Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Bonn, 26. August 1859

Bonn den 26. 8. 59.

Guten Morgen, lieber Herzensschatz; mein Erstes heute Morgen, während Alles schläft und ich im Garten unter dem Eschenbaum den Wind um mich spielen laße, soll tausend Dank für Dich sein für den lieben, lieben Brief, den ich gestern Morgen mit so inniger Freude und tiefem Gefühl empfing, daß Thränen ihr Bahn brechen wollten; Deine Aenni ließ sie aber nicht hervorkommen und Deine warmen Zeilen sorgten für beßere Beschäftigung der Augen. Welch idealisch reizendes, phantasie- und zaubervolles Leben führst Du Urmensch, in dem Wollen und Vollbringen in sonst nur geträumter Harmonie verschmelzen. Mir ist nach Deinem gestrigen Briefe zu Muthe, als hätte ich ein schönes Gedicht gelesen oder eine tief ergreifende Musik gehört; alle Gefühlsnerven sind in Bewegung, um den Duft des ewig blauen Meeres, der wilden, romantischen Felsen und des genialen Stilllebens, das Du dort führst, einzufangen. Weißt Du, daß ich ganz froh bin, daß die Thierchen das Meer um Capri verlaßen haben, und Du der lieben Mutter Natur auf dem Gebiete der Kunst dienen kannst, mit dem Pinsel versuchst Deiner Aenni einen lebendigen Eindruck der hohen Genüße, die Dir zu Theil werden, hervorzurufen und Dir selbst unvergeßliche Gedenkblätter zu schaffen an die schönen Tage in Italien, die ich Dir von Herzen gönne, wenn auch nicht verlängern möchte. Das einfache Volk und Leben auf Capri und das dadurch ungenirte und weder durch Verpflichtungen noch andere Rücksichten eingezwängte Leben von Deiner und der anderen Künstler Seite ist höchst verlockend und für ein Ehepaar ein willkommenes Paradies, das mich im Wachen und Träumen beschäftigt. Vielleicht lerne ich es auch an italienischer Küste noch kennen, von seiner einen Seite, was Menschen mit Herz und Sinnen dazu beitragen können, ganz gewiß, || mag es nun sein, wo es wolle. Dein Stübchen mit der Loggia und der prächtigen Aussicht ist mir ganz heimisch. Wie angenehm, daß Du außer Allmers in den Herrn von Bock und Köhler wieder liebenswürdige Menschen gefunden hast, im Gegentheil möchte der gewißermaßen nothwendige Verkehr auf der unbesuchten Insel mit ihnen eine Last werden. Räthselhaft erscheint es mir fast, daß Fremde und Einheimische dies glückliche Eiland nicht zu einem längeren Aufenthalt wählen, wo Du so glücklich und zufrieden bist. Die Trennung wird Dir wieder schwer werden, trotzdem neue Reize und Genüße in Sicilien Deiner warten, nach dem Du bald nach Empfang dieses Briefes aufbrechen wirst; wenigstens wenn er, wie die vom 2 und 7 10 Tage geht, was mir auch unbegreiflich ist. Ich habe Dir heute noch viel vorzuplaudern vom vorgestrigen Tage, den ich ganz und gar in meiner geliebten Natur im schönen Siebengebirge zubrachte und sehr glücklich und vergnügt war. Lavines, Bekannte von Bleecks hatten uns eingeladen zu einer Partie auf die Löwenburg, die nächst dem Oelberge höchste Spitze des Siebengebirges. Theodor, Johannes, Hedwig und ich fanden uns also 8 Uhr Morgens am Bollwerk ein, um in einer großen Gesellschaft per Dampfschiff an Oberkaßel, Plittersdorf etc. vorbei nach Königswinter zu fahren, von wo aus wir den Berg erstiegen. Die vielen Menschen störten mich nicht in meiner Naturfreude, da ich nur mit 6 sehr lieben, gleichgesinnten Menschen bis auf die Mahlzeiten zusammen war und was ich erzähle, wie ich die Zeit zugebracht habe, betrifft immer Malchen Frank, Hedwig, Rose Lavine, Theodor, Herr [sic] Brandes und Herrn Frank mit, ein jüngerer Bruder von Fritza, frischer, natürlicher Mensch. In Königswinter wurde Brod und Obst eingekauft und dann rüstig fortwärts geschritten. Der starke Nebel, der beim Abfahren von Bonn das Gebirge