Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Heringsdorf, 3. September 1858

Heringsdorf 3.9.58.

Vorgestern erfreute mich Dein lieber Brief, mein Herzensschatz, der um so erwünschter kam, da ich sehr heruntergestimmt war. Ich fürchte ein Gleiches von Dir, wenn Du die unangenehme Nachricht erfährst, freue mich aber, daß ich mich nach langen Kämpfen drin gefunden habe und die Sache nun nicht mehr so schlimm ansehe, als anfangs ganz in den schwarzen Farbentönen, in denen Deine Phantasie so gern malt. Helene Brauchitsch, die sehr viel krank gewesen ist und erst 7 kalte Bäder genommen hat, soll nach Anordnung des Arztes noch länger bleiben und da nun morgen das ganze obere Quartier frei wird, konnte Mutter nicht anders, als ihr dort noch ein Zimmer anzubieten, das sie sehr freudig angenommen hat. Finde Dich nun auch hinein, lieber Erny, wir werden doch viel Zeit für uns haben; sie schreibt viel Briefe, badet zwischen 10 und 11 Uhr; wodurch ihr der ganze Vormittag zerrißen wird und kann weitere Touren gar nicht mitmachen. Nun fragt es sich aber, sollen wir ihr nicht unser Geheimniß mittheilen, um ganz ungenirt zu leben. Besprich es mit Deinen Eltern; ich bin sehr dafür, denn Mutter und ich meinen beide, daß es gut bei ihr aufgehoben ist; sie ist sehr verschloßen und wird mir zu Liebe gewiß nicht plaudern; merken wird sie ohnehin, wie wir uns lieb haben. Mir ist ein || Stein vom Herzen und ich kann nun wieder vergnügt und fröhlich sein. Ach ich bin es ja so sehr in dem Gedanken an den Dienstag oder Mittwoch und vergeße ganz diesen kleinen Schatten, der anfangs mein liebes, lichtes Bild ganz verdecken wollte. Nun zur Reise; die Schiffe haben ihren Cours verändert, und Neptun und Expreß fahren beide um 2 Uhr von Stettin ab, ob noch eines früher mit dem Anschluß an den Berliner Zug abgeht, habe ich bis jetzt noch nicht erfahren können, ich bitte Dich, mir genau zu schreiben an welchem Tage und mit welchem Schiffe Ihr fahren wollt, damit wir zur rechten Zeit in Swinemünde sind. Ich rathe mit dem Neptun zu fahren, der nur 3½ Stunde fährt, so daß Ihr zwischen 5 und 6 Uhr in Swinemünde seid; Herzchen ich kann den Moment kaum erwarten. Gestern machte ich eine prächtige Partie mit Sethens nach Corswant, hin und zurück zu Fuß und danach eine kleine Tour nach dem Krebssee, den ich Dir auch zeigen werde, hoffentlich bei so brillanter Beleuchtung wie wir sie gestern auf die schönen Buchen und Eichen hatten, die den ganzen See einschließen. Den Rückweg machten Heinrich und ich größtentheils am Strande von Ahlbeck an, einem Fischerdorf zwischen Swinemünde und hier. Ich war für ihn und seine Fragen gänzlich abwesend. Ich || malte mir aus, wie ich an Deiner Seite, in Deinem Arm den Weg in einigen