Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Köln, 3. – 4. September 1859

Köln den 3. 9. 59.

Heute erhältst Du in Sicilien, mein lieber Herzensschatz, den ersten Gruß von Deiner Aenni aus ihrer Vaterstadt, wo sie in dem gemüthlichen Hause der Frau Nierstras geborene Boelling, beim prachtvollen Geläut der Domglocken mit Dir zu plaudern versucht und gerade nach vielen Kunstgenüßen mit besonderer Sehnsucht an Dich denkt. Gestern Morgen 9 Uhr sind Hermann, Gustchen und ich per Dampfschiff hierhergefahren, um Köln noch einmal gründlich zu genießen. Hermann wohnt bei Dünwegs, wir Beide haben die freundlichste Aufnahme bei einer anspruchslosen, einfachen und höchst comfortable gemüthlichen Kaufmannsfamilie gefunden. Die arme Gustchen füllt ihre Hauptzeit mit Zahnoperationen aus bei einem sehr geschickten, aber höchst unhumanen, groben Diener des Aesculap aus, während ich schwelge in Kunst. Gleich nach unserer Ankunft um 11 Uhr hörte ich erst sehr schöne Militärmusik auf dem Neumarkt, dem schönsten Platze Kölns, einem großen mit Bäumen bepflanzten Viereck, von dort durchstreifte ich die neueren Theile der engen, winkligen, dabei äußerst lebhaften Handelsstadt und brachte dann noch eine Stunde im Dom zu. Bald wanderten die Augen nach oben, um den majestätischen Säulenwald zu verfolgen, bald nach den Seiten zu den schönen Glasmalereien der Fenster, unter denen diejenigen der Neuzeit an Schönheit der Formen, namentlich der Gesichter den alten weit überlegen sind, während diese durch Lichteffecte und sanfte Farben einen bleibenderen Eindruck hinterlaßen; man muß Achtung vor der Entwickelung der Kunst bekommen und möchte doch den Geschmack des modernen Zeitalters an harten, brillanten auf den Effect berechneten Farben, modificirt haben; kommt Zeit – kommt Rath! Die einzelnen schönen Oelgemälde konnte ich auch noch einmal überblicken, dann auf die Eßenszeit nach Haus, die durch den Besuch des Moritz Boelling, Bruder der Tante Adele, sehr in die Länge gezogen und mit gemüthlichem Plaudern ausgefüllt wurde. Gleich nach dem || Eßen ging es am Dom vorbei zwischen Trümmern von Häusern hindurch, die dem Prachtbau weichen mußten, auf die neue großartige Rheinbrücke, von der ich Dir neulich schon geschrieben habe. Wir genoßen durch das Gitterwerk des hohen Rheinbezwingers eine schöne weite Aussicht und tranken drüben in Deutz in dem sogenannten Marienbildchen, einem Gasthof am Rhein gelegen, unsern Mocca. Bis 7 Uhr blieben wir dort sitzen und nicht müde konnte ich werden, dem bunten Getreibe der Schiffe und Menschen auf dem alten Rhein und der Schiffbrücke zuzusehen, immer den Dom und die Häusermaße Kölns vor uns. Zum Schluß des Tages suchte ich in Georgien noch das Haus auf, in dem ich geboren bin und das mir von Außen sehr wohl gefallen hat. Ein eigenes Gefühl bemächtigte sich meiner in dem Gedanken, wie viel glückliche Jahre hier die Eltern verlebt haben, von denen ich nichts genoßen habe, und nur aus Erzählungen kenne. Zu Haus trug mir der älteste, 13jährige Sohn die diesjährigen Faschingslieder im Kölnischen Dialekt höchst drollig vor; Abendbrod aß der Moritz Boelling wieder mit uns, der mir viel von seiner eben gemachten Fußreise durch den Schwarzwald erzählte. Ein wunderbares Mischmasch steckt in dieser echt rheinischen Natur: lebendiges Intereße an Kunst, Natur und Kultur und doch in Wesen, Ausdruck und Manieren Pedant und Philister, die durch den Grundcharacter der Gemüthlichkeit gemildert werden. Er, so wie die Anderen haben sich viel von Dir vorerzählen laßen müßen, denn weßen das Herz voll ist, deß geht der Mund über. Jedermann hört mir auch immer gern zu und hat Dich lieb, wer Dich auch nicht kennt, und wie selig ich darüber bin, brauche ich Dir nicht zu sagen, Du lieber, lieber Mensch. Spät ging ich in’s Schlafzimmer, spät schlief ich ein unter den Jammertönen des armen Gustchen, die viel Schmerzen in Folge eines ausgezogenen und gegrabenen Zahnes ausstand. Heute Morgen war ich 4 ½ Uhr wach; wagte aber nicht aufzustehen, um Gustchen nicht zu stören und ließ 1 Stunde lang meine || Gedanken ungestört nach dem Süden