu behalten. Auf jedem Punkte der schroffen, wilden Felsen oder der lieblichen klaren Ahr mußte ich denken, das wäre vortreffliches Material für Erni’s Pinsel und ich hoffe wirklich, wir werden uns später einige Zeit in Altenahr niederlaßen und alle wilden Felsen erklettern, denen ich bei der kurzen Zeitdauer jetzt nur einen sehnsüchtigen Blick zuwerfen durfte. Ehe ich Dir die beiden idyllischen Tage beschreibe, erzähle ich Dir noch vom Sonntag in Köln. Nach einem gemüthlichen Frühstück gingen wir um 10 Uhr in den Dom, um einer musikalischen Meße beizuwohnen, die allerdings ein Hochgenuß für’s Ohr war in den weiten Bogenhallen, weniger aber der sie begleitende Hokus – Pokus für’s Auge. Hat man noch keinen Abscheu vor dem Katholicismus, so bekommt man ihn gewiß, wenn man dieser Art von Gottesverehrung zusieht; die Mönche dem Volk die frommsten Geberden, gefaltene Hände und Kniebeugungen presentirend, dabei die Weltlichkeit so bestimmt in ihrem Gesicht ausgeprägt, die Chorknaben durch gefaltene Hände die lachenden Gesichter verbergend und die Knienden, verschränkten Damen um mich her Jeden verfolgend und musternd, der ihnen vorbei paßirte. Wenn man über diese Sachen fort in das schöne Gewölbe des Hauptschiffes sah, von wo die getragenen Töne zu mir herunterdrangen, war ich andächtig und befriedigend gestimmt. Nach dem Schluß durchwanderte ich noch einmal den herrlichen Dom, besah die guten Gemälde und schenkte den Glasmalereien, die mir am liebsten waren, noch einen Blick; wenn ich ihn jetzt wiedersehe, bist || Du bei mir, herzlieber Mensch, dann wird er mir noch beßer gefallen. Hiernach machte ich noch mehrere Besorgungen, fand mich dann kurz vor 1 Uhr wieder ein, um meine paar Sachen zusammenzupacken. Mittag aß ich mit dem Vater a und Schwester des Herrn Nierstens und einer Fräulein Vogel sehr nett zusammen und gleich nach Tisch fuhren wir per Eisenbahn nach Brühl, einem Schloße mit schönem Park, in dem wir uns bis 6 ½ Uhr umhertrieben. Besonderen Reiz hatten für mich die starken, mächtigen Buchen und Eichen, da es hier bei Bonn keinen Hochwald gibt. Um 7 Uhr war ich wieder in Bonn, nach allen Kunstgenüßen, glücklich wieder daheim zu sein, und mit 2 Briefen empfangen, einen langen, ausführlichen von Mutter mit guten Nachrichten von Helene und dem kleinen Jungen und einen von Hermine Bercken, die von Heidelberg gleich nach Bochum zurückgekehrt ist. Hiernach meinte ich gleich abreisen zu müßen, da Mutter mich Mitte September zurückwünschte, allein Bleeks wollen mich noch nicht laßen, weil ich noch nicht alle schönen Punkte der Umgegend gesehen hätte und sie noch Hermine Barcken nach einer Montag abgeschickten dringenden Einladung erwarten. Ich weiß also vorläufig gar nicht, wann ich den alten Rhein verlaße, den ich mit jedem Tage lieber gewinne; so kann es vielleicht kommen, daß ich hier noch meinen Geburtstag feiern und dem Rhein meine Sehnsucht nach dem fernen Geliebten zuflüstern muß, der mich im vergangenen Jahr so unbeschreiblich glücklich durch seine Gegenwart machte. Heute über acht Tage könnte mir der Sperling wohl seine Flügel leihen, ich käme mir ein Jahr jünger, statt älter vor! Der Montag fing mit einem köstlichen Morgen an, der uns den raschen Entschluß faßen ließ, eine Tour an die Ahr zu unternehmen. Gesagt, gethan, um 9 Uhr saß Theodor, Hedwig, Auguste Stein, Helene Spiritus und ich in einem Einspänner, der uns bis Gelsdorf, 2 Stunden von Bonn entfernt fuhr. Deine Aenni war im Alpencostüme: graues Kleid und brauner || Hut, Plaid und Regenschirm. Der Weg führte abwechselnd zwischen