Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 2./3. Juli 1859, mit Beischrift von Carl Gottlob Haeckel

Berlin den 2. 7. 59.

Endlich, endlich, mein guter, lieber Erni, ist gestern der lang ersehnte Brief angelangt, und wie glücklich, wie froh schildert er meinen Schatz, daß Du Dich freuen würdest über mein strahlendes Gesicht bei jeder Zeile. Mir ging es aber nicht allein so, Alles jubelte, daß gerade an der lieben Alten Geburtstag der Brief eintreffen mußte, wie Du es gewiß beabsichtigt hast. Laß Dir erzählen, wie es herging. Früh um 6 Uhr kam Schwager Karl aus Neu-Ruppin an, wo er zu einer Gustav-Adolph-Feier gewesen war und brachte Richard Bennecke, den jungen Ehemann auf eine Stunde mit, der später auf Urlaub zu seiner Frau nach Potsdam weiter fuhr. Mutter, Karl und ich frühstückten zusammen, viel dabei Deiner gedenkend; im vergangenen Jahr waren wir auch schon zum Frühstück zusammen, entsinnst Du Dich wohl? und als der Alte vom Spaziergang heimkam, baute ich schnell unsere Geschenke auf, die der Mutter große Freude machten. Eben ließ sie ihre wehmüthigen Blicke vom Tisch und den Andern auf mich fallen, die ich recht gut verstand, als ich in der Nebenstube die Thür gehen hörend, aufsprang und einen Brief von Dir jubelnd hineintrug; Du kannst Dir die allgemeine Freude denken; zweimal mußte ich ihn vorlesen; später Helene, die gegen 10 Uhr mit den Kindern kam ebenfalls. Wie schade, liebes Herz, daß Du gleich nach der Rückkehr von Ischia die Nachricht von der Mobilmachung bekommen mußtest, Deine Natur- und Menschenfreude über den lieben Allmers also etwas gedämpft wurde; ich bin schon ganz zufrieden mit Deiner lakonischen Beschreibung, der ich Deine unendliche Glückseligkeit durchfühle, so herrliches Stückchen der lieben Erde mit einer so tief erregten, begeisterten Seele, die mit Deiner auf’s Beste harmonirt, zusammen genießen || zu können; das erhöht für mich immer den Genuß um’s Doppelte; im Austausch zweier geistig verwandten, harmonirden [!] Seelen beruht ja das höchste, anhaltendste Glück auf Erden; da werden manche Härten abgeschloßen, manche schönen, edlen Seiten treten an’s Licht und werden erst dem Eigenthümer bewußt, schlummernde Gedanken und Bestrebungen werden Thaten, oder doch zu denselben angefeuert, kurz die reife Entwickelung des Menschen beruht einmal im Verkehr mit Menschen, was Du früher oft nicht hast zugeben wollen. Wie freue ich mich, daß Du den Einfluß Deines Prachtmenschen, wie Du ihn nennst, so wirksam an Dir fühlst, er wird Dir auch zu danken haben, das wollte ich ihm wenigstens rathen, Du mein liebes Prachtexemplar. Möchtest Du doch noch lange mit ihm zusammen sein können in dem reichen, erregenden Süden; da er ein Deutscher, werdet Ihr Euch auch später wohl wiedersehen, wie ich denn selbst hoffe, eine ähnliche Aufgabe meines lieben Naturmenschen kennen zu lernen. Du bist wieder Glückspilz gewesen, hast es aber auch nach dem langen, einsamen Leben in Neapel verdient, das nun wohl schon hinter Dir liegt. Mir ist es gar nicht recht, daß ich nicht weiß, wo meine Gedanken Dich suchen sollen, am meisten sind sie in Capri, mich soll wundern, ob sie gut rathen können; geschrieben hast Du garnicht, wo Du in der nächsten Zeit sein wirst, nur von den Plänen nach Sicilien und Algier und den Atlas, die ich ganz köstlich finde und Dir von Herzen wünsche; das kann aber doch noch nicht bald sein, wenigstens nach unserer afrikanischen Hitze hier zu urtheilen, die nun schon über acht Tage anhält, ein Wunder für Norddeutschland. Doch nun wieder zu dem gestrigen Tage zurück, wo die Sonne ganz gehörig den 60jährigen Geburtstag Deiner Alten feiern half. Vormittag waren noch viele Gratulanten hier, die mit Kirschkuchen und || Baumtorte genudelt wurden. Um 3 Uhr wurde bei Tante Bertha gegeßen; ich ging vorher noch zu Untzers, um ihnen und Hermine Bercken noch Lebewohl vor der Abreise nach Gastein zu sagen, Georg Reimer u. Frau, Quincke und Frau, Onkel Julius, Tante Adelheid, Heinrich, Theodor, Frau