wandern, die ich gern zu Papier gebracht hätte. Um 5 ½ Uhr standen wir auf, frühstückten gut und con amore und gingen um 10 Uhr nach dem Gürzenich, dem großartigen Concertsaale, der zugleich zum Karneval benutzt wird. Das im gothischen Style gebaute Haus gewährt schon von Außen einen schönen Anblick, wie viel mehr innen die vielen, ein harmonisches Ganze bildenden, höchst gelungen ausgestalteten Räume, unter denen der große Concertsaal im Style eines mittelalterlichen Banquetsaales gewiß seines Gleichen sucht. Den schönsten Überblick bekommt man von den Gallerien, die rings um den Saal herumführen, der ganz von Eichensäulen getragen wird, an denen Malereien in mattem Grün, Blau, Roth und Gold angebracht sind und an den vorspringenden Säulendächern Karricaturen berühmter Persönlichkeiten, wie Ziller, Weber, der Bürgermeister etc; vor Allem amüsirte mich ein Pfaffengesicht, deßen Kirche an den Gürzenich stößt, was den Heiligen Vater so empört, daß er augenblicklich läuten läßt, sobald die schönen Töne Beethovens etc. in dem weiten Saale erklingen; zum Hohn haben sie ihm gegenüber eine scheußliche Teufelsfratze hingesetzt, die ihm höhnend die Zähne weis’t. Es wurde eifrig an der Vollendung des Saales gearbeitet, in dem am 3 Oktober dem Prinzregenten bei Gelegenheit der Eröffnung der Rheinbrücke ein Diner von 500 Personen gegeben werden soll. Schöner und einfacher, wenn auch nicht so großartig ist der daran stoßende kleinere Concertsaal, der nur mit sehr geschmackvollen Eichenschnitzereien, namentlich Meistern aus der klaßischen Hauptperiode Deutschlands, geschmückt ist. Daran stößt eine Reihe von großen, schönen Räumen, über deren Bestimmung man noch nicht einig ist. Während nach langem Hin- und hergehen ein Theil der Gesellschaft zu Haus ging, um zu frühstücken, machte ich mit der Louise Nierstras, der ältesten Tochter verschiedene Besorgungen, bei denen ich wieder mit neuen Stadttheilen der verbauten Stadt bekannt wurde. Vor Tisch besuchte ich noch Dünnwegs, die Bekannten von Bleeks und sah mir bei dieser Gelegenheit wieder das || Neue Museum im gothischen Styl an. Nach Tisch besuchte ich mit der Louise den Moritz Boelling, deßen Frau verheirathet ist, der uns mit Kaffee und Weintrauben regalirte. Bei Nierstras mußten wir um 5 ½ Uhr noch einmal Kaffee trinken und blieben dann plaudernd bis 7 Uhr bei einander. Um diese Stunde besuchten Tante Adele, Louise und ich den achten Maria Farina, machten einen sehr schönen Spaziergang am Rhein und hatten auf dem Rückweg den Hochgenuß, den Dom erleuchtet zu sehen zu Ehren einer Menge Beichtender, die unter fortwährendem ergreifendem Gesang (hätten nur die Chorknaben nicht so schrillend gebrüllt) ihre Geheimniße auskramten. Die matten grauen Säulen und die von ihnen gebildeten schönen Kuppeln machen einen tiefen, erbaulichen Eindruck auf mich. Zu Haus angekommen, habe ich Dir die Erlebniße der beiden letzten Tage ausgekramt, an die sich der Anfang der Woche anschließen muß. Leider habe ich in dieser Woche täglich vergebens einen Brief von Dir erwartet, den sie mir hierher nachschicken wollten; wer weiß, was der morgende [!] Sonntag bringt! Heute vor acht Tagen machten wir nach dem Kaffee, den Frau Arndt mit uns trank, einen köstlichen Spaziergang nach der Keßenicher Schanze, von der der Blick auf Rhein, Siebengebirge, Bonn, eine üppige Bergwand im Vordergrund, am Fuße mit reichen Ortschaften im grünen gelegen, mit Recht von Humboldt als eine der schönsten Aussichtspunkte in Europa bezeichnet wird. Hin über die bewaldete Höhe, kehrten wir durch das Dorf Keßenich zurück, wo schon ein toller Lärm als Vorfeier der morgenden Kirmeß herrschte. Sonntag Morgen ging ich mit Hedwig nach der Frühkirche auf den „Alten Zoll“, um uns recht satt zu sehen an dem malerischen Gebirge, nicht ahnend, daß wir Nachmittags noch hinein sollten. Von 11 ½ – 1 Uhr machten wir Beide mit der Marie einen Spaziergang außerhalb des Thores und Nachmittags machten Hedwig und ich mit Hoffmeisters eine schöne Tour nach dem Drachenfels, von dem ich Dir morgen erzählen will; für heute gute Nacht; Mitternacht ist da. ||