Tagen zurücklegen würde und war mit meinen Gedanken ganz bei Dir, dem Liebsten, das ich auf der Erde habe. Manchmal denke ich, es kommt noch etwas zwischen unser Glück und seine Erfüllung, so groß, so hoch es ist für mich. Deine Tage in Jena habe ich nun gründlich mitdurchlebt, und mir entzückend ausgemalt die Tour mit Dir zusammen in’s Schwarzathal, in das ich von Ziegenrück aus nicht gekommen bin. Deine Partien und Aussichtspunkte von Jena aus, klingen mir alle so bekannt, daß die ganze Gegend, die ich damals an dem herrlichsten Morgen durchfuhr, mir wieder klar vor Augen liegt. Den Fuchsthurm sieht man schon vor Pößneck, ebenso die Leuchtenburg, ziemlich der höchste Punkt wohl in der Gegend, die ich damals gar gern erklettert hätte. – Doch später vielleicht – das Leben in Jena denke ich mir sehr nett und kann mir vorstellen, wie Du dort nicht allein der Gegenwart, die bei dem bunten Getreibe und den netten Leuten aus allen Gegenden Deutschlands, die Du dort kennen gelernt hast, gewiß sehr ihren Reiz hatte, sondern auch der Zukunft etwas gelebt hast, worauf ich mich jetzt auch sehr häufig ertappe. Bist Du erst bei mir, lebe ich ganz der Gegenwart, die wir uns Beide auf keine || Weise trüben laßen wollen, nicht wahr? Du hast ganz Recht, die Erinnerung an diese und so manche andere schönen Tage wird manche trübe Stunde der nächsten Zukunft erhellen. Mittwoch Abend waren Kieperts und Richters bei uns, nachdem wir auf der Sallenthiner Mühle die Sonne herrlich hatten untergehen sehen. Nach dem Thee sangen Kieperts und Herr Richter ein paar Terzetts, unter anderem ein Abschiedslied, in dem immer vom Wiedersehen nach einem Jahr die Rede ist; da wurde ich ganz weich und eine verstohlene Thräne fiel mir in den Schoos, die Dir galt, mein Liebchen. Richters sind heute Morgen wieder abgereist und Kieperts Dienstag. Die See ist jetzt immer prächtig blau gefärbt, das ist, sie sieht mich immer mit Deinen Augen an, die ich überall und überall sehe. Das Wetter ist prächtig, wenn es sich nur die nächsten drei Wochen so hält, da wollen wir die Natur gehörig auskosten. Deinen Alten wollte ich es auch wünschen, denn der Onkel wird die Gegend gewiß tüchtig durchstreifen, und Deiner Mutter winkt auch ein sehr schönes Plätzchen in der Halle zum Spazirensitzen, worin sie an Mutter und Hermine eine treue Gefährtin findet. Uns geht es Allen gut und hoffen von Euch ein Gleiches. Jetzt ist aber das Plauderstündchen vorbei; ich muß mich schnell || anziehen und dann meinem Versprechen gemäß Tante Adelheid packen helfen, die Dir diesen Brief und vielleicht einen Blumengruß mitbringen wird, wenn ich nicht fürchte, daß sie von den Kindern unterwegs zu unsanft behandelt werden werden. Einen Kuß zum Abschied.