Delius, Helene und August feierten mit uns den Geburtstag. Gegen 6 Uhr verkrümelte sich Alles und ich las Tante Bertha und Theodor noch Deinen Brief vor, den Karl heute Morgen mit nach Freienwalde genommen hat. Ich hoffe ihn bald wiederzubekommen und Montag durch einen frischen erfreut zu werden. Deinen nächsten Brief schicke mir unter der Adreße von Frau Profeßor Bleek nach Bonn, wohin Onkel Julius mich Ende nächster, oder Anfang der darauffolgenden Woche bringen wird. Der Brief muß dort vorbei und wird also ebenso schnell zu Deinen Eltern gelangen, wenn ich ihn gleich weiter befördere. Ich freue mich sehr auf den Rhein und auf Bleeks, die ich sehr lieb habe und gern etwas aufheitere, jetzt, wo die Zeit immer trüber und dunkler für sie zu werden scheint. Nach dem letzten Brief von Wilhelm hat dieser auch Blut gehustet; denke ich an Tante Auguste, fällt mir unwillkührlich Frau Hirzel ein, der nun von 8 Kindern noch ein Sohn geblieben ist. Von Mutter hatten wir gestern den ersten Brief aus Wiesbaden, wo sie gut angekommen ist und seit gestern badet und trinkt. Gestern gegen Abend machte ich noch ein paar Besorgungen und aß dann mit den Alten und Karl gemüthlich Abendbrod. Du glaubst nicht, wie Du mir jetzt doppelt in Deinen Räumen fehlst; in der ersten Nacht habe ich nur von 1 bis 3½ Uhr geschlafen vor lauter Aufregung und lebendiger Bilder aus der jüngsten Vergangenheit, die meine Seele durchkreuzten. Mein Bett steht an dem Platze Deines Schreibtisches, über mir hängt das Aquarell von Capri u. Dein Tisch steht am Fenster und wird viel und gern von mir benutzt. Auch trockne ich || mich alle Tage an Deinen eigenen Handtüchern zur besonderen Freude der lieben Alten, die mich gründlich verwöhnt. Deine Wanderbilder haben auch ausgeruht und sind schon ein paar Mal von mir besehen worden; was werde ich erst nach Deiner Rückkehr zu sehen haben; außer Ansichten, die Du gewiß mitbringst, so viele schöne Blumen, von denen ich schon oft geträumt habe, Kränze aus ihnen winde, Teller mit ihnen belege, und wenn ich erwache muß ich mich besinnen, daß sie trocken und noch gar nicht von mir zu erreichen sind. Sonntag Morgen schickte ich den letzten Brief an Dich ab; um 8 Uhr fuhr ich mit Mutter und Hermine Bercken nach dem Kirchhof heraus, wo wir über 3 Stunden blieben; das Plätzchen ist wirklich so still, traulich und schattig, daß man Stunden lang am Grabe des lieben Vaters sitzen kann und dem Gesange der munteren Vögel zuhören und sich an Bäumen und Blumen, den lebendigen Bildern der Unsterblichkeit freuen muß. Der wilde Wein ist so stark gewachsen, daß er eine förmliche Laube bildet und ringsherum blühten und dufteten die Centifolien wirklich reizend. Vor Tisch machte ich noch ein paar nothwendige Besuche mit Mutter, dann aßen wir mit Jacobis und Hermine Bercken bei Deinen Eltern zu Mittag; während Alter und Mittelalter ruhte, erfrischten Hermine, mita der sich wirklich prächtig die verschiedensten Verhältniße durchsprechen läßt, und ich uns in dem Garten an Luft und Bäumen; um 6 Uhr machten Mutter und ich einen vergeblichen Versuch, Quinckes zu besuchen und waren den Abend bei Deinen Alten allein. Montag Morgen fand sich Hermine Bercken schon früh bei uns ein und half mir Hemden für Mutter zuschneiden, was ich Dienstag allein vollendete. Mittags aßen Mutter, Theodor Bleek und ich bei Untzers. Ich ging bald nach Tisch fort zu Helene, um dort bei der Schneiderin ein angefangenes Kleid zu vollenden, das Dir gewiß gefallen würde. Zum Abend kamen Mutter, || Jacobis, Deine Eltern, Hermine Bercken und eine Fräulein Bühl, Schwester von Herminens Schwager hier; es war lebhafte Unterhaltung, natürlich hauptsächlich über Krieg und Mobilmachung. Auf dem Heimwege war ich glücklich, wie ich wieder die ungewöhnlich hell und klar leuchtenden Feuer sah, die nun schon wochenlang meinen Vesuv bilden. Eine gute Nacht für heute, Deine Alte treibt mich, da es 11 Uhr schlägt, zu Bett, da bin ich noch lange bei Dir und habe Dich gleich beim Erwachen wieder.