Sonntag Morgen 5 Uhr den 4. 9. 59.

Guten Morgen, lieber Erni, ich bin wieder bei Dir, wenn auch nur auf kurze Zeit; ich bekomme hier in Köln kein feineres Papier und muß mich also mit zwei Blättchen begnügen. Vielleicht bist Du auch schon wach und begrüßt den kaum anbrechenden Tag aus Deiner schönen Loggia, die wieder lange hinter Dir liegt, wenn dieser Brief Dich erreicht. Heute vor acht Tagen Nachmittags 2 Uhr fuhren Hedwig und ich mit Frau Hoffmeister, ihren beiden Töchtern und dem Mann der Einen, dem Kaufmann Kochan aus Berlin nach Königswinter; das Wetter war leider nicht zum Besten; der Regen, der sich um 1 Uhr eingestellt hatte, wiederholte sich unterwegs, hörte aber beim Landen auf. Die erste steilste Strecke des Weges zum Drachenfels, immer die schöne Aussicht auf den Rhein und Bonn zur rechten Seite erkletterten wir ohne Regen und der herrlichsten Luft; bald fing es aber wieder an zu regnen und so heftig, daß wir in ein kleines Weinberghaus flüchteten und bei 57 ger den Schauer abwarteten. Hurtig ging es dann bis zur Höhe, nicht bis zur äußersten Spitze: der Ruine weiter, wo wir Dank des trüben Wetters eine sehr günstige Beleuchtung hatten. Zu unserer Linken sahen wir in das Gebirge hinein, die schönen Schluchten mit den frischgrünen Wiesen zwischen Löwenburg und Wolkenburg, die auf dem Wege zur ersteren damals mich schon so entzückt hatten. Weiter rechts schloß sich daran das Rheinthal an, in dem Hohnef, Rhöndorf zwischen grünen Bäumen sich wie ein großer Garten ausbreiteten. Der Rhein selbst spiegelte in seinem blauen Spiegel die Inseln Nonnenwerth und Rheingraf, über die sich auf der anderen Seite der Rolandsbogen kühn wölbte; die höchsten Punkte der Eifel sah man am Horizont klar liegen und stromaufwärts, da wo der Rhein einen schönen Bogen macht, lag Unkel wie eine Perle im Schmuckkästchen. Diese lieblichen Bilder sahen wir in den verschiedensten Beleuchtungen bei abwechselndem Sonnenschein und Regen, unter einer bedeckten Halle Kaffee trinkend, zu denen oben auf der Ruine ein neues nicht minder anziehendes nach der anderen Seite auf Bonn, Köln hinzukam. Auf ein verfallenes Burgfenster setzte ich mich hin, verfolgte die Doppelbiegung des jetzt leicht grau erscheinenden Rheins mit Städten und Dörfern an den Ufern wechselnd; gerade unter mir erhoben sich zähneartig spitze Felszacken mit dem üppigsten Grün durch- und bewachsen; mit Freuden hätte ich vor Zeiten Prinzeßin sein mögen oder Burgfräulein, um Tagelang [!] an diesem schönen [Anblick]a mich zu ergötzen. Gegen 6 ½ Uhr stiegen wir sehr schnell hinunter, wobei das Auge stets [in]b Thätigkeit erhalten wurde, fuhren um 7 Uhr wieder von Königswinter per Dampfschiff nach [Bonn]c zurück und konnten beim Abendbrod dem großen Bleekschen Familienkreise, in dem ich mich sehr wohl fühle, unsere Genüße erzählen. Montag Morgen wurde Wäsche gelegt; Nachmittag wurde ein Spaziergang nach Poppelsdorf d gemacht, von dem zurückgekehrt Frau Bluhme mir feierlichst einen Besuch machte. Dienstag war Plätte; Nachmittag hatten wir Besuch von den Ostermannschen Mädchen; gegen 6 Uhr zur Theestunde besuchten Tante Auguste, Hedwig, Philipp, Theodor und ich Franks in ihrer schönen Besitzung, die Donnerstag Morgen nach der Bergstraße zu einer Traubenkur abgereis’t