Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Bonn, 19.21. August 1859

Bonn 19. 8. 59.

Guten Morgen, liebster Erni, ich habe Dir in diesem Brief so viel von meinen schönen Kunst- und Naturgenüßen zu erzählen, daß ich früh anfangen muß, um zum richtigen Termin fertig zu werden. Bis Sonntag weißt Du meine Erlebniße oder wirst sie wißen aus dem an Binz mitgegebenen Brief. Montag Vormittag wurde eifrig Wäsche gelegt von 6 weiblichen Wesen, unter denen Deine Aenni sich auch befand. Nach dem Mittagbrod pflückten wir Hagebutten und präparirten sie zum Einmachen, eine sehr unangenehme Arbeit, die wir uns durch Singen zu erleichtern suchten. Kaffee tranken Hedwig und ich bei einer ihrer Freundinnen Pauline Hoffmeistera mit der und noch einer Freundinn [!] der Hedwig: Rose Lavine, einer geborenen Engländerin, die mir ihres natürlichen, schlichten Wesens [wegen] sehr gefallen hat, wir einen sehr angenehmen Nachmittag verplauderten. Abwechselnd wurde von den drei Mädchen sehr hübsch Klavier gespielt, unter anderem die schöne As dur Sonate von Beethoven, wobei ich wegen des Fingers nur zuhören konnte. Leider regnete es fortwährend, so daß wir statt im Garten, (sie wohnen in der Koblenzerstraße) den Rhein und das Siebengebirge stets vor uns habend, im Zimmer bleiben mußten. Ehe wir fortgingen, durchwanderten wir doch noch den Garten und warfen einen Blick auf das nebelige Gebirge und den unruhigen Fluß. Zu Haus machte das Wetter auch großes Kopfbrechen wegen einer am Dienstag beabsichtigten Tour nach Köln, für die wir schon zu Mittag bei Bekannten von Bleeks, Dünwegs angemeldet waren. Unter vielfachen Zweifeln und Bedenken wurden die komischsten Vorschläge gemacht, worüber wir in sehr übermüthige, heitere Stimmung geriethen. || Am anderen Morgen fuhr denn Hedwig mit einer der jungen Mädchen: Auguste Stein wegen einer Zahnconsultation per Eisenbahn um 8 Uhr nach Köln, während wir mit dem Dampfschiff um 9 Uhr nachfolgten, d. h. Mrs und Miss Anderson, Helene Spiritus, Johannes und ich. Anfangs erfreute ich mich noch am Siebengebirge, als dieses aber auch den Blicken entschwand und die Ufer sehr eintönig und langweilig wurden, zog ich den Lewes vor und half ihm in Jersey Mollusken aller Art suchen und verstehen lernen, bis wir um 11 Uhr in Köln landeten. Vorher legte es in Deutz an und beim Herüberfahren konnten wir prächtig die große, neue Rheinbrücke übersehen, die sich besonders gut machte, da mehrere Kähne der Schiffbrücke weggefahren waren, um Schiffe durchzulaßen. Am Ufer erwarteten uns Fräulein Dünweg, die uns den ganzen Tag begleitete, Hedwig und Auguste und nachdem wir uns auf dem Markt durch Obst und in einem Bäckerladen durch Brödchen gestärkt hatten, gingen wir sofort in den Dom, der einen großartigen, bleibenden Eindruck in mir zurückgelaßen hat. Die schön gearbeiteten, schlanken, hohen Säulen in ihrer einfachen grauen Farbe zogen mich ungemein an und versetzten mich in eine ganz feierliche Stimmung. Wir betraten vom Südportal aus zunächst das in der Mitte gelegene Hauptchor, das jetzt noch durch eine als Stütze dienende Wand von der Kirche getrennt ist, die binnen 2 Jahren aber weg genommen werden kann. Schöngeschnitzte Eichensitze an beiden Seiten kosteten auch Zeit, mehr zog mich aber der schöne schlanke Säulenwald an, der in unendlicher Höhe in einer schönen Kuppel endigte, rings von bunten, sehr matt gehaltenen Glasfenstern unterbrochen, die ein weiches, geheimnißvolles Licht in das Innere des || Chors warfen. In den Seitenkapellen intereßirte mich sehr der ursprüngliche Grundriß, der 44 wieder aufgefunden ist, wonach noch viele, viele Jahre vergehen werden, ehe das Wundergebäude fertig sein wird, wozu jedoch die Arbeiten in den letzten Jahren vollkommen