Sonntag Morgen. Da bin ich wieder, lieber, lieber Erni, habe mich eben an Deinen Schreibsekretär gesetzt, den ich überhaupt ganz mit Beschlag belegt habe, und, nachdem ich Dir meinen frischen Morgenkuß aufgedrückt, stehst Du vor mir und läß’t Dich von Zeit zu Zeit freundlich ansehen. Dienstag fing ich mit Durchlesen von früheren Briefen von Dir an, die die Lücke des fehlenden ausfüllen mußten; den Tag über habe ich viel gekramt und gepackt, die lieben Bilder von Dir, die Herbarien etc. wieder eingekerkert. Helene, Hermine Bercken, der Alte und Mehrere waren zu verschiedenen Zeiten bei uns und gegen 6½ Uhr fuhr Mutter nach Wiesbaden ab. Sie wollte ihrer früheren Tour ungetreu werden und mit der Potsdamer Bahn den schönen Weg über Wolfenbüttel, b Hannöversch Münden etc. machen; erst auf dem Potsdamer Bahnhof klärte es sich auf, daß dieser Zug nur Morgens geht; in der größten Hast wurde nun also nach dem Anhaltischen Bahnhof dirigirt, wo Mutter noch mit knapper Noth abfuhr. Zu Haus angekommen, packte ich meine Sachen zusammen und fuhr zu Deinen Eltern, eine kleine Reise, die ich sehr gern antrat, obgleich ich mit etwas Wehmuth zu kämpfen hatte, als ich mich in Deinem Zimmer einrichtete. Martens und Chamisso kamen zum Thee hin und grüßen Dich Beide bestens. Letzterer ist auch eingezogen als Arzt und wartet, wie sämmtliche Soldaten auf Ausmarschiren. Karl ist auch schon seit 14 Tagen in Neu-Ruppin als Unterofficier eingezogen, leidet sehr von der Hitze bei dem strengen, täglichen Dienst und hofft bald möglichst an den Rhein zu kommen. Wer weiß, ob nicht schließlich Alle ruhig zu Haus bleiben, denn || seit gestern ist wieder viel vom Frieden die Rede, der glaube ich, für uns gar nicht einmal erwünscht wäre. Dein großer Vortheil wäre es sicherlich und in dieser Beziehung würde ich mich sehr, sehr darüber freuen. Wenn das so in Oberitalien fortgeht, werden die Oesterreicher bald matt sein. Die beiden verlorenen Schlachten von Magenta und Solferino haben ihnen ungeheuer viel Menschen gekostet, und was die Hauptsache ist, die Franzosen in ihrem Siegesgefühl und Muth bestärkt, obgleich die Oesterreicher sich sehr tapfer und gut geschlagen haben sollen. Übrigens verfolgt Napoleon bei seiner Kriegführung durchaus keinen bestimmten Plan, sondern wird gewaltig vom Glück begünstigt, auf das er seine ganze Laufbahn von frühester Zeit an gestützt hat. Wir Drei haben uns hier in den letzten Tagen aus dem Konversationslexikon der Gegenwart eine sehr gute Biographie Napoleons vorgelesen, wonach er wirklich der reine Aventürier, voller Frechheit und Schlauheit ist. Doch ich vergeße wieder ganz das via Marseille; still davon, Du weißt das ja auch selbst. Martens ist sehr neugierig, ob Du bei längerem Aufenthalt auf Capri auch noch so entzückt sein wirst, was mir gar keinem Zweifel zu unterliegen scheint. Einliegendes Zettelchen gab er für Dich. Mittwoch habe ich von 10–2 Uhr mit Hermine Bercken im Neuen und Alten Museum köstlich in der schönen Kunst umhergeschwärmt, was ich so lange nicht