fast verhüllte, wich || immer mehr und ließ die schön geformten Höhen hervortreten, unter denen Drachenfels und Wolkenburg sich uns auf dem ganzen Wege von den verschiedensten Seiten durch die Bäume und Wiesenpartien im Vordergrund, immer malerisch, wild romantisch sich zeigten. Dabei ist der Weg an und für sich reizend; frische grüne Wiesen, von denen ich Krocus mit heimgebracht habe, wechseln mit Waldpartien von Buchen und Eichen ab, zwischen denen der Wanderer in einer kleinen Schlucht, einen Waldbach zur Seite hingeht. Rechts und links erheben sich die Berge, die aber durch den schönen Vordergrund durchaus nichts Einengendes haben. Hätte ich nur Zeichnen können, ich würde Dir ein Bildchen vom Drachenfels entworfen haben, der immer malerisch aus den grünen Bäumen hervortrat. Halbwegs nach 1 ½ Stunden lagerten wir uns an einem kleinen Abhang und Angesichts des Drachenfelsens, der Wolkenburg und des Peter- und Lorberges, sammelten wir in Brod, Fleisch und Obst neue Kräfte zum Weitersteigen. Das letzte Ende war steiler und die Sonne an den lichten Stellen unerträglich; allein in schöner Umgebung vergißt man all die kleinen Unannehmlichkeiten und hat ein Gefühl für die schroffen, wilden Berge mit den freundlichen Abhängen und saftigen Wiesen, nur hie und da durch Felsgeröll unterbrochen, das die zarten Farrenkräuter zu ihrem Wohnsitz auserkoren haben. ¼ Stunde unterhalb der höchsten Spitze mit den Trümmern einer alten Ritterburg, machten wir Halt in einem Forsthaus, oder vielmehr dicht dahinter unter schönen großen Buchen, die unsern Heringsdorfern aber lange nicht gleich kommen. Wir lagerten uns ein Stück in den Wald hinein, nachdem ich meinem Finger einen Papp gekocht hatte, und sangen und plauderten zusammen, || bis zu Mittag gerufen wurde, das an Tischen unter den Buchen sehr vergnügt eingenommen wurde, wobei einer der ersten Toaste auf Dich und mich daneben war. Die Menschen sind mir hier Alle sehr gut und laßen sich gern von Dir erzählen. Einen Eichkranz, den man mir gemacht hatte, mußte ich aufsetzen. Nach dem Eßen erkletterte der größte Theil der Gesellschaft die Löwenburg; wir 7 breiteten zwei Plaids unter das dichte Buchlaubdach aus und schliefen köstlich; ich wenigstens so fest, daß man mir nacherzählte, ich habe sehr lebhaft deutsch und italienisch um Traum gesprochen von schönen Blumen, die Du mir geben solltest, woraus Du siehst, wie sehr die schöne Umgebung meine Sinne feßelte. Dann stiegen wir die steile Spitze hinauf, hatten aber leider oben keine klare Aussicht; jedenfalls bekam ich einen Totaleindruck von der wilden und zugleich lieblichen Landschaft; rechts Oelberg, Petersberg, Wolkenburg, Drachenfels vor mir, links das Vorgebirge und die Ausläufer des Siebengebirges, im Vordergrund der schön geschwungene Rhein mit dem reich bebauten Gau, auf dem Dampfschiffe hin und her fuhren. Nach der entgegengesetzten Seite hatte ich einen klareren Blick auf die nicht minder malerische Hochebene; freundliche Ortschaften zwischen bunten Feldern und Waldungen, die sich namentlich in den roth-lila Tönen der abendlichen Beleuchtung, als wir um 7 Uhr den Rückweg antraten, wunderbar schön machte. Der Rückweg war reizend in jeder Art; die schönen Bergkuppen in grau-lila Farbe von der prachtvoll untergehenden Sonne rosa beleuchtet immer vor uns, die Luft abgekühlt und die himmlische Ruhe in der Natur, ich war ganz selig und die 6 auch; die Sehnsucht nach Dir war der einzige und doch liebe Mißton. Volkslieder singend und Blumen sammelnd, die heute auf dem Tische prangen, kamen wir um 8 ½ nach Königswinter, wo uns das Dampfschiff noch eine Stunde warten ließ, so daß wir erst 10 ½ Uhr zu Haus von dem herrlichen Tage erzählen konnten. ||

