Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Bonn, 13./14. August 1859

Bonn den 13. 8. 59.

Mir kommt es so lange vor, daß ich Dir nicht geschrieben habe, lieb Herz, und habe kaum gestern einen Brief an Dich vollendet, der freilich erst in 3. Wochen bei Dir sein wird und durch den ich Dich bei dem heutigen verweisen muß, der theilweis eine Ergänzung des an Binz mitgegebenen sein wird; hauptsächlich kommt mein Irrthum daher, weil ich schon seit Montag den letzten Brief von Dir habe, ohne mit Dir darüber geplaudert zu haben. Daran ist hauptsächlich mein Finger schuld, der jetzt wesentlich auf der Beßerung ist in der Aussicht auf einen abgehenden Nagel. Jedenfalls bin ich nach der Erlösung von den immerwährenden heftigen Schmerzen wieder Mensch und ganz Deine liebe, liebe Aenni. Es war mir gestern Morgen ganz eigen, als Dr. Binz hier fortging in dem Gedanken, daß er bald meinen besten Schatz sehen würde. Ich hätte ihm gern so viel gesagt und bestellt für Dich und doch wollten die Gefühle und Worte für Dich nicht aus dem treuen Herzen heraus, ich konnte ihm nur einen herzlichena Gruß und b Händedruck für Dich mitgeben sammt Buch und Brief, welches ich ihm nach Trier nachschicken werde. Ich habe es nämlich noch nicht ganz beendet und kann es nicht gut so halbgelesen aus den Händen geben, da der Inhalt mich sehr intereßirt und belehrt. Ich denke auf Deiner Reise durch Sicilien und Algier wird es Deine Mußestunden ausfüllen können, wohin Du zu meiner großen Freude die Einwilligung von den Eltern erhalten hast. Ehre nun auch ihre Güte und denke an Deine Anna, indem Du Dich keiner Gefahr leichtsinnig aussetz’st und zu oekonomisch bist. Vor Allem wünsche ich Dir eine paßende Gelegenheit und glückliche Überfahrt, bei der so oft Unglücke vorkommen. || Montag kam mir Dein Brief ganz unerwartet, da ich erst Freitag einen gehabt hatte mit dem letzten Ende der Ischiaexcursion. Wieder hast Du reiche, herrliche Genüße in Pompeji, Amalfi, Sorrent gehabt. Schade, daß Du letzteres nicht vor Ischia gesehen hast, sonst würde es doch einen vortheilhafteren Eindruck gemacht haben, was nach dem zauberhaft schönen Eiland wohl nicht möglich ist. Stahr schildert Sorrent so reizend, ist freilich nicht auf Ischia gewesen. Auf Capri mußt Du ein ähnliches paradiesisches Leben führen, freilich durch das Mikroskop etwas gehemmt; doch sehe ich noch jetzt aus Lewes’ Naturstudien, wie neben den Forschungen auch andere Lebens- und Länderanschauungen bereichert werden können, was ich von Dir, ohne den vorletzten bestätigenden Brief glaube. Dabei fällt mir ein, du mußt dem Dr. Binz für den ihm mitgegebenen Brief bezahlen, den er frei recommandiert von Koblenz nach Berlin geschickt hat, und auf meine Frage jetzt, was er kostete, wollte er es mit Dir abmachen. Wie echt deutsch schreibst Du wieder in Deinem letzten Brief, glücklich über die Norweger, mit denen Du in Sorrent zusammengetroffen bist und gegen welche Du gewiß Deine Liebe zu Deutschland äußern konntest. Ich kann lebhaft nachfühlen, wie wohl das