gethan hatte. Am längsten waren wir im griechischen und römischen Saal, deren Schätze Du in Florenz, Rom und Neapel weit schöner gesehen hast, was mir aber bei den einzelnen bedeutenden Exemplaren ein doppeltes Intereße einflößte; auch die Fresken von Rom (vom Forum, Coloßeum, Villa Hadriani, Villa Albani, von Capri, Tivoli, Sorrent, endlich von Syracus, Agrigent etc. etc. habe ich gründlicher, denn je betrachtet und mir die Wonne ausgemalt, wenn ich wieder an Deinem Arm, in diesen Räumen umherwandern werde, Du in schönen Rückerinnerungen Dich vertiefend und ich anc den Bildern und Statuen neuen Reiz, schönere Farben und edlere Formen bewundernd, wenn Du mir von den Originalen vorplauderst. O lieber, lieber Erni, wie glücklich werde ich sein, habe ich Dich gesund und munter wieder, wenn es auch || noch lange dauert. Deine Alte ist nicht recht zufrieden mit Deinem Plan nach Algier und in den Atlas, weil sie meint, Du würdest dann immer weiter wollen und zu keinem Ziele kommen. So denke ich keinenfalls, sondern freue mich über die Möglichkeit der Erweiterung Deiner Kenntniße und Bekanntwerden mit der afrikanischen Natur im Verein mit einem so lieben Freunde, der Dich von Tollkühnheiten und zu großen Strapazen fern halten wird und Dich von Einsamkeit und in Folge deßen von Muthlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Kleinmuth nichts empfinden laßen wird, die nur zu sehr die reinen Reisegenüße trüben können. Ich laße ihn bitten, wenn Du zu kühn und unternehmend bist mich zu nennen, wie es der Dr. Krause öfter gethan hat, dann wirst Du auch an Dich und Deinen Körper denken, Du lieber, lieber Schatz. Gott behüte Dich, wo Du auch sein mögest! Dann standen wir lange vor der schönen Io, den Claude Lorin- und Hasencleverschen Landschaften und zum Schluß zeigte ich ihr alle meine Lieblinge unter den Statuen im alten Museum, die auch sie sehr entzückten, die Venus mit dem Schleier mußte ich immer wieder und wieder ansehen. Trotz der großen Hitze und der stickenden Luft der vielen Landwehrleute in den Museen habe ich einen großen Genuß gehabt und mein Auge ordentlich erquickt an den schönen, natürlichen Formen. Mittag aßen wir Beide bei Tante Bertha, die wunderbar frisch und gesund ist. Wir verplauderten ein paar sehr angenehme Stunden und rüsteten uns um 6 Uhr wieder zu Besorgungen in der Stadt, die um 8 Uhr mit Erfolg abgeschüttelt waren. Ich eilte zu Haus und setzte Deiner Alten Blutegel, die beßer anbißen als die in Heringsdorf bei Dir. Sie bekommen ihrem Rücken vortrefflich, trotzdem sie es für Verschwendung für sich erklärt. Außerdem badet sie täglich in Soda; doch wenn in kurzer Zeit der Rücken nicht in Ordnung ist, soll sie noch nach Teplitz. Ich bin sehr dafür, daß etwas Ordentliches gebraucht wird, denn wenn die liebe Alte auch nicht geradezu krank ist, ist sie doch recht schwach und angegriffen von der Krankheit des Winters und schonen kennt sie ja nicht. || Nach dem Abendbrod lasen wir im Napoleon und spät ließ mich innere und äußere Hitze erst einschlafen.