Sonnabend Morgen. Der eine Tag hat viel Platz fortgenommen, mein lieber Erni, da werde ich mit den anderen kurz sein müßen, um so mehr, da ein Blatt von den Eltern mitfolgt, das sie mir am Mittwoch schickten. Wieder hat die liebe Alte einen kleinen Krampfanfall gehabt, der wohl ein immer neuer Beweis ist, wie tief das Uebel steckt; zu meiner Beruhigung legt Quincke gar keinen Werth darauf, nur sieht sie dann immer gleich schwarz. Ich freue mich, daß sie ein beßeres Quartier haben und hoffe, Teplitz wird sich in der Folge bewähren. Sonntag Morgen nach der Kirche schrieb ich an Deinem Brief, konnte aber leider kein Plätzchen für mich allein auskundschaften und wurde oft gestört. Später arrangirte ich ein Körbchen voll der reizendsten Blumen und trug es mit Hedwig zur Rose Lavine, deren Geburtstag war, und am Mittwoch mit der Partie nach der Löwenburg gefeiert wurde. Nach dem Eßen siegelte ich Deinen Brief und trug ihn nach der Post. Nach dem Kaffee spielte ich zum ersten Mal hier b Boccia, nicht mit solchem Eifer und Feuer, wie in Heringsdorf, da die Kugeln hier leicht und klein sind. Gegen Abend versuchte ich zum ersten Mal, Klavier zu spielen, was nicht recht gehen wollte, und zwar mit Hedwig zusammen den Hochzeitsmarsch, den ich so oft mit Dir gespielt habe. Manch glückliche Minute zauberte jeder Ton mir in’s Gedächtnis zurück, wo Du lieber Schatz an meiner Seite saß’st. Ich lernte am Abend einen neuen Vetter, einen Voswinkel aus Dinslaken kennen. Montag Morgen ging wegen Wäsche in häuslichen Geschäften auf. Nachmittag war Adele Nierstras, Schwester von Tante Emma Scheller mit ihrer ältesten Tochter hier, die wir um 6 ½ Uhr an’s Dampfschiff brachten und dann noch einen Spaziergang am Rhein entlang machten, der jetzt immer schönstem Hoffnungsgrün prangt [!]. Dienstag c wollen wir streichen, Philipp mußte noch ein paar tiefe Einschnitte in den Finger thun, um mit Erfolg etwas Eiter, [der] sich in der Nähe des Knochens versteckt hatte, herauszubringend, was mir viel Schmerzen und Blut in Strömen kostete. Ich fühlte, daß ich Nerven hatte, zu deren Beruhigung endlich ein lang ersehnter Brief von Mutter aus Heringsdorf ankam, wonach es Helene gut geht, die wieder aufgestanden ist; aber für das kleine, nicht fertig entwickelte Wurm sind sie sehr in Sorge; es bekommt Helene’s Milch mit Fenchelthee löffelweis ein und liegt in Watte gewickelt zwischen zwei Wärmflaschen. Wollte der liebe Gott es ihnen doch erhalten. Ein paar köstliche Schlafstunden in der Nacht erquickten mich so, daß ich anderen Morgens nach der Löwenburg mit aufbrechen konnte. Donnerstag Morgen wurde eifrig Bohnen geschnitten, wobei Hermann aus dem Lorenz Stark vorlas. Nachmittag war ich mit Tante Auguste, Marie und Gustchen bei der Frau Bluhme, wo ich mit Frau Arndt und einer jungen Profeßor Ritschel ein paar angenehme, gemüthliche Stunden in einem prächtigen Garten am Rhein verplauderten [!]. Philipp, Theodor, Johannes holten uns ab; Abends waren Franks bei uns: Georg, Karl, Louise und Malchen, die sehr hübsch musicirten, namentlich ein paar köstliche Mendelssohnsche Duetts sangen, die mich sehr sehnsüchtig und melancholisch stimmten. Wir gaben, d. h. Hedwig, Theodor, Johannes und ich, gaben ihnen in der schönen Sommernacht das Geleit. Der jüngste Georg war selig, am anderen Morgen nach der Schweiz aufzubrechen. Wir schnitten gestern Morgen die letzten Bohnen, zur Belohnung las ich zum 4ten Mal Deinen letzten, herzigen Brief, den ich gleich nach Tisch an Tante Bertha beförderte, die seit meiner Abreise keinen Brief mehr von Dir gesehen hat, mit der Bitte, ihn gleich nach Teplitz weiterzuschicken. Wir hatten Donnerstag Briefe von ihr, wonach es ihr gut geht, was Georg Reimer, der gestern auf der Durchreise nach Koblenz mit seinem Schwager Hirzel zusammen hier war, bestätigte. Nach dem Kaffee schrieb ich an Mutter und saß dann mit Marie im Garten. Um 8 Uhr, nachdem es sich etwas abgekühlt hatte, schwelgten wir bei Brandes im Garten in Reineclauden, die Herr Karl uns schüttelte; der Abend im Garten war herrlich nach dem heißen Tag, Alles heiter und harmlos vergnügt. Ach lieber Schatz, ich soll schon wieder schließen und möchte noch gern mit Dir plaudern. Träume weiter auf Deinem reizenden Capri, Deine Aenni träumt mit und grüßt sammt allen Bleeks und Mutter Dich 1000 mal. ||

[Adresse um 90 Grad nach links gedreht]

Al Signore Dottore Ernesto Haeckel.

p. ad. Signore Ernesto Berncastel.

Farmacia Prussiana.

Largo S. Francesco di Paola No 7.

Napoli (Italia)

via Marseille.

a eingef.: Bruder von Fritz; b gestr.: mit; c gestr.: Vormittag; d korr. aus: herausbringen

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
26-08-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Neapel
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34465
ID
34465