Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Freienwalde, 17./18. Juni 1859

Freienwalde d. 17. 6. 59.

Ich schreibe heute den letzten Gruß aus dem lieben, freundlichen Freienwalde an Dich, meine liebste Seele und hoffe heute und morgen noch so viel Zeit zu erübrigen, um den Brief noch morgen expediren zu können, damit Du ihn wieder wie früher Montag über acht Tage erhältst. Ich hatte nach Deinen Briefen, die so prächtig regelmäßig alle Montag hier eintreffen, acht Tage auf die Reise der meinigen gerechnet u. sie in der letzten Zeit immer am Montag von hier abgeschickt; leider hast Du den vom 30 noch nicht am 6ten gehabt und danach auch zu Pfingsten eine große Festfreude entbehren müßen, wie sie mir zu Theil geworden ist. Ich sah Montag am zweiten Festtage die Post vorbeifahren und dachte, die bringt nun einen Brief für Dich, den Du vor 5 Uhr Nachmittags, wo an Sonn- und Festtagen die Expedition erst geöffnet wird, nicht bekommen kannst. In weniger als einer halben Stunde (der zweite Festtag muß wohl eine Ausnahme machen) hatte ich Deine lieben Zeilen in Händen und ließ sie für’s Erste auch nicht wieder los. Danach wußte ich Dich in Capri, in herrlicher Umgebung, unter beßeren, freundlicheren und unverdorbeneren Menschen, als in Neapel, was Dir dort den Aufenthalt sehr verleidet hat. Ich hoffe und vermuthe also eine rechte Festtagsstimmung bei Dir, von der mir Dein nächster Brief erzählen wird. Du glücklicher Mensch auf dem schönen, zauberhaften Capri, vergiß in Deinem Mährchen, das Du dort verlebst, Deine kleine Fee nicht, deren Gedanken sich jetzt wesentlich auf den Einen Punkt concentriren, daß Du jetzt nicht zurückkommen brauchst, daß weder Dein Aufenthalt auf Capri Dir verkürzt noch Messina, die reiche Fundgrube Dir ganz verschloßen vor der Hand bliebe. Seit Mittwoch Morgen meldet die Zeitung nämlich die Mobilmachung von 6 Armeecorps, zu denen Du auch zählst. || Die drei übrigen in Polen, Schlesien und Preußen sind noch zurückgelaßen, wahrscheinlich um die Grenzen gegen Rußland zu decken. Gott weiß, was uns die nächste Zeit bringt, und ob trotz Mobilmachung nicht doch noch ein Friede zu Stande kommt. Du wirst diese Nachricht vielleicht auch schon durch die Augsburger erfahren haben; laß Dich aber dadurch nicht beirren; sobald die speciellen Ordre eintreffen, sollst Du Nachricht haben; ich hoffe, da Du Paß auf ein ganzes Jahr hast und eben nicht zum Vergnügen, sondern zu wißenschaftlichen Zwecken fern bist, und zwar so weit weg, wird man Dich vielleicht vor der Hand noch dispensiren, denn anstatt hier zwecklos unherzulummern, wie damals 50, kannst Du dort Deine Zeit beßer anwenden; kommt es zum offenen Kriege mit den Franzosen ist es Gewißenssache für Dich, dem Vaterlande Deine Kräfte zu leihen; da muß jeder Einzelne zu Ehren des großen Ganzen kein Opfer scheuen, sondern Vater, Mutter, Frau und Kinder, die Braut, seine Lieblingsstudien verlaßen und dem Kriegsruf folgen. Ich kann ein banges, trübes Gefühl nicht unterdrücken in dem Gedanken, Dich in blutiger Schlacht, oder was noch schlimmer, in der schlechten Luft der Lazarethe, von Jammergestalten und ansteckender Krankheit umgeben, zu wißen; doch jedes Einzelnen Intereßen müßen da schweigen, weiß ich Dich doch da, wie in Italien, wie überall in Gottes Hand; Er bewahre uns vor großem