sind. Anfangs saßen wir im Garten und schwelgten in der schönen Aussicht auf Rhein und Siebengebirge; im Haus spielte Malchen auf einem schönen Evardschen Flügel köstliche Fugen von Bach und das Adagio aus der Pathetik vor; ich muß aber sagen, unsern Wiener Flügel ziehe ich dem Pariser vor. Mittwoch erhielt ich einen Brief von Deinen Eltern mit guten Nachrichten und den an sie gerichteten lieben Zeilen von Dir: eine Einlage in Karl’s Brief, die noch einmal die Schauer der Nacht auf dem Vesuv schildern. Dieser Brief war in dieser Woche das Einzige, was ich von Dir gehört habe. Nachmittag tranken wir Kaffee bei Ostermanns, wobei Frau Kochan mit weicher, voller Sopranstimme schöne Lieder vortrug, unter denen Chamisso’s Frauenliebe und Leben von Schumann componirt, den mächtigsten Wiederhall [!] in mir fanden. Donnerstag Morgen, anstatt wie an den andern Tagen im Rhein zu baden, machte ich von 6 – 9 Uhr mit Hermann einen doppelt genußreichen Spaziergang über die Keßenicher Schanze mit den bekannten, duftigen Bildern nach der Dottendorfer Höhe, wo ich meine, die seltene Erica gefunden zu haben, die leider schon halb verblüht ist. Ich wollte Dir von den getrockneten Exemplaren als kleine Freude zum 14ten, wo wir die Trennung wieder unendlich schwer empfinden werden, mitschicken, möchte aber nicht mit dem Abschicken des Briefes bis Morgen früh in Bonn warten, wohin ich erst heute Abend spät zurückkehre, damit er am 14 sicher bei Dir ist und Dich viel, viel 1000 mal von Deiner Aenni grüßen kann; laß uns in der Erinnerung noch einmal den Geburtstag des vorigen Jahres feiern, wo unser Geheimniß in die Welt schlüpfte und Deine Aenni ganz überschüttet wurde mit Liebe und Liebesbeweisen, die ich gar nicht verdiente. Damals sah der grüne Wald, der lachende See bei Korswant zwei glückliche Gesichter, die es heute sind und immer sein werden, nicht wahr Du lieber Herzensmensch? || Sollte der Brief auch zu schwer werden, lieber Schatz, kann ich doch unmöglich abbrechen und schütze ich den 14 als Entschuldigung vor. Die Beleuchtung am Donnerstag Morgen bei etwas bedecktem Himmel war sehr günstig; wie habe ich mich da in die Zukunft geträumt, wenn ich an Deiner Seite an einem schönen Morgen in der Natur umherwandere und Blumen suche, lieber Herzensschatz. Hermann und ich hatten die größte Lust bis Godesberg zu marschiren, deßen Ruine uns freundlich aus dem frischen Grün entgegen winkte; allein da zu Haus, wo Alles noch geschlafen hatte, e Niemand etwas über uns wußte, kehrten wir auf reizenden Umwegen heim, auf denen wir auf einen wilden Waldbach stießen, der zwischen Felsengeröll und Farrnkräutern dahinfloß. Vortrefflich mundete um 9 Uhr das Frühstück, zu dem sich ein Brief von Bertha vorfand, alte Briefe von Dir einschließend, die Karl nach Steinspring nachgeschickt worden waren, von wo er jetzt wieder nach Freienwalde zurückgekehrt ist. Bertha schreibt glücklich über Mann und Kinder, ängstigt sich aber etwas in dem Gedanken, vielleicht nach Lutthauen versetzt zu werden, worüber Mutter gewiß auch außer sich sein würde. Im Laufe des Tages erhielt ich auch von Letzterer einen Brief, worin sie mich im September zurück wünscht, erst soll ich aber noch nach Westphalen 14 Tage, auf die ich mich sehr freue; wann ich Bonn verlaße, kann ich