Donnerstag Morgen 10 Uhr traf ich verabredeter Maßen mit Hermine Bercken auf dem Potsdamer Bahnhof zusammen, und fuhren auf den ganzen Tag nach Potsdam, wo wir nach Kräften Natur genoßen haben. Auf dem Bahnhof besuchten wir Onkel Julius und wurden in seinem netten Häuschen sehr freundlich und herzlich empfangen. Nach einem kleinen Frühstück fuhren Hermine, Bertha, Marie und ich nach Charlottenhof, wo wir die Fülle von Rosen noch in Blüthen fanden, zum Theil freilich schon verblüht; die Waßer sprangen an allen Enden und trugen wesentlich zur Kühlung bei. Von dort gingen wir in die römischen Bäder, wo Hermine wieder mein Entzücken über die Hermann und Dorotheagruppe theilte, die edlen Formen der beiden deutschen Gestalten hoben sich auf dem köstlichen grünen Hintergrund von Palmen und anderen Gewächsen sehr vortheilhaft ab und die Innigkeit und Wärme des Blickes in Beider glücklichen Gesichtern muß Jeden, eine Braut gewiß besonders entzücken. Bin ich auch keine Dorothea, wie Tante Bertha damals so hart aussprach, habe ich Dich gewiß eben so lieb und werde Dir noch viel, viel tiefer in die treuen Augen blicken bist Du wieder in die Heimath zurück gekehrt. Eine sehnsüchtige Thräne kostete der lange Anblick der beiden herrlichen Gestalten, der Eindruck und Genuß ist darum in nichts getrübt. Mehr Aufmerksamkeit wie sonst schenkte ich im Vorhof auch den beiden Gemälden von Capri, und im kleinen runden Theesaal denen von Tivoli, Rom, Palermo und der schönen Blüthe Griechenlands. Zwischen Eichen, Buchen u. Rasenplätzen mit Baumgruppen gingen wir von hier zum neuen Orangeriehaus, wo ich im Rafaelsaale mich an den Kopien des trefflichen Meisters erfreute; am meisten Eindruck machte mir die Madonna della Sedia, die Dich ja in Florenz so sehr entzückt hat. Die anstoßenden Sääle sind Alle auf’s Prachtvollste und Geschmackvollste eingerichtet, mit Bildern reich ausgestaltet. Zur Aussicht vom Thurme war keine Zeit mehr; wir kehrten durch Sanssouci um 1½ Uhr bei Sethens zurück, wo wir im Garten Mittag aßen. ¼ Stündchen || übermannte mich der Schlaf nach dem Gehen und Sehen des Morgens; dann war ich wieder im Garten, wo inzwischen Heinrich und Theodor per Extrazug auch angekommen waren. Wir tranken Kaffee, dann wanderte das junge Volk, ich an der Spitze auf den Ruinenberg, um Hermine die Aussicht dort zu zeigen. Von 6–8½ Uhr fuhren wir auf dem Waßer umher mit schönem Blick auf Babelsberg etc. Dann wurde wieder im Garten Abendbrod gegeßen und um 10 Uhr fuhren wir 4 wieder nach Berlin zurück, wo die Alten sich natürlich schon meinetwegen ängstigten. Freitag Der lieben alten [!] Geburtstag habe ich Dir schon beschrieben. Gegen Abend bekam unser Viertel da draußen Alle die erste Einquartierung von Garde-Landwehr; wir haben unsere natürlich Alle ausquartirt, da Niemand im Hause ist; Tante Bertha ist mit ihren zwei Leuten zufrieden, die gewiß gut verpflegt werden werden, da sie Landsleute von Ottilie sind. Helene hat einen Intendanturrath und Burschen bekommen. Sonnabend Morgen rüstete ich mich früh schon zu einem Stadttrab, der bei der großen Hitze nicht gerade sehr angenehm war. Mittag aß Theodor bei uns, woher ich meinen Plan mit Dir zu plaudern, erst am Abend ausführen konnte. Nachdem er weg war, schrieb ich ein paar Zeilen an Mutter, die ich noch zur Einlage an Helene brachte. Bei meiner Rückkehr fand ich eine Frl. Palm bei Deiner Mutter, eine Nichte von Pritzel, die mir sehr wenig gefallen hat; nachher hörte ich von der Mutter, daß es diejenige ist, von der Du sagst, ein rother Kragen entzücke sie, danach schien mir auch ihr Bildungsgrad zu sein. Von 6–8½ Uhr saßen wir im Garten unter den schönen Bäumen; das kleine Reh verließ uns keine Minute und ließ prächtig mit sich spielen. Der Alte war in der geographischen Gesellschaft, wo er einen Vortrag von Dieterici über die Vermehrung der Menschen und Verteilung auf der Erde gehört hat. Ich habe unterdeß mit Dir geplaudert, und immer von Zeit zu Zeit von der lieben Alten Grüße bestellt bekommen, die ich nun alle mit einem Mal ausrichte. Überhaupt wer mich sieht läßt Dich immer grüßen. Alle aufführen brauche ich wohl nicht. Vor einigen Tagen ist ein Brief von La Valette an Dich angekommen mit der Bitte, für Max Schultze auf Kosten des anatomischen Museums Seethiere aller Art nach Bonn zu senden, da dort so gut wie nichts sei. Heute ist kein Platz, den Brief einzulegen, da Martens Zettel älter ist und ich heute nichts vom Raum abgeben mochte, nur dem Alten, der ein paar Zeilen hinzufügen will. Ich schicke ihn im nächsten Brief mit. Zum Lesen komme ich außer der Zeitung, die in jetziger Zeit immer sehr stoffhaltig ist, gar nicht; leider habe ich also die Mittlere Geschichte wieder ruhen laßen müßen bis zu einer ruhigeren Zeit. Den kleinen Kappe finde ich nirgends in Deinem Schrank, in dem ich sonst schon ganz bewandert bin. Der Raum geht leider zu Ende und meine Zeit zum Anziehen, um zur rechten Zeit in die Kirche zu können ist auch da; leb wohl, mein liebes Herz und schreibe wie bisher alle Woche. Halt Dich tapfer und gesund in der Hitze und hoffe mit mir auf keine augenblickliche Zurückberufung. Gott befohlen und einen innigen Kuß von Deiner Aenni.