Unglück. Die Tage hier mit den lieben Alten haben wir sehr nett und gemüthlich verlebt, Adolph Schubert ist gestern Morgen wieder abgereis’t, deßen unstetes, förmliches Wesen für mich sehr peinlich ist, und den offenen, freien Verkehr, wie ich ihn liebe, bedeutend hemmt. Bei all seinem Reichthum ist er ein unglücklicher Mensch, weil er keine Beschäftigung hat und auch nicht weiß, was er eigentlich soll, was er auch als Grund seiner Nichtverheirathung angibt. || Montag nach dem Eßen, nachdem Einer nach dem Anderen vom Schläfchen erwacht war, las ich Deine Beschreibung von der schönen Tour nach Salerno und Paestum vor und was sonst sich aus dem Briefe zum Vorlesen eignete. Vom Mittagstisch wurden wir durch Gesang aufgejagt, der prächtig vom Marktplatz zu uns heraufklang. Turnvereine aus Berlin, Stettin, Schwedt und Wrietzen, die zum Fest hier gewesen waren, sangen vor dem Heimweg noch mehrstimmige Lieder, worauf Karl, als Representant der hiesigen Turner sich verpflichtet fühlte, ein paar unpaßende Worte an sie zu richten. Nach dem Kaffee regnete es wieder, so daß wir erst um 6 Uhr unsern Spaziergang antraten, wobei ich Dich auf Schritt und Tritt herwünschte. Wir gingen von der Berliner Chaussee aus in die Heiligen Hallen, prächtige Buchpartien, wo mir in der Waldesstille und dem jubelnden Gesang der Vögel recht festlich zu Muthe war, viel festlicher als am ersten am Brunnen unter den geputzten Menschen und der schlechten Musik. Natur und Kunst traten mir wieder in ihren Gegensätzen sehr zum Vortheil der ersteren entgegen. Dazu fand ich reizende Blumen, so schönen Mohn in dem prächtigsten Roth gefärbt, wie ich ihn nie gesehen, die ich auf dem Heimweg wieder los wurde. Bei Bellevue kamen ein paar bekannte Wrietzener Familien uns entgegen, die bekanntlich nichts wie Sand rings um ihre Stadt herum haben und ihrem Entzücken über meinen Strauß den Besitz desselben verdankten. Deine Alte, deren Rücken immer noch nicht in Ordnung ist und darum mehr, wie je dem Gehen abgeneigt ist, empfing uns zu Haus. Dienstag führte ich früh Deinen Alten und H. [!] Schubert auf die Königshöhe, wo wir eine schöne Aussicht hatten. Für die Kinder war an dem wie am folgenden Tage großer Jubel, die Schützen zu ihrem Fest vorbeiziehen zu sehen. Leider hat es an den letzten Tagen immer abwechselnd geregnet, so daß || wir nicht soviel im Freien waren, wie wir eigentlich wollten. Wir machten gegen Abend wieder einen schönen Spaziergang durch den Wald nach dem Eichenhain; wo ich große Freude über die lieben deutschen Bäume hatte. Abends lasen wir uns den Tag von Sankt Jakob von Otto Roquette vor, der kräftig und begeistert für die schweizerische Freiheit geschrieben ist. Mittwoch Morgen beim Kaffee, als ich mit dem Alten von einem weiten Spaziergang über die schönen bunten Wiesen nach dem Fährkrug zu zu Haus kam, war große Aufregung über die neuste Nachricht von der Mobilmachung. Karl war so aufgeregt, daß man glauben sollte, in 2 Stunden müße er fort; zur Abkühlung hat er denn heute die Nachricht aus Wrietzen bekommen, daß das II Aufgebot noch gar nicht herankomme, überhaupt weiß man noch nicht, was man eben durch die Mobilmachung bezwecken will und wo dies Heer sich aufstellt. Ruhig abwarten wird wie immer das Beste sein. Vormittags lasen wir im Tag von St. Jakob weiter. Zu Mittag gab uns