berechtigen. Zwei schöne Oelgemälde feßelten mich noch lange, das sogenannte Dombild: die Anbetung der heiligen drei Könige darstellend, ist reich an schönen Männer- und Frauenköpfen, namentlich letzteren, die mit einem Liebreiz ausgestattet waren, wie ich es selten gesehen habe, dann ein großes Oelgemälde von der Himmelfahrt der Maria, die im Aether schwebend, weder schön noch mir glaublich erscheint, dagegen unter ihr auf Wolken sind unter den verstorbenen Heroen aus der biblischen Geschichte, herrliche Gestalten, namentlich Adam und Eva, die mir sehr gefielen. Nun ging es die enge Wendeltreppe hinauf; je höher wir stiegen, desto mehr trieb es mich aus mir heraus in den blauen Aether, höher immer höher; dies Gefühl riefen die schlanken, hohen Säulen [hervor], die in den schönsten Harmonien das gewaltige Gebäude tragen, und das mich auch früher bei den Nürnberger Kirchen und beim Bamberger Dom ergriff. Beim ersten Haltepunkt führt eine enge Gallerie um das Hauptschiff herum, von der aus wir tief in den Säulenwald hineinsahen und die Glasmalereien des Hauptschiffs bewundern konnten. Höher hinauf hatten wir Gelegenheit die feine, mannigfaltige Arbeit an den Steinen zu bewundern, wo man beim Bau des einen Thurmes beschäftigt war. Nicht ein Kapitel, nicht ein Simsb ist wie das andere und sehr schön in Blätter ausgearbeitet. Wir kletterten weiter und sahen oben vor der Luke des Hülfsdaches in das Hauptschiff hinunter, wo Alles in sehr kleinen Dimensionen zusammengedrängt, aber in einer hübschen Perspective || erschien. Vom Krahn aus, dem jetzt höchsten Punkte der Kirche hatten wir eine herrliche Aussicht auf den schön gewundenen Rhein mit der Häusermaße Köln an seinen Ufern, weiterhin das Siebengebirge und Bonn, ein sehr lohnender Punkt, von dem ich mir ein paar Rosenblätter mitnahm, die auf dem Gemäuer wachsen. Nachdem wir glücklich wieder unten waren, stärkten wir uns bei Dünwegs durch ein herzhaftes Mittageßen, die Engländerinnen im Gasthof, und trafen um 3 ½ Uhr wieder im Dom zusammen. Vorher besuchte Hedwig mit mir Adele Nierstras, eine Schwester von Tante Emma Scheller, die sich sehr freute, mich nach 10 Jahren wiederzusehen und mich sehr quälte, ein paar Tage bei ihr zu bleiben. Vom Dom gingen wir in die Boissereéschen Glasmalereien im Rathaus, die ganz wunderbar fein und schön sind. Die Gegenstände sind bis auf wenige Genrebilder der biblischen Geschichte entnommen und in so feinen Formen und Farben in das Glas geschliffen, daß sie lebendiger und weit effectvoller erscheinen als Oelgemälde. Da feßelte ein Bild von der Anbetung der heiligen drei Könige, reich an schönen Köpfen, Bethleem [!] im Hintergrund, besonders durch die Perspective, hier entzückte ein langer wilder Strom zwischen Felsen eingeengt, durch den der Sage nach der heilige Christoph das Christuskind hindurchträgt; dabei steht der Vollmond über dem Waßer und wirft sein silbernes Licht bis vorn zum Beschauer hin, contrastirend mit einem Fackellicht, mit dem oben vom Felsen herunter ein Mensch dem nächtlichen Wanderer leuchtet. Am meisten entzückten mich zwei Rafaelsche Madonnen, von denen die eine auch Dir so tiefen Eindruck gemacht hat. Immer mußte ich wieder die so menschlich aufgefaßte, glückliche Mutter mit den strahlenden Augen ansehen, die sie ihrem ernsten, || sinnigen Kind mitgegeben hat. Weniger schön, als diese in den Wolken stehende Madonna ist seine sitzende, deren weiche Formen keinen Geist und Seele verrathen, desto entzückender der kräftige, göttlich schöne Junge auf ihrem Arm, deßen vollem, lieben Gesichte man einen Kuß aufdrücken möchte. O, es ist ein herrlicher Genuß, sich in schöne Formen voller Geist und Leben, die der Phantasie so viel Beschäftigung geben, zu verlieren; immer mehr