unter den entarteten Italienern thun muß, über die Dr. Binz sich auch sehr wenig günstig äußerte. Dann hab herzlichen Dank für die warme, lebendige Schilderung Deines Freundes Allmers, der mir schon ganz bekannt sein wird, sollte ich später ihn zu sehen bekommen. Ein unschöner Körper scheint mir einen großen, schönen Geist einzuschließen, der jenen so gänzlich vergeßen macht, wenn man einen Menschen genau kennt und lieb hat. Für das || Gelingen seines idealen Planes mit der Rechtenfleether Schule bin ich etwas bange und wünschte ich ihm ein recht liebes, nettes Frauchen, die nach meiner Ansicht ihn vortrefflich bei seinem edlen Zwecke unterstützen könnte. Erni, nicht wahr, eine weibliche Seele hat auch ihr Gutes, und wenn sie den Erwählten ihres Herzens liebt und achtet, wird sie auch auf deßen Ideen und Beschäftigung eingehen lernen, wie wiederum der noch so hartnäckigste Junggeselle die ergänzenden Seiten einer weiblichen Seele sich gefallen läßt und so Beide die schöne Harmonie herstellen, die so [vielen?] Menschen im Leben verloren geht, die ihren schönsten Ausdruck in einer glücklichen Ehe findet. Es ist schade, wenn das liebenswürdige Gemüth Deines Freundes nicht dies Glück, die Liebe empfinden sollte, wenn es unverstanden von einer gleichgesinnten weiblichen Seele, die Mängel und Schattenseiten des Lebens namentlich im herannahenden Alter doppelt fühlen sollte. Ich will nicht behaupten, daß nicht Liebe zur Natur, zur Kunst oder jedem anderen Gebiete, den Menschen c befriedigen und die Frau entbehrlich machen könnte, aber ich glaube eine Seite bleibt unentwickelt, eine Hauptwunde des Menschen [xxx]: das ist der Egoismus; das selige Gefühl für einen Anderen zu leben und zu wirken, sich selbst zu vergeßen, wird nicht gekannt. Grüße Herrn Allmers herzlich von mir und sage ihm, lieber lernte ich ihn mit einer Frau Allmers, als allein kennen. Er würde das poetischer und beßer ausgedrückt haben, als ich; allein Du verstehst mich doch und lies’t noch Manches zwischen den Zeilen. || Heute habe ich schon viel an die liebe Mutter gedacht, deren Geburtstag heute ist, an dem sie wie sonst in Heringsdorf, aber nicht mit allen Kindern, feiert. Mit großer Spannung sehe ich ihrem ersten Brief von dort entgegen, der mir sagen soll, wie es Helene geht, die am 7 August einen Knaben geboren hat, den sie Ende September erwartete. Erhält Gott das Kind, so bin ich in diesem Jahr um drei Neffen reicher geworden und werde schon sehr respectable. Mutter dauert mich dabei auch, die von ihrer Reise nach Westphalen wieder nichts gehabt hat, da sie erst 2 Tage dort war. Im Jahr 54 wurde sie und Vater durch eine telegraphische Depesche über Großvater’s Kranksein eine Stunde nach der Ankunft zurückgerufen. Wie lange ich noch hier sein werde, ist zweifelhaft, doch glaube ich, verlangt Mutter mich nicht in Heringsdorf, Hermine Bercken von ihrer Rückreise von Gastein Ende dieses Monats hier abzuwarten und mit ihr noch einige Zeit zu Berckens nach Bochum zu gehen, die ich 14 Jahre nicht gesehen habe.