Dir gar nicht sagen, da Hermine Bercken sich immer noch nicht eingefunden hat und ich erst Antwort von ihrer Mutter erwarte, ob sie überhaupt noch Bonn berührt. Sonst weiß ich gar nicht, wo ich den 14 zubringen werde und wo Du mich zu suchen hast, wäre das Plätzchen an Deinem Herzen nicht sicher, wohin mich an diesem Tage so heiß verlangen wird. Heute wird der kleine, zarte Junge, der jetzt tüchtig bei der Amme trinkt, und sich von dem gesunden Landmädchen Kräfte holen wird, in Heringsdorf getauft, wozu Helene mich gern dort gehabt hätte, die sich wieder sehr erholt hat. Donnerstag || Nachmittag besuchte mich Frau von Grolmann, die früher in Posen viel mit ihr verkehrt hat; nach dem Kaffee besuchten wir das Museum im Poppelsdorfer Schloß, das viel zu reichhaltig und intereßant ist, um in 2 Stunden (um 7 Uhr ist es ja jetzt schon dunkel) durchgesehen werden zu können. Ich denke noch einmal herzukommen, um die zoologisch-anatomischen Sääle genauer sehen zu können, in denen ich bei flüchtigem Überblick viel Sachen von Milne Edwards erblickt habe. Gründlich habe ich nur den ersten Saal gesehen, wo sehr gute Reliefs von den verschiedensten Gegenden mich sehr feßelten. Ein großes vom Rhein von Mainz bis Koblenz zeigte einzelne wildromantische Thäler so lockend, daß ich gar gern hineingedrungen wäre; eine frühere Tour von Mainz über den Niederwald konnte ich genau verfolgen, wie auch die Harzreise vor zwei Jahren mit Onkel Julius auf einem anderen Relief; ferner entzückte mich natürlich vorzugsweise eine sehr gelungene Ansicht vom Vesuv, auf dem man jeden einzelnen Lavafluß unterscheiden konnte und ein großes Stück vom Golf von Neapel übersehen konnte. Noch mehrere Reliefe von schönen Gegenden der Erde weckten die immerhin starke Reiselust sehr, die bei Dir gewiß wieder auf eine harte Probe gestellt werden wird, wenn Du von der Expedition der Thetis hörst, die nun wirklich im Oktober nach Japan unternommen wird und an der außer Ehrenberg und Dove auch Martens Theil nehmen wird, worüber Du Dich gewiß freuen wirst, wenn auch etwas Neid dabei erwacht. Laß Dir das Deine Freude an Deiner italienischen Reise nur nicht schmälern, die Dir schon so hohe Genüße gebracht hat und noch reich darin sein wird, und Dir vielleicht für Dein Leben und Deine Erfahrungen ebenso günstig sind, wie es die dreijährige Reise auf der Thetis sein würde. Unendlich schwer würde es mir doch werden, erst in 2 ½ Jahren dich wiedersehen zu können, die 5 – 6 Monate werden noch lang genug werden. Bleib frisch, fröhlich und gesund und denke bei der Besteigung des Aetna und sonstigen gefahrvollen Touren an Deine treue Aenni besonders, die Dich innig küßt.

[auf dem Kopf stehend am Seitenanfang dazu notiert]

Herzlichen Gruß an Allmers, der Dir den 14 feiern helfen muß. ||

[Adresse um 90 Grad nach rechts gedreht]

Al Signore Dottore Ernesto Haeckel

p. adr: Signore Mueller

Hotel du Nord

Messine (Sicile).

via Marseille

a Papierausriss; Text sinngemäß ergänzt; b Papierausriss; Text sinngemäß ergänzt; c Papierausriss; Text sinngemäß ergänzt; d gestr.: zu; e gestr.: und

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
04-09-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Messina
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34467
ID
34467