klar wird es mir, wie Deine Seele erweitert, der Adel Deiner Gesinnungen und Anschauungen gewachsen sein muß nach den großartigen Genüßen auf dem Gebiete der Natur und Kunst, die Dir in Einem Jahre zu Theil werden. Wie werde ich lernen von Dir und immer tiefer eindringen in die Tiefen des Wißens und Erkennens, zu den Höhen des Lebens, die der sittlich reine Mensch mit der Befriedigung seines rastlosen Geistes findet. Ich möchte Dir die wenigen, aber schönen Bilder alle malen, oder ausführlich beschreiben, so klar paßiren sie an meiner Seele vorüber, allein ich verliere mich zu sehr in dem einen Gegenstand und habe Dir noch viel von dem Einen Tage zu erzählen. Doch gute Nacht für heute, Du würdest mich schelten, wenn Du wüßtest, was die Uhr ist. Bester, ich geb’ Dir einen Kuß und schlafe mit dem Gedanken an Dich ein. Sonntag Morgen. Es ist herrliches Wetter, Sonnenschein und windig; könntest Du doch herfliegen und eine recht weite Tour mit mir unternehmen! Ich fahre in meinem Bericht fort. Nachdem wir uns durch Kaffee und Butterbrod bei Dünwegs wieder gestärkt hatten, gingen wir wieder in den Dom, um con amore die bunten Glasfenster zu betrachten moderner und älterer Kunst, die beide ihren großen Werth haben, so verschieden Auffaßung und Ausführung auch ist. Unter den modernen gefiel mir besonders ein Fenster mit Karl dem Großen, das schon am Vormittag von Weitem mich gefeßelt hatte. Leider wurde es schon || bald schummrig und Licht ist doch sehr nothwendig bei den Glasmalereien. Ungern und in der Hoffnung, ihn noch einmal vor meiner Abreise zu sehen, verließ ich den schönen Dom und ging langsam an seiner Außenseite herum, um die schöne Arbeit mir tief einzuprägen. An seiner Ostseite mündet die neue Rheinbrücke, deren eine Hälfte für die Eisenbahn, die andere für Wagen und Fußgänger bestimmt ist, und die wir nun betraten. An den Seiten sind hohes Eisengitterwerk zur Verhütung von c Unglücksfällen angebracht, die von Weitem etwas Beengendes haben, in der Nähe aber freie Durchblicke auf den Rhein, das bunte Treiben in der Stadt, das Siebengebirge und auf die schöne Biegung auf der anderen Seite des Rheins gewährt. Es ist ein großartiger Bau und wunderbar wird Einem zu Muthe, wenn man über den breiten Fluß dahin geht und die Dampfschiffe und sonstigen Handelsschiffe unter sich herfahren hört. Am jenseitigen Ufer, in Deutz sahen wir die Sonne ruhig aber feurig untergehen, deren blinkende Farben den Dom köstlich vortreten ließen. Wir wanderten über die Eisenbahnbrücke zurück und bestiegen dann in Köln ein kleines Dampfschiff, das uns nach Deutz hinüberfuhr, eine leider sehr kurze Fahrt, zu der uns die theils grün, theils gelb brennenden Laternen an den Pfeilern der Brücke leuchteten. Noch hatten wir eine Stunde Zeit bis zur Abfahrt nach Bonn, die wir im hell erleuchteten Garten des Gasthofs zum Prinzen Karl dicht am Rhein zum Abendbrod verwandten. Im 57 ger wurde Dein Wohl getrunken, wie meine Gedanken überhaupt ganz bei Dir waren. Die hellerleuchteten Häuser Kölns gegenüber zauberten mich an die Santa Lucia auf einen kleinen Balkon zu einem lieben, blonden, deutschen Gesicht (?). Die Rückfahrt von 9 – 12 Uhr in einer angenehmen frischen Sommernacht, war recht dazu geeignet, meine Gedanken || in dieser Richtung umherwandern zu laßen. Der Mond schien klar, wenn auch nur halb vom wolkenlosen Himmel herab. Die d Gesellschaft begab sich nach und nach in die Kajüte herunter, auch meine Gesellschafter, bis auf Hedwig, die mir treulich schwärmen half. Als auch sie sich entfernte, hat mir der Mond viel von Dir erzählt, was ich aber Alles schon wußte. Zum Vollgenuß des schönen Tages gehörte noch ein Brief von Dir, auf den ich mich schon von früh an gespitzt hatte, obgleich ich