Adolph Schubert ein Festessen mit allen Fineßen im Hotel Bellevue; ich ging eine Stunde früher, und besuchte Marie Fritzner im Landhaus. Um 2 Uhr fanden wir uns Alle, die drei Kinder auch, am Tische in Bellevue zusammen, leider Regens halber nicht im Freien. Nach dem feierlichen Diner, bei deßen Schluß wir in Champagner Dein Wohl tranken, spielten Adolph Schubert und ich abwechselnd etwas auf dem im Saal befindlichen Instrument; 6 Wochen lang habe ich wieder keine Taste angerührt; wenn es so fort geht, werde ich schwerlich Fortschritte bei Deiner Rückkehr gemacht haben. Um 4½ Uhr kam der kleine Heinrich auch, der sich sein Mittagbrod oder vielmehr Vesper von der Mutter holte u. 1 Stunde später saßen wir im Wagen und fuhren den reizenden Majorsweg zur Karlsburg hinauf. || Die klare, etwas abgekühlte, reine Luft war für die Beleuchtung der schönen bewaldeten Schluchten, in die man von Zeit zu Zeit hinuntersehen kann, sehr prächtig. In Cöthen stiegen wir außer Deiner Mutter und der kleinen Anna aus und wanderten zu Fuß durch den waßerreichen Park zur Karlsburg herauf, von wo die durch die Schnitter und Heuhaufen belebten Wiesen einen netten Vordergrund zu der reich bebauten Landschaft bildeten. Um 8½ Uhr waren wir wieder zu Haus am Theetisch. Ich schlief die Nacht über sehr unruhig beim klaren Vollmondschein und träumte von Wem wohl?? – Donnerstag Morgen reis’te Schubert ab, ich eilte nach der Geschwisterbank und von da tief in den Wald hinein, an Bäumen und Vögeln mich erfreuend. Karl erwartete Nachmittag den Prediger Richter, der aber nicht ankam. Es ist Sonnabend Morgen mit dem Schreiben geworden und bringe ich Dir den besten Morgengruß und Kuß, Du lieber Herzensschatz. Ich muß den Faden von gestern wieder anknüpfen. Statt Richter kam Grieben von Berlin zurück und erzählte beim Kaffee viel von der Stimmung dort in Folge der Mobilmachung, die sehr günstig aufgenommen worden ist, obgleich Schleinitz und Bonin sie durchaus nicht gewollt haben; der Prinz von Preußen hat dies bedauert und gesagt, sie sollten ihr Portefeuille fordern, er könne nicht anders, was aber glücklicher Weise nicht erfolgt ist. Man hält im Allgemeinen den Prinz-Regenten für einen kriegerischen Soldaten, als feinen Diplomatiker. Eine köstliche Anekdote cursirt, die, wenn auch erfunden, vortrefflich ist. Eine Tischlerfrau bittet beim Prinzregenten um eine Audienz, die ihr gewährt wird; sie klagt diesem ihre Noth in Abwesenheit des Mannes, da sie 9 Kinder habe und bittet, ob ihr Mann, der eingezogen ist, nicht zurückkommen könnte. „Liebe Frau“ erwidert der Prinz, „das hilft Alles nichts; kommt es zum Krieg, muß ich und mein Sohn || auch mit“, worauf die Frau: „Ja das können Sie wohl, Sie sind nicht, aber mein Mann ist Tischler.“ Die Geschichte beweist, wie die gewöhnlichen Leute geistige Arbeit für keine solche nehmen und nur die mechanische körperliche Werth in ihren Augen haben. Marie Fritzner und ihre Schwägerin, eine liebenswürdige Norwegerin, die mir viel von ihrer Heimath erzählen muß, kamen auch und blieben drei Stunden bei mir; ich brachte sie am Abend noch ein Stück heraus und wurde durch den Regen wieder nach Haus getrieben. Abend um 11 Uhr wurde Richter wieder vergeblich erwartet. Freitag Morgen machte ich meinen beliebten Spaziergang über den Ruinenberg, oben über die Berge