Nachmittag. Ich habe gepackt, lieber Erni, Mittag gegeßen und dann Siesta allein, nicht an meinem Plätzchen gehalten, um recht frisch meinen lieben Schatz zu begrüßen. Könnte ich nur ein Viertelstündchen mit Dir plaudern, es ging viel beßer das Plaudern, als auf diesem Wege. Ich habe Dich noch einmal so lieb, seit ich Dich glücklich aus der Gletscherspalte heraus weiß, Du kühner Wagehals und dem Tode so nahe warst, der Dir so lockend scheint. Ja es muß ein schöner Tod sein für einen Naturforscher, mitten in seinem Beruf, während er die höchsten Eisgipfel erklettert, um die Natur auszuforschen; und gerade da dem Tod anheim fällt, wo wirklich scheinbar alles Leben aufhört. Aber mein Schatz, ist es nicht noch schöner, immer tiefere Blicke in die unergründliche Natur zu thun und ein kleines Stückchen; wenn auch nur ein kleines Stückchen, näher zu kommen der Wahrheit, nach der die Sehnsucht in des Menschen Brust gelegt ist und die er nie ganz erreicht? Ist es nicht schön, seine Sehnsucht stillen zu können, wenn sie auch nicht ganz befriedigt wird, und gehst Du nicht einem || Beruf entgegen, in dem Dir solche Nahrung des Geistes geboten wird, wie in keinem anderen? Du weißt was ich meine, wenn die Feder auch unvollkommen berichtet von dem, was ich in dieser Beziehung für Dich denke. O Erni, Du mußt mir mehr erzählen von der herrlichen Gletscherwelt, von der ich in Deiner Reisebeschreibung noch lange nicht genug lese; wie großartig schön müßen diese Eisberge in der herrlichsten Farbenspiegelung sein; ich stand bei Dir auf dem Hochjochferner, versunken in die Wunder der Natur und habe die ganze Nacht von Mittwoch auf den Donnerstag davon geträumt. Wie erfreut war ich beim Lesen auf die primula glutinosa zu stoßen, die Du auf dem Hinter Eise gefunden hast; das muß gewiß die herrliche blaue Primel sein, mein Liebling aus meinem kleinen Herbarium. Ich komme leider zu wenig zum grünen Buch, weil ich mich ungern von Helene Brauchitsch dabei überraschen laße. York und Arndt, deren Inhalt beide sehr ineinander greift, intereßirt mich sehr; doch komme ich überhaupt wenig zum Lesen und spare mir diese Stunden alle für die nächste Zeit auf, wo mir ein gewißes liebes, liebes Wesen an meiner Seite sitzt. Von Herrn Kiepert habe ich die verschiedensten sehr niedlichen a Ansichten von Heringsdorf gesehen, der sehr viel Talent || zum Zeichnen hat; da habe ich viel an Dich und Deine Aquarelle gedacht; die Du hier wieder üben kannst. Ich bin sehr neugierig auf das letzte bei Biermann gearbeitete. Sage mal, bist Du Dienstags nicht mehr b in Moritzhof, Du schreibst gar nicht davon.