Hochwald hindurch, abwechselnd durch blühende Wiesen mit der steten Aussicht auf das Siebengebirge zur Linken, vor uns die Landskrone, den höchsten Punkt der Ahrberge, rechts den Trommberg, eine malerische Ruine. Von Gelsdorf aus wurde die ganze weitere Tour zu Fuß zurückgelegt, zwar immer auf der Chaussee, wie aber wohl selten eine gelegen ist. Wir stiegen immer allmählich in die Höhe singend und plaudernd bis zu einem Walde, wo wir uns unter einer schönen deutschen Eiche lagerten, Butterbrod und Fleisch und Obst, das wir mitgebracht hatten, als Mittagbrod verspeisend. Die Sonne schien so lustig durch die Zweige hindurch, Alles so ruhig und still, daß wir gern noch länger geseßen hätten, wäre Altenahr uns nicht noch lockender erschienen. Frisch ging es weiter fort und mit jedem Schritt wurden die Berge höher und die Wiesen zu Seiten der Chaussee grüner und saftiger. Bei jeder Biegung ein neues Bild, ein neues Ach, das wir nach drei Stunden die Burguine oberhalb Altenahr, von mehreren wilden Felsen umgeben, vor uns liegen sahen, die mir gleich sehr wohl gefiel. Wir durchschritten das ärmliche Nest bis zum berühmten Gastwirth Caspari, wo man einfach und vortrefflich aufgehoben ist, nur leider nicht dicht an der Ahr wohnt. Nachdem wir uns an Kaffee und Butterbrod erquickt hatten, bestiegen wir die Ahrburg auf schattigem Wege. Der Blick von dem alten Gemäuer oben war sehr lohnend auf die wild sich umher aufthürmenden Felsen, zwischen denen die kleine, klare Ahr sich ihr Bett gewählt hat, und in den Schluchten hin und wieder die Menschen zu Wohnplätzen gelockt hat. Beinahe hätte unsere Gesellschaft eine unangenehme Verstärkung erhalten durch zwei Herrn, die unten in Altenahr Theodor von ihrer Rückreise erzählt hatten und nun plötzlich sich oben einfanden und sich als Herr von Wittgenstein, unangenehmer Bruder || Deines netten Freundes und Herr Frank aus Breslau vorstellten, mit deßen Schwester ich im Jahr 1856 viel in Karlsbad zusammengewesen war. Die Vermuthungen seiner Persönlichkeit hinsichtlich des Lorgnons wurden bald zur Gewißheit und durch Gleichgültigkeit und Ungezogenheit erreichten wir unsern Zweck, sie hinabsteigen zu sehen, während wir den höchsten Punkt erkletterten und lange die schöne Gegend im Umkreis betrachteten. Von halber Höhe gingen wir weiter auf dem Bergrücken nach dem sogenannten „Weißen Kreuz“ dem reichsten Aussichtspunkte bei Altenahr, wenigstens nach meiner Ansicht. Dicht vor uns die Ahrburg, hinter ihr und zu unserer Linken hohe, schroffe, kahle Felsen, zwischen denen die Ahr hindurch plätschert; wie anders zu diesem steinernen Chaos das liebliche Bild rechts; der steil zur Ahr abstürzende Fels, auf dem die Ahrburg liegt, dacht sich nach der andern Seite allmählich ab und ist bis obenhin mit Buchen geschmückt, deren frisches, saftiges Grün mich eher in den Mai, als September versetzten; an seinem Fuße im engen Thale liegt Altenahr, über dies weiter fort immer die Aar, von der Sonne silbern beschienen und als Hintergrund wieder auf hohem, bewaldeten Felsen Kreuzberg so malerisch gelegen, daß ich lebhafter, denn je meine ungeschickten Hände verwünschte. Bis zum anderen Morgen [?] nahm ich nach längerem Aufenthalt Abschied; und nun wanderten wir die Ahr entlang bis Kreuzberg, ein viel gewundener Weg, der in jedem Bogen ein neues Bild entfaltete, und die Ruine im schönsten Licht zeigte. Wir wurden sehr übermüthig und lustig, sangen ein Volkslied nach dem andern und freuten uns innig über die hübsche, kleine Reise; noch vor Altenahr am andern Ufer der Ahr erkletterten wir ein paar