keine Berechtigung dazu hatte, und wirklich war einer für mich angekommen, den Tante Auguste aus Gesundheitsrücksichten, weil ich ohnehin sehr aufgeregt sei, zurückbehielt und ihn mir erst am anderen Morgen gab. So ließest Du und die schönen, neuen Eindrücke mich erst spät schlafen. Am anderen Morgen war meine Freude über Deine lieben Zeilen zwar nicht geringer, doch konnte ich die Enttäuschung lange nicht vergeßen. Daß Du wieder eine trübselige Stimmung Anfangs auf Capri durchgemacht hast, ist mir recht leid; dann kam Deine Aenni in der Gestalt des Herrn Gjertsen zu Dir und hat Dich wieder lieb gemacht. Genieße die Tage auf dem herrlichen Capri in ungetrübter, wenn auch manchmal sehnsüchtiger Stimmung, und dann Glück auf die Reise nach Sicilien, wohin mein nächster Brief schon gehen wird. Mittwoch früh las ich erst noch im Lewes, dann schrieb ich, wie sich Zeit fand, den Brief an Dich fertig und schickte gleich nach dem Eßen das Paquet nach Trier ab. Deinen Brief an La Valette brachte Theodor gleich Morgens früh auf der Brunnenpromenade zu ihm. Nach dem Kaffee machten Philipp, Theodor, Gustchen, Anna und ich einen schönen Spaziergang durch die Poppelsdorfer Allee in die Baumschule und auf dem Rückweg auf den Kirchhof, wo sie mir des Onkels Grab von einem friedlichen, stillen Plätzchen zeigten. || Donnerstag schrieb ich an Deine Alten, um ihnen Deinen Brief mitzuschicken. Gegen Mittag machten Hedwig und ich mehrere Besuche und Nachmittag benutzten wir junges Volk das köstliche Wetter zu einer weiteren Tour, an welcher auch Herr Brandes, Theodor’s Freund Theil nahm. Um 3 Uhr setzten wir in einem kleinen Nachen über den tiefgrünen, klaren Rhein, der in der Sonne, die die malerischen Ufer reizend beleuchtete, glitzerte und funkelte wie lauter Edelsteine. In Vereine [?] stiegen wir an’s Land und gingen auf Feldwegen nach dem Dorf Küdinghofen am Fuße des Ennert gelegen. Auf dem ganzen Wege sahen wir das herrliche Siebengebirge vor uns; lange dunkele Schatten lagen darauf ausgebreitet und die Schluchten schön abgegrenzte zwischen den einzelnen Höhen von rechts nach links sich folgend: der Drachenfels mit der Ruine auf dem spitzen Felsen, die Wolkenburg, Kalkfelsen mit dunkelen Tannen dazwischen, sehr malerisch, die Löwenburg durch schönen Buchwald ausgezeichnet, die ich in dieser Woche mit Lavines auf einen ganzen Tag besuchen soll, worauf ich mich sehr freue, der Oelberg, ein kegelartiger Berg; endlich der Petersberg mit einer Ruine. Rückwärts war der Blick nach Bonn auch sehr hübsch, so daß es Hülle und Fülle zu sehen gab und viele Achs und Os von mir laut wurden. Ehe wir nach Küdinghofen kamen, machten wir auf einer kleinen Anhöhe nah einer Ruine halt, Onkel Bleek’s Lieblingsplatz, von wo aus Rhein und Gebirge sich sehr schön presentiren. Nach kurzer Rast ging es durch Wald nach Küdinghofen, wo Kaffee und vortreffliches Butterbrod uns sehr gut schmeckte; ich glaube, ich habe für Dich mitgegeßen. Wir trafen hier mit Bekannten: Lavines und Schneiders, einer englischen Familie zusammen, mit denen wir zusammen den Ennert erstiegen. Oben angekommen stand ich ganz entzückt und geblendet von dem herrlichen Bilde vor mir. || Das Siebengebirge mit saftig grünen Abhängen vor mir und der Vordergrund lieblich und schön; f zwischen Wiesen mit freundlichen Ortschaften untermischt schlängelt sich der Rhein hindurch, den man bis Remagen hinauf verfolgen kann; an seinem linken Ufer streckt sich das schön bewaldete Vorgebirge mit Rolandseck und der malerischen Ruine Godesberg hin; ach wie kann ich mir vorstellen, wie Du mich immer in Deine schöne Natur wünschst; hätte ich Dich nur 5 Minuten an meiner Seite gehabt. Die Mädchen machten mir als Schmuck einer Braut einen hübschen Eichkranz, der