Sonntag Morgen Nach ein paar Regentagen, lieber Schatz (guten Morgen übrigens) ist heute ein Sonntag-Morgen im wahren Sinne des Wortes, so recht geeignet, mit Dir in Wald und Feld umherzustreichen, wozu ich ohne Dich gar nicht komme. Statt deßen bin ich heute früh um 7 ½ Uhr in der Kirche gewesen und habe eine gute Predigt gehört. Nachher gingen Hedwig und ich noch zur Frau Brandes, die entsetzlich leidet und täglich den Tod erwartet. In deren schönem Garten am Rhein habe ich lange, lange nach den in duftigen Nebel e getauchten, aber scharf abgegrenzten Höhen des Siebengebirges und in den durchsichtigen, klaren Rhein geschaut, um die ich || beide die Bonner beneide. Dort trafen wir mit der Frau Arndt zusammen, eine herzige alte Frau, der die Güte aus den Augen schaut. Dann hat Philipp wieder meinen Finger sondirt und verbunden und nun sitze ich im Garten unter einer köstlichen Esche, ein freundlicher grüner Dom, und sehe nur Dein Bild, als das Papier an, das heute noch in den f Briefkasten muß. Letzterer ist Freitag zurückgekommen, nachdem er vom Dienstag an vergeblich erwartet worden ist. Er ist voll im Gesicht, hustet aber viel, was, wie er sagt, sich erst auf der Reise wieder eingestellt hat. Gestern Mittag hat er wieder etwas Blut gehustet, wodurch seine Stimmung sehr niedergedrückt ist. Der arme, arme Mensch dauert mich von Herzen. Wie viel danke ich dem lieben Gott für Gesundheit der Meinigen und für meine eigene, gerade hier, wo man so viel Noth und Elend um sich herum sieht. Das erste Wiedersehen zwischen Philipp und Marie war herzzereißend; er hatte sie stark und kräftig verlaßen und findet sie spindeldürr und blaß wieder. Die Thränen treten mir jedes Mal in die Augen, wenn ich Maries bekümmertes Gesicht ansehe, wenn Philipp hustet und wieder Philipp’s ängstliche Blicke nach Marie, die von Brustschmerzen und Beklemmungen sehr gequält wird und auch abwechselnd hustet. Tante Auguste als Mutter muß entsetzlichen Gram darüber empfinden und ist dabei immer aufheiternd und frohen Muthes. Das Betreten des väterlichen Hauses war für Philipp doppelt schwer, da er den Vater nicht mehr darin fand. Wie dankbar bin ich, daß Du noch Deine beiden Eltern hast und gewiß in der Heimath wieder findest, wenn das böse Jahr vorüber ist. Der Alten werden die Bäder gewiß gut thun, wenn sie sich jetzt auch angegriffen fühlt, weßhalb sie, wie sie mir im letzten Brief schreibt, nach dem Anrathen eines dortigen Arztes öfter einen Tag mit Baden aussetzen soll, wodurch ihr Aufenthalt in Teplitz länger sein wird, als sie anfangs gedacht und gewünscht hatten. Deinem Bruder Karl scheint es wieder gut zu gehen; wenigstens schreibt Bertha mir heute Morgen, daß sie ihn Sonnabend, d. i. gestern erwartete. Ihre beiden Kinderchen haben auch Scharlachfriesel gehabt, aber sehr gutartig wie Karl auch. Bertha seufzt namentlich im Intereße der Kartoffeln sehr nach Regen, von deren diesjähriger Auflage sie noch nichts geerntet hat, während wir schon seit Juni frische Kartoffeln eßen. Doch hierbei treffe ich Deine wunden Seiten und sehe auch mit Schrecken, daß das Papier schon wieder zu Ende ist. Meine Erlebniße bis zum Donnerstag habe ich in dem Gelegenheitsbrief geschrieben, dem ich in den nächsten Tagen das Tagebuch der letzten Tage noch hinzufügen werde, da ich erst am 18ten Brief und Buch abschicken brauche. Ich sehe schon wieder eine Menge Besuch auf mich zukommen, da retirire ich rasch in‘s Haus, um den Brief zu vollenden. Ich bin recht gespannt, ob ich morgen einen Brief erhalte oder nicht, den ich gestern schon dem Briefboten bestellt habe. Ich bin unersättlich, nicht wahr, lieber Schatz, doch kann ich schon einmal vergeblich erwarten, nachdem ich in 8 Tagen drei Briefe erhalten habe; freilich der letzte morgen vor acht Tagen. Bleeks grüßen alle 1000 mal und Deine Aenni schickt Dir einen herzigen Kuß und bittet sie nicht aus ihrer unbefangenen Sorglosigkeit um Dich durch Leichtsinn zu bringen. Deine treue Aenni. ||

[Adresse um 90 Grad nach links gedreht]

Al Signore Dottore Ernesto Haeckel

p. ad. Signore Ernesto Berncastel

Farmacia Prussiana.

Largo S. Francesco di Paola No 7.

Napoli (Italia).

via Marseille

a eingef.: herzlichen; b gestr.: herzlichen; c gestr.: nicht; d gestr.: Grundfehler ver; e gestr.: über sich; gestr.: Po

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
14-08-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Neapel
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 34463
ID
34463