nach der Berliner Chaussee herunter, meine reichste Fundgrube von Gräsern und Blumen, die in einem hohen Berge auf dem Tisch prangen. Auf dem Rückweg sagte ich Frl. Wangeman u. Frl. Arndt noch guten Morgen und bat sie zum Abend her, zu denen sich noch Sametzkys und Ziethens einfanden. Deine Mutter und Hermine besuchten im Laufe des Vormittags Frau Aegidi, während ich mit Dir plauderte, durch allerlei Unterbrechungen aber nicht so weit kam, wie ich wollte. Ich möchte gar zu gern den Brief heute noch zur Post haben, damit Du Montag nicht wieder vergeblich wartest. Nach Tisch besorgte ich das Nöthige zum Abend; dann kam wirklich der Prediger Richter an, wodurch sich die Kaffeestunde etwas in die Länge zog. Er brachte einen Brief mit von Tante Auguste an Deine Eltern, worin sie mich sehr bitten, in Mutter’s Abwesenheit zu ihnen zu kommen. Unsere Wünsche begegnen sich also. Philipp geht es wieder nicht gut. Dann machten wir noch einen kleinen Spaziergang, auf dem ich den kleinen Zahnstocher von Vater einbüßte und Abends mußte ich meinen Gedanken eine andere Richtung geben, um bald mit Diesem, bald mit Jenem mich zu unterhalten und dabei die Menschen mit Thee versehen. || Heute Morgen brauchte ich zum ersten Mal nicht mehr Molken zu trinken; einen Spaziergang habe ich darum doch gemacht, nämlich denselben von gestern Abend, um den Zahnstocher zu suchen, der sich aber nicht fand.

Ich muß noch ausführlicher auf Deinen lieben letzten Brief zurückkommen. Ich kann mir denken, wie heimathlich und darum auch um so sehnsüchtiger, Du in der schön bewaldeten Schlucht bei Cava Dich gefühlt hast, eine solche Gegend mitten unter den immergrünen, waßerarmen Landschaften Italiens, muß einen eigenthümlichen Eindruck machen. Oft frage ich mich aber auch, wird Dein Erni nicht oft auch Sehnsucht nach den glühenden Farben des Südens, nach den dunkelgrünen, mystischen Oliven, den lachenden Orangen und Citronen, den zarten Magnolien (dem Lieblingsbaum der Sakuntala) und den lockenden Myrtenwäldern Capris haben, wenn er wieder eine Weile in den Wiesen und Laubhölzern des Nordens geweilt hat? Gewiß – es liegt einmal in der Natur des Menschen, das zu wünschen, was man nicht hat, wenn ich in diesem Falle auch weiß, daß ich bei Deiner Sehnsucht nach Deutschland immer in den Vordergrund trete. Willkommen, willkommen auf dem schönen Capri, mein lieber, lieber Erni! Ich weiß Dich da recht gerne in der herrlichen Natur unter guten Menschen und nicht so stickender Hitze wie in Neapel. Ich freue mich, daß Du nicht in Paestum übernachtet hast und denke mir die Trümmer des alten Tempels höchst intereßant. Wie schön muß der Weg nach Salerno und dies selbst sein. Unter dem Venushaar an der Tropfsteinhöhle hätte ich auch sitzen mögen; es ist mir das liebste unter den Farrenkräutern von Dir und aus Nizza. Zu meinem großen Schreck schlägt die häßliche Uhr eben 1, da muß ich schleunig schließen und sehr bitten, ob die 1½ Uhr Post mir den Brief nicht noch mitnimmt. Deine Eltern, Karl, Hermine, Richter, Frl. Wangeman u. Arndt, Alles grüßt Dich herzlich; ich schließe Dich in Gedanken an mein volles Herz, wünsche Dir gutes Wetter, Gesundheit, reiches Material. Deine treue Aenni.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
18-06-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 34455
ID
34455