[Beischrift von Carl Gottlob Haeckel]

Mein lieber Ernst! Deinen letzten Brief erhielten wir vorgestern an Mutters Geburtstage zum Frühstück. Mein letzter Brief wird Dich nun wegen der Mobilmachung beruhigt haben, Du kannst vorläufig noch bleiben. Wer weis, ob nicht gar Friede wird, da Oesterreich innerlich sehr bedrängt ist. Nach meinen Wünschen müßte jetzt Krieg werden, damit reiner Tisch gemacht wird. Wird jetzt Friede, so hat Deutschland binnen wenig Jahren den Krieg, und auch bei uns in Deutschland giebt es manches aufzuräumen, wenn der Krieg nicht zu Stande kommt. Daß Du einen so lieben Freund aus Ostfriesland gefunden hast, freut mich sehr; nun wirst Du noch fleißig fortarbeiten können. Oder willst Du jetzt den Ausflug nach Algier machen? Gestern Abend in der Geographischen erzählte uns Dove, daß das afrikanische Klima doch erst in den Städten Nordafrikas beginnt, Palermo aber noch europäisches Klima hat. – Quinke will bis Ende Juli, wo Mutter auch fleißig baden wird, noch zusehn, ob sich Mutter, die immer noch nicht recht zu Kräften kommen kann und deren Rücken noch schwach ist, sich wesentlich beßert? Wo nicht, so muß sie nach Töplitz und den August über in Töplitz baden. In diesem Falle begleite ich sie. Wir haben hier einen schönen fruchtbaren Sommer. In Freyenwalde ist alles wohl. Carl war vorgestern hier. Nun lebe wohl und gesund und denke fleißig an uns. Dein

Alter Hkl ||

[Adresse um 90 Grad nach links gedreht]

Al Signore Dottore Ernesto Haeckel.

p. ad. Signore Ernesto Berncastel.

Farmacia Prussiana

Largo San Francesco di Paolo No 7

via Marseille

Napoli (Italia)

a korr. aus.: die; b gestr.: Gemünden; c eingef.: an

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03-07-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Neapel
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 34457
ID
34457