Doch nun etwas von meinem Leben. Bis Dienstag Morgen kennst Du es. Um 12 Uhr machte ich mit vielem Widerstreben mit Mutter einige Besuche, war aber so glücklich, überall Karten los zu werden. Nachmittags gingen wir mit Tante Adelheid nach dem Forsthause mitten im Walde, um dort Kaffee zu trinken und dann einen hübschen Spaziergang zu machen; erst noch im Walde zur sogenannten Störtebeckhöhle, einer tiefen Schlucht, ganz mit jungen Buchen bewachsen, in der nur ein Sonnenblick fehlte; ich habe sie vor mehreren Jahren auf dem Rückweg von Corswant bei Vollmondbeleuchtung gesehen und glaubte mich in ein Feenmährchen versetzt, überall zwischen den glitzernden Buchenblättchen sah ich Elfen herumtanzen, ein niedliches Zauberbild, das sich doch meiner Seele eingeprägt haben muß, denn ich sah es in dem Moment deutlich vor mir; dann ging es über die Dünen, wo ich sehr schöne duftende Orchideen fand, an den Strand, wo wieder neues Leben für die Phantasie sich regte. Die See war || ganz ruhig, sie sowohl wie die Berge prächtig beleuchtet. Mittwoch Morgen blühten mir wieder Besuche, die ebenso glücklich, wie am Tage vorher abgeschüttelt worden sind. Dabei hatte ich einen sehr schönen Blick vom Kulm aus, den ich noch c gar nicht besucht hatte; auf die See, die in wundervoller blauer Farbe prangte; 4 Dampfschiffe und viele große Segelschiffe fuhren hin und her. Nachmittag nach dem Kaffee wanderten wir nach der Sallenthiner Mühle, auch ein sehr schöner Punkt für’s Auge; man sieht 7 Landseen zwischen Wald und Dörfern und die See liegen; der herrlichste Sonnenuntergang verfehlte nicht, dem Ganzen den richtigen Farbenton zu geben. Zu Haus fanden wir schon Kieperts und Richters vor, mit denen wir einen gemüthlichen Abend verplauderten. Gestern aß ich früh Mittag und wanderte schon um 1 Uhr mit Heinrich und Marie nach Corswant, wo ich einen sehr schönen, vom Wetter äußerst begünstigten Tag verlebte. Trotz großer Hitze ging es frisch vorwärts durch den schönen Wald, wo ich immer laut aufjauchzen möchte; ¼ Stunde vor dem Ziel blieb Heinrich vor Müdigkeit liegen; Marie und ich gingen weiter und freuten uns in Corswant über den schön beleuchte-||ten Wolgastsee. Dann unternahmen wir nach einer Rast die Tour nach dem Krebssee, von der Du gehört hast, und um 9 Uhr kam ich in stockfinsterer Nacht, die nur von einzelnen Sternen, namentlich dem bläulichen, magischen Licht des Sirius erhellt war, wohlbehalten hier an. Trotzdem war ich wieder die Wachste und Munterste von Allen, die drei gingen schon vor 10 Uhr zu Bett; ich las noch in Deiner Reise; wollte eigentlich noch schreiben, fürchtete aber doch so in’s Plaudern mit Dir zu kommen, daß ich die häßliche 11 Uhrstunde vergeßen hätte, worüber ein Gewißer doch sehr gescholten haben würde. Wir haben bis jetzt Karl vergeblich erwartet, dem von Scherz halb und halb die Herreise versprochen war. Heinrich hat Euch gewiß von uns berichtet und hoffentlich recht bald meinen Brief abgegeben. Es hat sich jetzt öfter getroffen, daß wir zu gleicher Zeit einen Brief bekommen haben. Dieser wird mein letzter Gruß von der See sein, ehe Du sie selbst siehst; ich hoffe sie macht zu Deinem Empfange kein heiteres Gesicht, sondern runzelt die Stirn und braus’t Dir entgegen, mir gefällt sie so beßer; dafür wird Deine Kleine aber ein desto freundlicheres Gesicht machen, denn sie lacht jetzt schon manchmal still für sich hin in dem Gedanken an das baldige || Wiedersehen; laut darf sie ja die Freude nicht äußern wegen Helene Brauchitsch. Nicht wahr, Du schreibst mir darüber, ob ich ihr beichten soll, denn, wenn Du auch der Meinung bist, denke ich mir es angenehmer für Dich, sie weiß es vorher. Der Brief ist etwas confuse; ich bin aber zu oft dabei unterbrochen worden. Heute Nachmittag waren Sethens hier und kamen früher, als ich dachte, wir haben noch mit großem Eifer Boccia gespielt und sind dann noch zusammen am Strand gewesen, wo es unnatürlich heiß war; die Natur hat sich aber gerechtfertigt, denn es regnet sehr schön. Nun setze ich mich nach Tisch hin, um zu vollenden, da kommen Fritsches von oben, um Adieu zu sagen aus Breslau, eine Mutter mit drei sehr munteren Mädchen, von denen eine ihrem Bruder Naturforscher in Berlin heute einen Seeraben geschickt hat, der hier vom Förster geschoßen ist. Das, dachte ich, würde Dir gewiß auch willkommen gewesen sein. Nun will ich aber wirklich gute Nacht sagen, sonst muß ich wieder ungehorsam werden. Bald können wir uns eine felicissima notte wünschen. Wie ist’s denn, hast Du noch Italienisch getrieben, oder nimmt Müllers Archiv alle Zeit in Anspruch. 1000 Grüße Deinen Alten und Tante Berta die Euch gewiß vermißen wird. Dir, lieber Erni einen

innigen Kuß von Deiner Anna ||

Ich schicke Dir doch keine Blumen mit, denn Hermine meint auch, Du würdest sie schlecht bekommen; nur die kleinen Nelken, die ich mir in Unmaße vom Krebsberg mitgebracht habe kann ich nicht zurücklaßen.

a gestr.: um; b gestr.: bei; c gestr.: nic

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03-09-1858
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 34421
ID
34421