niedrige Felsen, hinter denen sich wieder ein neues Thal öffnete. Dann marschirten wir wieder über die Brücke nach Altenahr zurück, hindurch und weiter durch ein [!] Tunnel durch den Felsen, wodurch dem || Reisenden 3 Stunden schwerer Arbeit erspart werden. Natürlich bei jeder Biegung, entsteht ein Bild für sich, das dies Mal auch durch ein Haus, mitten auf der Wiese Leben erhielt. Von hier liegt auch die Ahrburg so einzig schön; wie groß war aber erst unser Erstaunen, als Hedwig und ich an die Ahr hinuntergingen, der Mond gerade über den Felsen stand und mir das hübsche Uhlandsche Lied entlockte: „Schon fängt es an zu dämmern, der Mond als Hirt erwacht“ etc. Langsam schritten wir wieder durch den Tunnel und wandten uns statt rechts nach Altenahr zu, an die Ahr links; bald auf schmalem, kleinen Fußweg, den die Felsen oder vielmehr das übermüthige Waßer gelaßen hatten, bald b von Stein zu Stein springend sich Bahn brechend; dabei hatten wir die schönsten Felsen vor uns: die Ahrburg, Teufelskanzel etc. Auf einem größeren Felsblocke machten wir Halt, sangen o sanctissima und den Kanon o wie wohl ist mir am Abend. Weiter, immer weiter lockte uns Fels und Fluß; erst als die Sterne am Himmel glänzten, kehrten wir um, da die Ahr keine Brücke hatte oder sonst überklettert werden konnte. Auf dem Rückweg zum Wirthshaus leuchtete uns der Mond, der liebe Freund, der ein zauberhaftes Licht über die graulila Felsen goß, leider nur zu kurz, dann war er hinter denselben verschwunden. Im Gasthof entdeckten wir oben in einem Zimmer ein Klavier, auf dem unsere lieben Volkslieder von Hedwig gespielt und uns anderen gesungen wurden und allerlei Unsinn getrieben wurde. Um 8 Uhr ging es zum Abendbrod hinunter und Forellen, Krebse, Krammetsvögel, köstlicher Ahrwein mundeten vortrefflich nach dem ganzen Tag im Freien. Wir plauderten mit den übrigen Gästen, dann gingen Helene Spiritus und Auguste Stein zu || Bett, während Hedwig und ich noch einen Spaziergang machten. Um 10 ½ Uhr wollten auch wir zu Bett, als uns gesagt wurde, um 11 Uhr werde ein Feuerwerk auf den Felsen abgebrannt werden zu Ehren von alten Gästen, die zu dieser Stunde ankommen würden. Ich eilte hinauf, c legte meine gepflückten Blumen ein, und war kaum mit fertig, als das Posthorn erklang, früher wie gewöhnlich, so daß das Feuerwerk nach der Mahlzeit kam, und sehr schön aussah. Die von einem Herrn Kemp sehnlichst erwarteten Gäste stiegen aus, unter ihnen auch Herr Brandes von hier, Theodor’s Freund, den unsere Gesellschaft hinausgelockt hatte und der den folgenden Tag unser Begleiter war. Nochmals wurde Deiner beim Glase Wein gedacht und dann vergebliche Schlafversuche gemacht; erst um 1 Uhr schlief ich ein und um 4 ½ Uhr war ich wieder da, wollte aber nicht grausam gegen die drei um mich her Schlafenden sein, und stand erst um 5 Uhr auf; nach und nach folgten die Andern. Ich räumte ihnen bald das Feld, ging über die Brücke an die Ahr hinunter und erkletterte von dort aus einen steilen, schroffen Felsen mit Hülfe der Hände und Füße, genoß an dem köstlichen Morgen einen wunderschönen Blick auf die Felsen, an denen die Morgennebel empor stiegen; dann zog ich Deinen lieben, letzten Brief vor, der von den wilden Felsen Capris erzählt, von aller Deiner Lust auf der glücklichen Insel, die nun schon weit hinter Dir liegt. Ich kann mir denken, wie Du geschwelgt hast in der malerischen Gegend; glaub‘ aber, Altenahr würde Dir auch Stoff für den Pinsel bieten; wir müßen später zusammen hin; es scheint mir wie geschaffen zu einem Paradiese für ein junges Ehepaar! ||