den ganzen Tag auf meinem Hut prangte und das deutsche Mädchen kennzeichnete. Nachdem ich mich satt an der schönen Gegend gesehen hatte, gingen wir etwas tiefer herunter auf einen freien Platz, wo wir Feechen spielten und dann, als die Sonne tiefer sank und Alle auf meinem Plaid lagerten und deutsche Volkslieder, vom Rhein, vom Walde und vom Scheiden handelnd, sangen. Wiederholt wurde zum Aufbruch gemahnt; wir konnten uns nicht losreißen; die Beleuchtung wurde immer schöner, je mehr die blauen Farben in lila und roth übergingen. Noch einmal gingen wir bis zur Höhe und sangen den Bergen ein Lebewohl. Auf dem Rückwege sahen wir die Sonne wundervoll untergehen, der unter mehrstimmigem Gesang mir zu schnell zurückgelegt war, und hatten um 9 Uhr die Fähre erreicht, die uns nach Bonn übersetzte. Selbst Nachts im Traum ließen mir die Berge keine Ruhe, so gut hatten sie mir gefallen. Sehr vergnügt kehrten wir heim und konnten den Zurückgebliebenen nicht genug von dem Genoßenen erzählen. Freitag Morgen half ich eifrig Nähen, wobei uns ein Herr Radgen, der Bleeks von Dienstag bis gestern mit seinem [Besuch]g belästigt hat, sehr viel Stoff zum Lachen und Ärgern gab. Er studirt in Berlin [ ] ist so blind eingenommen für dasselbe, daß man ihn mit Recht einen albernen [ ] blasirten Berliner Pflanze nennen kann, mit der man mich schimpfen könnte. Auf die Frage, ob ich aus Berlin sei, antworte ich immer: ich bin in Koeln geboren. Die Berliner im Ausland sind eine schreckliche Race, zu der ich nicht rechnen möchte. Nach dem Kaffee besuchten wir den botanischen Garten in Poppelsdorf, der sehr hübsch angelegt und auch schöne ausländische Exemplare enthält, vor Allem aber die Aussicht auf’s Siebengebirge hat, die besonders schön sein muß aus den Fenstern des im Garten gelegenen Schloßes, in dem auch eine Profeßorwohnung ist, die Theodor für uns bestimmt hat (?!). Am Abend besuchte uns Rose Lavine, die mit Hedwig musicirte und um 10 Uhr bei schönem Halbmondschein von dieser, Theodor und mir nach Haus gebracht wurde. Gestern (Sonnabend) Morgen machten Hedwig uns ich gleich nach dem Kaffee Besorgungen und berührten auf dem Rückweg den Rhein, der uns so verlockend aussah, daß wir nicht widerstehen konnten und uns badeten, was ich bisher mit dem Finger noch nicht gewagt hatte. Es ist ihm aber sehr gut bekommen, so daß ich es heute Morgen 5 ½ Uhr wiederholt habe. Freilich ist der Raum, in dem ich mich bewegen kann, etwas sehr eng gegen die weite See, in der ich gewohnt bin, umherzuplätschern, aber das kühle Waßer ist sehr angenehm. Gestern Mittag verließ uns Herr Radgen, dem wir einen Tusch nachsangen; später kam Mathilde Ostermann zur Marie, auf deren Bitten ich aus Deinen Briefen vorlas. Gegen Abend kam Malchen Frank, Hedwigs Intimus, die 14 Tage in Ostende gewesen ist und mit mir über die See schwärmte. Wir brachten sie gegen Abend zu Haus und verplauderten den übrigen Abend gemüthlich zu Haus. Das Papier thut wieder seinen Gewaltspruch, da darf ich Dir einen herzlichen Kuß und Gruß von der ganzen Bleekschen Familie geben. Reise glücklich, mein lieber Schatz und schreibe so fleißig weiter Deiner dankbaren Aenni. ||

[Adresse um 90 Grad nach rechts gedreht]

Al Signore Ernesto Haeckel

p. ad. Signore Ernesto Berncastel

Farmacia Prussiana.

Largo S. Francesco di Paola No 7.

Napoli (Italia).

via Marseille.

a unleserlich durch Verschmutzung; b schwer leserlich; evtl. auch „Fries“; c gestr.: Glei; d gestr.: Kajüte; e eingef.: schön abgegrenzt; f gestr.: der Rh; g Papierausriss; Text sinngemäß ergänzt

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
21-08-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Neapel
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34464
ID
34464