Donnerstag Morgen. In der ruhigen Morgenstunde will ich meinen Brief beendigen, damit er nicht den Anschluß in Marseille an das Dampfschiff verfehlt und hoffentlich mit dem letzten von mir zusammen recht, recht bald zu Dir gelangt. Auf den einsamen Felsen hatte ich Dich zuletzt geführt; nun mußt Du schon wieder hinunter und Dich mit mir über ein neues kleines frischgrünes Thal mit einem Hause darin freuen. Ich kletterte noch auf ein paar niedrigere Felsen und wollte meinen Gefühlen einen poetischen Ausdruck geben, kam aber nur zu den Worten:

Auf zerklüfteten Felsen, an rauschendem Fluß,

War ich einst so glücklich und heiter;

Mit war’s, als gäbst Du mir einen Kuß

Und seist mein lieber Begleiter.

Doch Du warst fern und ich allein

Auf Gottes weiten Fluren,

Es kennt der alte Vater Rhein

Vom Erni keine Spuren.

mich [!] faßte die Sehnsucht; eine Thräne trocknete ich;

Dann sang ich weiter:

Die Felsen winken mir zu bleiben;

Das Waßer zieht mich weit, weit fort.

Will man denn Scherze mit mir treiben

An diesem wild-romant’schen Ort?

Ich kehrte zurück nach Altenahr, von wo wir Alle zusammen außer Theodor, der noch schlief, einen Spaziergang machten. Dann wurde das Ränzel geschnürt; Kaffee und Butterbrod gegeßen, der mir selten so gut geschmeckt hat und um 9 Uhr waren wir wieder auf dem Wege zum weißen Kreuz, wo ich Dich so gern mit mir die schöne Gegend betrachten laßen hätte; || stattdeßen las ich Hedwig aus Deinem Brief vor, entfernt von den Übrigen und konnte mich gar nicht von dem netten Fleckchen trennen. Wiederholten Ermahnungen zum Aufbruch schenkten wir endlich Gehör und kletterten auf der andern Seite des Felsens zwischen Weinbergen an die Ahr hinunter. Die Chaussee führt dicht an ihren Ufern vorbei und ließ uns noch eine Zeit lang die Ruine und das Weiße Kreuz beim Wandern sichtbar; dann verschwanden auch sie und bei jedem Schritt öffneten sich neue Blicke. Bei Ewermannsheim sahen die Trauben, die bis hoch an den Felsen hinauf gebaut werden, uns so lockend an, daß wir das erste beste Haus bestürmten und mit einem Teller voll über eine kleine Brücke zogen und uns im Grünen lagerten. Bis Laach blieben wir auf der Chaussee, betraten sie dann aber nicht wieder; bei der Lochmühle wurde in einem kühlen Grunde gesungen und dann die Saffenburg erstiegen, von der wir ganz reizende Aussicht hatten, nach der einen Seite in das Ahrthal, nach der andern auf die Lochmühle, nach der dritten auf das Dorf Maischos von Felsen umkränzt, endlich nach der vierten Seite auf das Dorf Rech, der schönste Blick. Ganz im Grünen lag es am Berge hingestreckt, der bis Oben mit Buchlaub bekränzt war; die Ahr zog sich wie ein Silbergürtel an ihm vorbei; mit einer wahren Wonne gingen wir auf das Dorf zu auf schattigem Wege auf halber Höhe. Nun verließen wir nicht wieder die Ahr bis Walporzheim, die immer breiter im engen Thale von schmalen grünen Wiesenstreifen begrenzt zwischen den Bergen dahinrauschte. Die schöne klare Luft machte uns zu förmlichen Schnellläufern, die Sonne beleuchtete die malerischen Höhen || und Ortschaften, died von Zeit zu Zeit aus den Schluchten hervorblickten, so vortheilhaft, daß wir ganz begeistert waren; von drückender Hitze war trotz des schönen Tages keine Rede. Als ich mir tüchtig mein Kleid in den Brombeeren zerrißen hatte, die vortrefflich den Durst löschten, wurde unter einer Linde am Ufer gelagert, dann singend und jubelnd, immer neue Eindrücke sammelnd bis Walporzheim fort gewandert, das wir um 2 ½ Uhr erreichten. Im heiligen Peter erquickten wir uns durch Butterbrod mit Schinken und Eierkuchen und ließen Dich und alle Lieben in feurigem Walporzheimer leben. Hedwig, die diesen letzten, reizenden Weg vorgeschlagen hatte, dankte ich mit folgendem Toast: Unvergeßlich sei der Tag – Heute an der Ahr – Bringen wir den besten Dank – Drum der Hedwig dar. – Die den besten Weg gewiesen – An dem bilderreichen Fluß – Der vor Allem hoch gepriesen – Hoch für immer leben muß! Nach einer Stunde zog die muntere Gesellschaft weiter über Ahrweiler nach Heppingen. Die Felsen hörten auf, das Thal erweiterte sich bedeutend und die Landschaft nahm einen lieblicheren Ton an. In Heppingen wurde der Sauerbrunnen versucht; dann theilte sich die Gesellschaft; die eine Hälfte ging direkt nach Remagen; die andere bestieg die Landskrone, einen 300 Fuß hohen Basaltfelsen mit einer alten Ruine auf der Spitze. Natürlich war ich unter den Letzteren und für das mühsame, steile Klettern reichlich belohnt oben durch eine weite, klare Aussicht auf das Ahrthal, das Eifelgebirge mit Olbrück, einem malerischen Schloß und auf das geliebte Rheinthal mit dem Siebengebirge. Wir hielten uns sehr lange auf, mußten daher die übrige Strecke bis Remagen in Windeseile zurücklegen, was durch den schönen Eichwald nicht schwer wurde. Beim Hinaustritt ging gerade die Sonne unter und warf ihr roth-lila Licht auf das herrliche Rheinthal, das ich mit Jubel begrüßte, Rolandseck, Drachenfels etc. etc. Alles tauchte auf und schien sagen zu wollen, hier ist es doch auch schön. In Remagen besahen wir die neuerbaute Appolinariuskirche in gothischem Styl, die im Innern auch mit Oelgemälden geschmückt ist, unter denen einzelne herrliche waren; im Ganzen war es mir zu bunt. Der Blick von der Teraße des Klostergartens war zauberhaft; der Rhein erscheint wie ein großer Golf, der mich jetzt immer nach Neapel versetzt. Wir mußten noch 1 ½ Stunde auf das letzte Dampfschiff warten, stärkten uns in dieser Zeit durch eine Tasse Kaffee, und traten dann um 9 Uhr die Rückfahrt an, die beim köstlichen Mondlicht einen würdigen Beschluß der reizenden Ahrtour machte. Die silberne Brücke, die der Mond auf dem Waßer zu Dir hinüberschlug, rief mir das schöne Gedicht von Reinick ins Gedächtnis, das Du vielleicht gar nicht kennst:

Der laute Tag ist fortgezogen

Es kommt die stille Nacht herauf,

Und an dem weiten Himmelsbogen,

Da gehen tausend Sterne auf.

Und wo sich Erd und Himmel einen

In einem lichten Nebelband,

Beginnt der helle Mond zu scheinen

Mit mildem Glanz ins dunkle Land.

Da geht durch alle Welt ein Grüßen

Und schwebet hin von Land zu Land;

Das ist ein leises Liebesküßen,

Das Herz dem Herzen zugesandt,

Das im Gebete aufwärts steiget,

Wie gute Engel leicht beschwingt,

Das sich zum fernen Liebsten neiget

Und süße Schlummerlieder singt.

[dritte Strophe und erste zwei Zeilen der vierten Strophe um 90 Grad nach rechts gedreht geschrieben]

3

Und wie es durch die Lande dringet,

Da möchte Alles Bote sein;

Ein Vogel es dem andern singet

Und alle Bäume rauschen drein;

Und durch den Himmel geht ein Winken

Und auf der Erde nah und fern,

Die Ströme heben an zu blinken

Und Stern verkündet es dem Stern:

4

O Nacht, wo solche Geister wallen

Im Mondenschein auf lauer Luft

[folgende Gedichtverse kopfüber geschrieben]

O Nacht, wo solche Stimmen schallen

Durch lauter reinen Blüthenduft!

O Sommernacht so reich an Frieden,

So reich an stiller Himmelsruh:

Wie weit zwei Herzen auch geschieden,

Du führest sie einander zu.

[folgender Text wieder richtigherum geschrieben]

Wiederholt hat es zum Frühstück geläutet, ich muß ohnehin abbrechen; nimm meinen innigen Kuß, herzlieber Schatz, reise glücklich in Sicilien, und sei nicht tollkühn, sondern denk Deiner harrenden Braut. Grüße Allmers und Gott befohlen. Deine Aenni. ||

[Adresse um 90 Grad nach links gedreht]

Al Signore Dottore Ernesto Haeckel

p. adr: Signore Mueller

Hotel du Nord

Messina (Sicile)

via Marseille

a nach „Vater“ beginnend (versehentliche) Einfügung bis nach „Reiz“: vertikaler Strich über vier Zeilen – bei Worttrennung berücksichtigt – mit der Beischrift: „Das war Hedwig“; b gestr.: auf St; c gestr.: preßte; d eingef.: die

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
08-09-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Messina
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34468
ID
34468